Drei Kinder: Corona-Impfung erhöht Lebensqualität

Ich treffe Britta an einem nebeligen Herbstnachmittag im Café im Schwanhof. Ihr elfjähriger Sohn Noa betreibt gerade Kampfsport im benachbarten Dojo.

Der siebenjährige Elias spielt während unseres Gesprächs mit Mamas Mobiltelefon. Britta ist Mitte 40, studierte Sozialpädagogen, schlank, hat kurze hellbraune Haare und trägt Kleidung aus nachhaltiger Herstellung.
Ihr 48-jähriger Mann Reinhardt arbeitet als Informatiker im Kundendienst. Er hat aus Termingründen unser Treffen zwar abgesagt aber seiner Frau vor unserem Gespräch seine Ansichten nochmals kurz per Messenger Dienst mitgeteilt. Sie ist Veganerin und auch ihre Familie lebt vegetarisch. Ebenso bekommen die Katze und der Hund pflanzliche Tiernahrung aus ökologischem Anbau. Sie fahren viel mit dem Fahrrad und versuchen umweltbewusst zu handeln. Mit ihren drei Kindern geht sie lieber zu ihrer Heilpraktikerin als in die Kinderarztpraxis. Alle 3 Kinder besuchen die Waldorfschule in Marburg. Mit der 16-jährigen Tochter Finja war sie früher auf sogenannten „Masernparties“, um sie zu immunisieren.
Dort werden Kinder bewusst einer Ansteckung ausgesetzt. Alternativ lebende Eltern sind davon überzeugt, eine Erkrankung durchzumachen wäre eine stärkende Erfahrung für den kindlichen Körper.
Über ihren grünen Tee hinweg schaut Britta mich mit ihren grauen Augen nachdenklich und auch etwas frustriert an: „Es muss doch möglich sein in diesem Land, dass man einfach einer so neuer MRNA Technologie in der Impfung skeptisch gegenübersteht und zögert ehe man sich selbst und seine Kinder impfen lassen möchte. Ich glaube außerdem auch daran, dass man mit einem gesunden Immunsystem Corona überstehen kann. Dass die Immunisierung durch eine überstandenen Erkrankung immer noch wirksamer ist und lang anhaltenderen Schutz vor Covid19 bedeutet, als eine Spritze das bieten kann. Eine Impfung muss man immer wieder erneuern. Mit ihr kann man trotzdem Andere anstecken; und erkranken kann man auch. Statistisch erkranken Ungeimpfte 20x häufiger an covid19 als Geimpfte. Nur 1,8 % der Todesfälle durch Civd19 betreffen Geimpfte. (Anm. d. Red.) „Ich habe mir da ja lange Gedanken darüber gemacht“, sagt Britta. „Ich bin ja nicht blöd ich bin doch keine Querdenkerin! Ich habe mich selbst nach langem Überlegen wegen meines Berufes impfen lassen um die Kinder in der Einrichtung sowie meine Kolleg*Innen nicht zu gefährden.“
Hätte es im September schon den „Tot-Impfstoff“ von Veneva gegeben, der bald auf den Markt kommen soll, hätte sie ihn gewählt. „Ich habe mir auch Sorgen darüber gemacht dass meine Söhne keine Außenseiter sein sollen. In der Schule und in den Freizeit Einrichtungen wird ja immens viel Druck aufgebaut. Sie können an einem normalen sozialen Leben ja fast nicht mehr teilnehmen ohne geimpft oder genesen zu sein. Ich möchte nicht das meine Kinder Nachteile erleiden und sich als Paria fühlen, die nirgendwo mehr mitmachen dürfen oder nicht mehr eingeladen werden zu Geburtstagspartys oder anderen Veranstaltungen. Diese traumatisierende Erfahrung möchte ich Ihnen ersparen.“ Sie sollen unbeschwert und frei – möglichst unbelastet von der Pandemie – aufwachsen. „Das ist doch ihr gutes Recht als Kinder. Deswegen bin ich doch keine Spinnerin?“, Fügt sie ein wenig trotzig hinzu und legt die Stirn in Falten.
