Beispiel Buchladen: Das alternative Café Am Grün

Seit gut 40 Jahren kenne ich bereits Das Café Am Grün. Anfang der 80er Jahre firmierte es noch als „Buchladen-Café Roter Stern“.
Entstanden ist es kurz nach Eröffnung der „Buchhandlung Roter Stern“ in dem restaurierten Fachwerkhaus „Am Grün“ 28 – 30. Während der Buchladen vorne an der Straße in seinen Schaufenstern Literatur präsentiert, führt an dessen Seite ein Weg von der Straße fort an dem Gebäude entlang geradewegs zu dem Anbau hinten zum Lahnufer hin. Ende der 90er Jahre wurde das Café noch durch den Umbau einer ehemaligen Garage erweitert, wodurch es fortan mehr als doppelt so viele Plätze bot wie zuvor.
Erst seit diesem Umbau können auch Leute im Rollstuhl das „Café Am Grün“ besuchen. Vorher war das durch die Stufen vom Eingangsbereich neben der Theke hinab zum Gastraum unmöglich gewesen.
Ende der 90er Jahre öffnete das Café zudem auch einen kleinen Innenhof und anschließend sogar Tische auf einer Wiese am Lahnufer, die über eine Holztreppe von dem kleinen Hof her erreichbar waren. Dort konnte man bei schönem Wetter unmittelbar am Lahnufer sitzen und dem Plätschern des vorbeifließenden Gewässers lauschen.
Von Anfang an war das Café ein Treffpunkt der Marburger Alternativszene. Dort trafen sich Grüne und Antifa-Gruppen ebenso wie Feministinnen oder Studierende und fortschrittlich Akademikerinnen oder Akademiker.
Wie in vielen anderen Städten auch, waren das Café und der Buchladen eng miteinander verbunden. Lesungen fanden im Café statt, während die Kunden der Buchhandlung es sich dort auch mit ihrer neu erworbenen Lektüre bei Kaffee oder Tee und Kuchen bequem machten.
Man saß an großen oder kleinen Holztischen auf bequemen Holz- oder Polsterstühlen. Man trank Kaffee oder Tee, Kakao oder naturtrüben Apfelsaft und aß dazu selbstgemachtes Eis oder Kuchen. Das Angebot war geprägt durch den Einsatz von Bioprodukten und Waren aus fairem Handel.
Betrieben wurde das Café ebenso wie der benachbarte Buchladen von einem Kollektiv. Damals war die „alternative Wirtschaftsweise“ sehr verbreitet, die zwischenzeitlich leider stark dem individuellen Profitstreben gewichen ist. Damals jedoch prägte der politische Anspruch das Café, das insbesondere denjenigen ein Angebot unterbreitete, die der traditionellen Wirtschaftsweise reserviert gegenüberstanden.
In den Preisen freilich drückte sich das nicht aus. Darum gingen neben Studierenden eher grün orientierte Lehrerinnen und Lehrer in das Alternativ-Café unweit des Rudolphsplatzes.
In den frühen 80er Jahren fanden viele Veranstaltungen der Grünen im „Café Am Grün“ statt. Meist aber trafen sich die Grünen in ihrer damaligen Kreisgeschäftsstelle an der Haspelstraße. Dennoch war ich häufig in dem Szene-Café am Lahnufer.
Im „Café Am Grün“ habe ich am 13. Oktober 2005 eine Diskussionsveranstaltung der Humanistischen Union (HU) mit der Antifa-Aktivistin Irmela Mensah-Schramm zu ihrem Projekt „Hass vernichten“ miteerlebt. Dabei erklärte sie, welche Probleme sie dafür ertragen muss, dass sie Hakenkreuze übermalt, wo immer sie sie sieht.
Später stieß ich im „Café Am Grün“ einmal zufällig auf eine Veranstaltung der Zeitschrift „GegenStandpunkt“. Das ist eine Nachfolgepublikation einstiger Aktiver der Marxistischen Gruppe (MG), die wenige Jahre zuvor das ursprüngliche „Quodlibet“ an der Frankfurter Straße bevölkert hatte.
Im „Café Am Grün“ traf ich im Herbst 2010 auch meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Grün-Bunt-Alternativen Liste (GBAL) zum gemeinsamen Frühstück nach dem Treffen zum 30-jährigen Bestehen unserer Gruppe. Beim diesjährigen Geburtstagstreffen am Samstag (20. August) fand das gemeinsame Frühstück wieder im „Café Am Grün“ statt; doch ich war diesmal nicht mit dabei. Gerne erinnere ich mich aber an die Gespräche im Herbst 2010.
Viele private Besuche im „Café Am Grün“ sind mir in guter Erinnerung geblieben. Ganz gewiss zählt dieses Alternativ-Café mit seinem besonderen Flair auch zu den legendären Lokalen in Marburg.

* Franz-Josef Hanke

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