Bewegung und Betätigung: Erinnerungen an den 10. Juni 1982

FJH

Franz-Josef Hanke (Foto: Laura Schiller)

„10. Juni“ ist nicht nur der Titel eines Songs der Kölner Gruppe „Bap“. Der 10. Juni 1982 war auch ein denkwürdiger Tag für viele Menschen in Deutschland.
Auf der rechtsrheinischen Rheinaue in Bonn fand an diesem Tag die wahrscheinlich größte Friedensdemonstration der deutschen Geschichte statt. Hunderttausende waren von überallher nach Bonn gereist, um gegen die „NATO-Nachrüstung“ zu protestieren. Auf der linken Rheinseite sprach derweil der US-Präsident Ronald Reagan im Deutschen Bundestag.
Wenn auch der Pazifismus vieler damaliger Teilnehmerinnen und Teilnehmer angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffs russischer Truppen auf die Ukraine heute kritisch diskutiert wird, so mag dennoch vielleicht auch die Demonstration am 10. Juni 1982 mit dazu beigetragen haben, dass die deutsche Wiedervereinigung überhaupt erst möglich geworden ist. In jedem Fall stand damals das nukleare Wettrüsten in der Kritik, das einer gefährlichen Abschreckungslogik folgte, die der russische Präsident Vladimir Putin 40 Jahre später in verschärfter Form zur Grundlage seiner mörderischen Kriegspolitik gemacht hat. Putin regiert mit Gewalt und Gewaltandrohung, wogegen sich damals auch bereits die vielleicht 500.000 Demonstrierenden in Ramersdorf richteten.
Mit mehr als 50 Bussen waren Tausende aus Marburg zu dieser Demonstration angereist. Von der Mensa am Erlenring fuhren die Busse ab, um die Demonstrationswilligen dann auf der – damals noch nicht freigegebenen –
Autobahn beim „Ramersdorfer Kreuz“ abzusetzen. Organisiert hatten diese Busse die damals AStA-tragenden Gruppen Jusos und GBAL.
Für die Grün-bunt-alternative Liste (GBAL) habe ich damals gemeinsam mit dem stellvertretenden AStA-Vorsitzenden Peter Feldmann von den Jusos diese Busse organisiertt. Wir haben die Busse am Erlenring nacheinander vorfahren und die Marburger Aktiven einsteigen lassen. Dabei haben wir die Fahrkarten kontrolliert.
In einem der letzten Busse bin ich dann mitgefahren nach Bonn. Dabei hatten wir die schwarze Fahne mit dem weißen „B“. Sie war das Erkennungszeichen des „Bottroper Blocks“ in Marburg.
Der 10. Juni 1982 war ein brütend heißer Tag. Während wir durch Bonn liefen, wechselte die Fahne häufig den Träger. Alle Aktiven mussten nacheinander einmal ran.
Als Lothar die Fahne trug, fragte ihn jemand, was das weiße „B“ auf schwarzem Blog bedeute. Er erklärte, das stehe für „Bottroper Blog“. Das seien jene Studierenden in Marburg, die aus Bottrop stammten.
„Du hörst Dich aber nicht so an, als ob Du aus dem Ruhrgebiet kämst“, antwortete die Fragestellerin. „Nein, ich bin von der Pfalz“, antwortete Lothar wahrheitsgemäß. „Ich verstehe gar nichts mehr“, lautete daraufhin das Fazit der interessierten Mitdemonstrantin aus Bonn.
Solche oder ähnliche Geschichten konnte man vor 40 Jahren beim politischen Engagement in Marburg erleben. So hat das Friedensreferat des AStA zur Mobilisierung für den 10. Juni 1982 auch eine satirische „Pro-Reagan“-Demo durch die Universitätsstraße und die Gutenbergstraße zur Jägerkaserne an der Frankfurter Straße veranstaltet. „Pazifismus“ war damals nämlich eher als humanistischer Denkanstoß gedacht denn als Ideologie.

* Franz-Josef Hanke

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