Eingestiegen: Ehrendoktor für BioNTech-Gründer

Ehrenpromotion

Özlem Türeci und Ugur Sahin erhalten die Ehrendoktorwürde. (Foto: Laura Schiller)

„Die gesamte Menschheit muss Ihnen dankbar sein“, sagte Prof. Dr. Denise Hilfiker-Kleiner . Die Dekanin des Fachbereichs Medizin und Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Nauss übergaben den BioNTech-Gründern die Urkunden für die Ehrendoktorwürde.
Mit der Ehrendoktorwürde hat der Fachbereich Medizin der Philipps-Universität am Donnerstag (12. Mai) im Auditorium des Universitätsklinikums auf den Lahnbergen Prof. Dr. Özlem Türeci und Prof. Dr. Ugur Sahin ausgezeichnet. Mit der Entwicklung des ersten Impfstoffs gegen das Coronavirus „SARS-Cov-19“ hätten sie „ein Stück weit die Menschheit gerettet“, erklärte die Hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn in einer Video-Grußbotschaft. Zugleich ist dieser Impfstoff das erste zugelassene Medikament weltweit auf Basis der neuen mRNA-Technologie.
Über diesen Vorschlag seien sich die Gremien sofort einig gewesen, berichtete Prof. Dr. Stephan Becker. Dabei habe der Fachbereich Medizin seit 1940 lediglich 14 Ehrenpromotionen vergeben.
In seiner Laudatio schilderte der Direktor des Instituts für Virologie zunächst seine Erfahrungen mit weltweiten Pandemien. Meist spiele sich das Geschehen in Afrika oder Asien ab. Die Menschen dort litten dann zusätzlich unter einem schlechten Gesundheitssystem und wirtschaftlicher Not.
Als 2014 ein Ebola-Ausbruch in Afrika gemeldet wurde, nahm Becker Kontakt mit Sahin auf. „Schon seit 2005 gab es einen erfolgversprechenden Impfstoffkandidaten gegen Ebola, aber er war nicht zugelassen“, berichtete Becker. „Die Kosten für Klinische Studien waren den Firmen zu hoch, da nur wenige Menschen in Afrika davon betroffen wären.“
Genau das gleiche Problem hatte Türeci und Sahin zur Gründung ihres Pharma-Unternehmens BioNTech veranlasst. „Wir haben aus Verzweiflung eine Firma gegründet“, hatte Türeci einmal erklärt. Die Methoden der Forschung im Labor kamen einfach zu langsam bei den Patientinnen und Patienten an.
„Für einen Arzt ist es nicht schön, einem Krebspatienten erklären zu müssen, dass man keine Behandlungsmöglichkeiten mehr hat“, berichtete Sahin aus seinem Alltagin der Klinik. Umso schlimmer sei das, wenn man im Labor selbst mögliche Behandlungsstränge ausgemacht habe, die aber noch nicht hinreichend erprobt und entwickelt sind.
In seiner Dankesrede beschrieb er die gemeinsame Arbeit mit seiner Ehefrau an einer Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs. Dafür griffen sie auf die Messenger-RNA zurück, in der sie einen geeigneten Ansatz zur Heilung von Krebserkrankungen sahen. Dabei hatten sie nicht nur Antikörper im Blick, sondern einen ganzheitlichen Ansatz des Immunsystems unter Einbeziehung der T-Zellen.
Seit 1996 erforschen beide gemeinsam die mRNA-Technologie. Deren Wirksamkeit haben sie dabei immer weiter verbessert. Sahin beschrieb, wie sie die Verstärkung der Wirkung der eingespritzten RNA zunächst verdreifacht, dann verfünffacht und verzwanzigfacht haben, sodass die Kombination dieser vielen Verfahrensschritte heute die 100.000-fache Wirkung des Medikaments erreicht.
„Jeder Krebs ist anders“, erklärte Sahin. Darum haben die Mainzer Algorithmen entwickelt, die den jeweiligen Krebs und die darin vorliegenden Mutationen in kürzester Zeit analysieren und daraus das geeignete Medikament individuell entwickeln. Diese Technologie war 2020 so weit gediehen, dass sie die Grundlage auch für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus bieten konnte.
Im Februar 2020 beschlossen die beiden BioNTech-Gründer deshalb, sich mit voller Kraft an die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid 19 auf Basis der mRNA-Technologie zu machen. „Der hippokratische Eid verpflichtet uns, zu helfen“, erklärte Türeci. „Wenn man die Möglichkeiten und Fähigkeiten hat, hat man die Verantwortung zu handeln.“
Aus anfänglichen 20 verschiedenen Impfstoff-Kandidaten isolierten die „Wissenschaffenden“ in Mainz vier Varianten, die sie am Tiermodell erprobten. Am Ende zeigte sich der – inzwischen bereits mehr als drei Milliarden mal verabreichte – Impfstoff als wirkungsvollste Version heraus.
3,4 Milliarden Dosen hat BioNTech bereits produziert, von denen das Marburger Werk mit 1,4 Milliarden den größten Anteil stellt. Mehr als eine Milliarde Menschen haben diesen Impfstoff inzwischen schon erhalten.
Bereits während der Entwicklungs- und Erprobungsphase habe BioNTech Kontakt zu den Genehmigungsbehörden aufgenommen, um nach der Bewältigung des jeweiligen Schritts unverzüglich mit dem nächsten beginnen zu können. Nur dank der Unterstützung der Behörden sei der Impfstoff „ComRNaty“ innerhalb von elf Monaten zur Marktreife gelangt.
„Für Forscher ist es eine große Gnade, das erleben zu dürfen“, sagte Türeci. Wichtig sei ihr, den Impfstoff nun weltweit auch gerade dorthin zu bringen, wo die Menschen weniger Chancen auf medizinische Hilfe haben als in Deutschland. „Darum haben wir Impfstoff an verschiedene Länder zum Selbstkostenpreis geliefert“, berichtete sie. Zudem werde in wenigen Wochen der erste BioNTainer von Marburg aus nach Ruanda gebracht.
Damit wolle BioNTech sein Knowhow dorthin exportieren, damit die mRNA-Technologie vor Ort angewandt werden könne. Diese Methode sei nicht banal, erklärte Türeci. 285 Wirkstoffe von 86 Lieferanten müssten dabei unter absolut sterilen Bedingungen in 40 verschiedenen Schritten verarbeitet werden. „Auch da haben wir eine Verantwortung“, betonte sie.
Zum Schluss ihrer Dankesrede machte sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Mut, sich auch von Rückschlägen und mangelnder Aufmerksamkeit für ihre Forschung nicht entmutigen zu lassen. „Am Ende ist vielleicht gerade dieser kleine Schritt der Baustein, der im großen Mosaik zur Umsetzung einer wichtigen Technologie fehlt“, erläuterte sie.

* Franz-Josef Hanke

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