Der Wendepunkt kam für sie während eines Reha Aufenthaltes.“Im August war ich mit dem Kleinen in einer Mutter Kind Kur auf Usedom. Ich habe diesen Zeitpunkt gewählt wegen der niedrigen Inzidenzen. ich bin doch nicht verantwortungslos. Ich bin in den Ferien gefahren damit er nicht noch mehr verpasst in der Schule. Da ist es auch in meiner Einrichtung nicht so gravierend, dass ich fehle.“ In der Klinik hat sie mit Betroffenen gesprochen, die selber am Long COVID erkrankt sind. Einige hatten auch Kinder dabei. die an Long COVID, PIMS (Pädiatrisches imflammatorisches multisystemisches Symdrom) und anderen Organschäden nach einer Covid19 Infektion litten. Für Kinder gab es da noch keine Longcovid Therapie Anlaufstellen.
Deswegen sind sie nach Usedom mit ihren Müttern geschickt worden. Dort scheint zumindest das Reizklima heilsam zu sein gegen die Atemnot und eingeschränkte Lungentätigkeit. Von diesen Müttern habe sie erfahren, dass es die Möglichkeit gibt seine Kinder bei Ärzt*Innen impfen zu lassen bevor zwölf Jahre alt sind. Die haben dies bei den Geschwistern, die nicht erkrankt waren, oder auch so bei ihren Kindern haben durchführen lassen.
„Der Grund war simpel.“ erläutert sie: „Die Mütter selbst waren mit Long COVID Beschwerden unfähig, sich um ihre Familien zu kümmern. Sie mussten ja selbst betreut und gepflegt werden. Da war die Vorstellung dass ein neunjähriges Mädchen oder ein fünfjähriger Junge lethargisch in seinem Zimmer sitzt weil er keine Energie mehr zum spielen oder für die Schule hat doch blanker Horror.“ Das wollten diese Mütter ihren Kindern unbedingt ersparen. „Das können sich keine Eltern vorstellen was das bedeutet wenn man ein fröhliches, immer gut gelauntes, aktives Kind hatte und es von einem Tag auf den andern nicht mal mehr die Kraft hat, sich selbst anzuziehen oder die Zähne zu putzen. Long Covid oder PIMS können immer auftreten, obwohl es nur leichte Symptome wie ein Kratzen im Hals oder einen kleinen Schnupfen gab oder gar niemand nicht bemerkte, dass es Covid19 hatte.“ Da war der neunjährige Jan mit seiner Mutter, der 8 Wochen nach der Infektion immer noch keinen Geruchs – und Geschmackssinn hatte. Aufgrund dessen war er bereits von 30 Kilogramm auf 24 Kilogramm abgemagert. Er brauchte sog „Astronautenkost“ zusätzlich zu den normalen Mahlzeiten. Selbst dazu musste er sich zwingen. „Das hat mich dazu bewegt meine Kinder unter 12 Jahren heimlich impfen zu lassen. Weil ich meine Söhne vor so einem Schicksal bewahren wollte, habe ich mich in der Verantwortung als Mutter gesehen. Weil man ja noch gar nicht erforscht hat wie lange diese Long COVID Beschwerden bei Kindern anhalten und was da später noch daraus wird. Da wollte ich nicht dass meine Söhne mir später Vorwürfe machen: Mama mein Leben ist jetzt stark eingeschränkt und du hast mich nicht beschützt? Das war dann letztendlich der Ausschlag, einen Kinderarzt zu suchen, der Kinder im Off Label Use unter zwölf Jahren mit BioNTech impft. „Jetzt kommt aber das eigentlich Belastende an der Geschichte“, verrät Britta. „Die beiden Kleinen wissen gar nicht dass sie geimpft sind. Ich verheimliche es vor Verwandten und im Freundeskreis. Weil wir auch in unserem Umfeld impfskeptiker*Innen haben, die uns dafür anfeinden oder den Kontakt abbrechen würden wenn sie es wüssten. Ich habe da einfach keine Lust auf Stress.“ Die beiden Jungs sind in der Waldorfschule. Da sind fast alles Mütter die das Impfen kathegorisch ablehnen und eher alternativ und naturheilkundliche unterwegs sind. Auch die Lehrer*Innen wissen nichts davon. Niemand außer den Großeltern weiß es weil die ja Kontakt mit allen 3 Kindern haben und sich dabei natürlich sicher und geschützt fühlen sollen. Auch die große Schwester weiß es. Sie wollte sich sofort mit BionTech impfen lassen. Finja hat durch die Kita Schließungen und die Vorsichstsmaßnahmen aufgrund der Coronalage lange auf ihren Praktikumsplatz in einer KiTa warten müssen und war von Anfang an Pro Impfung. „Da gab es hitzige Diskussionen am Abendbrottisch“, berichtet Britta. „Mein Mann war auch pro und ich eben die Skeptikerin. Finde aber, wenn Pubertierende sich impfen lassen möchte, sollten die Eltern dies respektieren und ihr Einverständnis geben.“
Auch die Booster Impfungen wird die ganze Familie machen sobald sie möglich sind. „Mein Mann als Informatiker hatte das von vornherein eher einen rationalen Zugang und hat gesagt: Wir impfen uns Alle. Er würde auch die Katze impfen lassen, wenn es sich bestätigte, das Kleintiere Träger des Virus sind. Er denkt dass die Risiken durch die Impfung für die Kleinen überschaubarer sind und geringer wiegen als der Schutz den sie bekommen. Er musste sich auch aufgrund seines Kundenkontaktes in seinem Beruf natürlich impfen lassen. Der Arbeitgeber hat dies ziemlich nachdrücklich eingefordert. Wir halten uns auch alle weiterhin an die aha plus L Regeln da wir ja wissen dass Geimpfte infektiös sind. Wir möchten niemanden gefährden.
