GBAL: Gemeinsam Geschichte gestaltet im AStA

FJH

Franz-Josef Hanke (Foto: Laura Schiller)

Eine Zeitreise haben gut 35 Menschen am Samstag (20. August) in Marburg unternommen. Ehemalige der GBAL traffen sich zu einer Geburtstagsfeier ihrer Liste.
1980 hat Frank Schalba-Hotz die „Grün-bunt-alternative Liste“ (GBAL) gegründet. Im Wintersemester 1980/81 zog sie ins Studentenparlament (StuPa) und den Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) ein. Die Feier aus Anlass des 40-jährigen Geburtstags der GBAL wurde wegen der Corona-Einschränkungen jedoch erst 2022 nachgeholt.
Zunächst versammelten sich die ehemaligen GBALer am Samstagmittag vor dem AStA, dessen Vorstand für sie eine Führung durch die Räume der Studierendenvertretung organisiert hatte. Schon bei der Vorstellungsrunde vor dem Mensa-Gebäude am Erlenring wurde klar, dass die GBAL in den 80er Jahren Geschichte geschrieben hat. Das galt nicht nur für die Ablösung des Marxistischen Studentenbunds Spartakus (MSB) im AStA, sondern auch für das politische und kulturelle Leben in Marburg sowie weit darüber hinaus.
Der Ex-GBALer Erwin berichtete, dass er das „Café Trauma“ mitgegründet hatte. „Babbel“ beschrieb ihre Rolle bei der Gründung des selbstverwalteten Wohnprojekts im Bettenhaus, dessen Gründungsvorsitzende sie auch war. Andere erzählten von der Organisation zahlreicher Demonstrationen gegen Mittelkürzungen an der Philipps-Universität, bei der Ausbildungsförderung „BaFöG“, gegen Wohnungsmangel oder den sogenannten „Nachrüstungsbeschluss“ der NATO.
Natürlich machten die meisten auch Angaben zu ihrem weiteren Werdegang und ihren heutigen Positionen. Der – extra aus Brüssel angereiste- Netzwerker Schwalba-Hoth beispielsweise stellte sein jüngstes Projekt einer Auszeichnung für „Women in Leadership“ vor. Heiterkeit erntete Andi für seinen – wohl nicht ganz ernst gemeinten – Vorschlag einer „Senioren-Nacktdemo gegen Armut“.
Bei einem sechsstündigen Rundgang durch Marburg machten die einstigen AStA-Aktiven an verschiedenen Stationen im Stadtgebiet halt, wo Einzelne ihre dortigen Aktivitäten Revue passieren ließen. Dieser historische Rundgang begann im Studentenhaus am Erlenring und führte von dort zu den Türmen der Philosophischen Fakultät an der Wilhelm-Röpke-Straße. Zu einigen neueren Gebäuden am Wegesrand wusste der ehemalige AStA-Vorsitzende und spätere Bürgermeister Dr. Franz Kahle Wissenswertes zu berichten.
Vor der ehemaligen Jägerkaserne an der Frankfurter Straße erinnerten sich Teilnehmende an eine satirische „Pro-Reagan-Demo“, die das AStA-Friedensreferat im Vorfeld des Besuchs des US-Präsidenten Ronald Reagan 1982 in Bonn organisiert hatte. „Das war die einzige Demo der GBAL, die die US-Botschaft unterstützt hat“, berichtete „Kasi“ und zeigte kleine US-Fähnchen aus Papier, die die Botschaft zum Besuch des Präsidenten auch dem AStA zugeschickt hatte. Darauf hatte die AStA-Druckerei dann aber den Slogan „Reagan go home“ aufgedruckt.
Noch ohne diesen Aufdruck waren die Fähnchen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der „Pro-Reagan-Demo“ schwenkten. Mit Hut, Schlips und Anzug liefen sie durch das sommerliche Marburg und riefen „Hurra, hurra, wir lieben unsre USA!“ Derweil verteilten stadtbekannte MSB-Aktive an die Passanten ringsum Flugblätter, die das AStA-Friedensreferat selbst gegen die eigene Aktion der angeblichen „Vereinigung der Fulda-Gap-Spieler“ und anderer verfasst hatte.
Vor der Jägerkaserne dann hielt „Salve“ eine „donnernde“ Rede: „Ihr deutschen Soldaten, wir sind stolz auf Euch“, rief er mit übertriebenem Pathos. Nach und nach öffneten sich Fenster und uniformierte Männer schauten heraus.
Allmählich machte sich ein Grinsen breit in ihren Gesichtern. Je länger „Salve“ redete, desto breiter wurde es. Schließlich erschienen hinter den uniformierten Zuschauern andere Uniformträger, die sie teilweise mit körperlicher Gewalt von den Fensterbrüstungen wegrissen und die Fenster dann schlossen.
In der Wilhelmstraße besuchte der Stadtrundgang dann zwei 1981 besetzte Häuser. Auch dazu gab es amüsante Geschichten. Die heutige „Stadtmission“ im Haus Wilhelmstraße 15 und der „Alte Knast“ ein Haus weiter in der Wilhelmstraße 17 waren 1981 im Zuge der damals grassierenden Wohnraumnot von Studentinnen und Studentinnen besetzt worden.
Ein weiteres besetztes Haus befand sich am Hirschberg. Das „Psychiatrie-Beschwerdezentrum“ hatte im Hirschberg 5 ein Wohnprojekt für psychisch kranke Menschen einrichten wollen. Peter erzählte den Alt-GBALern von seinen damaligen Motiven und der Besetzung.
Das Haus besaß keine Rückwand. Besetzt worden war es im Winter. Neonazis kamen und warfen die Scheiben ein.
Doch es gab Telefonketten, die sehr schnell Unterstützung herbeiriefen. Auch bei der Räumung waren gut 80 Demonstrierende vor dem Haus. Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler stand derweil oben auf der Treppe am Rathaus und beobachtete den Polizeieinsatz.
Das 1981 ebenfalls besetzte Haus Marbacher Weg 14 suchte der Stadtrundgang nicht. Doch auch von den dortigen Wohnbedingungen ohne Heizung und mit vielen „Besetzungsnomaden“ erzählte eine damalige Bewohnerin. Am Ende waren nur noch zwei Bewohner im Haus, was die Polizei aber nicht erfahren durfte.
Ein absolutes „Highlight“ des Stadtrundgangs war der Halt an der einmündung des Hirschbergs in die Untergasse. Hier zeigte „Kasi“ alte Zeitungsausschnitte mit Bildern der „Marburger Nacktdemo“ gegen die BaFöG-Kürzungen nach dem Motto „Einem Nackten kann man nichts mehr aus der Tasche ziehen.“ Die Fotos der Oberhessischen Presse (OP) waren 1981 genau an dieser Stelle aufgenommen worden.
Der damalige aStA-Vorsitzende Charly Hörster erzählte von den späteren Strafverfahren gegen ihn, die aber alle glimpflich ausgingen. Den Vorwurf der „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ habe die Staatsanwaltschaft als Ersten fallenlassen, da sich niemand bereitfand, der diese Demonstration als „Ärgernis“ einstufen wollte. Zu Hörsters Unmug wiederholte Rudi Carell die Filmaufnahmen von der Marburger Nacktdemo mehrfach in „Rudis Tagesshow“, ohne dafür Geld für die Prozesskosten an die AStA-Anwälte zu überweisen.
Weitere wichtige Meilensteine der „Zeitreise“ waren die Volkszählungen 1983 und 1987 sowie und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986. Der AStA war dabei jeweils eine wichtige Anlaufstelle des Protests und der Aufklärung. „Wir konnten uns vor dem Ansturm kaum retten“, berichtete ein GBALer.
Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl hatten Physikstudenten von befreundeten Wissenschaftlern einen Geigerzähler ausgeliehen. An den Tischen draußen vor der Mensa zeigte er erschreckend hohe Werte an. Auch auf dem Marburger Marktplatz war die gemessene Strahlung deutlich höher als alle anderen in Deutschland veröffentlichten Messwerte.
„Wir hielten es für extrem unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die Marburger Mensa der absolute Hotspot in Deutschland sein sollte“, erklärte einer derdamaligen Physikstudenten. „Wöchentlich haben wir die Werte auf Flugblättern zusammengestellt und verteilt. Diese Flugblätter hätten wir sogar verkaufen können, so gierig waren die Menschen danach.“
Ebenso wie bei der Volkszählung kamen Bürgerinnen und Bürger in den AStA, um dort Flugblätter zum Verteilen abzuholen. Auch die abschließende Präsentation der eingesammelten Erhebungsbögen auf dem Marktplatz belegt die durchschlagende Kraft des Volkszählungsboykotts (VoBO): Der gesamte Marktplatz war kreuz und quer mit Wäscheleinen überspannt, an denen in wenigen Zentimetern Abstand unkenntlich gemachte Erhbegungsbögen aufgereiht waren.
Wie ein roter Faden durchzog die schwarze Fahne mit dem weißen „B“ die Vorträge und Reden bei dem BGAL-Gedenkrundgang. Die Fahne des „Bottroper Blogs“ war das Erkennungszeichen der Marburger Gruppen bei auswärtigen Demonstrationen ebenso wie in Marburg selbst. „Kasi“ hatte den „Bottroper Blog“ gegründet, da er aus Bottrop stammte.
„Wir waren ein kreatives Künstlerkollektiv, das sich genausogut auf der Dokumenta in Kassel präsentieren könnte wie diejenigen, die jetzt da ausstellen“, meinte ein GBALer. Ein anderer stimmte ihm zu und meinte: „Wir waren sogar noch kreativer und politischer. Vor Allem aber hatten wir keinerlei Ansätze von Antisemitismus.“
Den abendlichen Abschluss der „Zeitreise“ bildete ein gemeinsames Essen in der „Bottega“ an der Biegenstraße. Manche vermissten dabei die Atmosphäre, die einst der „Schwarze Wal“ am Rudolphsplatz geboten hatte. Alle aber erinnerten sich an die gemeinsame Zeit in der GBAL als prägende Erfahrung für ihr weiteres Leben.

* Franz-Josef Hanke