Ich erzähle auch wenn es um Aktivitäten geht bei denen die Kleinen eingeschränkt wären wegen Corona, dass sie genesen seien. Damit sind wir bis jetzt immer gut durchgekommen. Keiner hat einen Nachweis verlangt. Ich habe bei meinem Hausarzt in Marburg einen Antikörpertest bei den beiden Jungen machen lassen, um den vorweisen zu können, falls der verlangt wird.“ Das Ergebnis ist, dass sie Antikörper haben. Der Hausarzt hat nicht nachgefragt, wie schwer die Erkrankung war oder wann sie genau war.
„Ich konnte einfach einen Test verlangen für 20 Euro“, berichtet Britta. „Er war okay. Darin steht, sie haben ausreichend Antikörper. Offensichtlich kann man bei einem Test in der Praxis die Antikörper durch die Impfung nicht von Antikörpern unterscheiden, die nach einer Genesung gebildet werden.“
Die Mutter fährt fort: „Ich bin keine Virologin. Ich weiß nicht, ob man da einen Unterschied finden würde, wenn man speziell danach suchen würde. Es ist schon belastend und ein bisschen blöd, dies so geheim halten zu müssen. Man kommt sich ein bisschen wie eine Verbrecherin vor.“
Früher gab es Vorwürfe von der älteren Verwandtschaft wegen unserer  alternativen Lebensweise: „Der Veganismus wäre schädlich. Ich wäre eine Rabenmutter, weil ich meinen Kindern damit Etwas antun würde. Nun werde ich schief angesehen weil ich das Umgekehrte tue um meine Kinder zu schützen. Irgendwie ist das schon eine schräge Sichtweise der Gesellschaft.“
In den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) ist der Impfstoff schon für Fünf- bis Zwölfjährige zugelassen. In Wien läuft diese Woche ein „off-Label-Versuch“ mit 200 Kindern unter zwölf, die geimpft werden.
„Ich hoffe, dass sich dadurch auch hier bald alles normalisiert und die StIKo die Empfehlung für Kinder unter zwölf gibt, damit wir ehrlich sein können.“
Das würde schon Druck von der Familie nehmen, sich nicht immer Ausreden ausdenken zu müssen. „Die Impfnachweise haben wir natürlich bekommen von dem Kinderarzt. Die könnten wir vorzeigen. Die sind dann auch hoffentlich gültig.“
Britta hat den Arzt aus dem Taunus gefragt, ob er auch zu einem Gespräch bereit wäre, weil er in dem Fall ja ein „Überzeugungstäter“ ist. Er glaubt an die Impfung und möchte Kindern Schäden durch Long COVID ersparen. Er ist ein 72 jähriger Hausarzt im Ruhestand, der in seiner Praxis schon früh unter 18 jähgige geimpft hat, als er Impfhelfer war.
Er ist spezialisiert auf Impfungen generell und machte Fortbildungen für Kolleg*Innen, besuchte jährlich Seminare dazu. „Da habe ich schon Vertrauen zu ihm gehabt“, erklärt Britta.
Allerdings war er leider nicht zu einem Gespräch mit marburg.news bereit. Er bekomme schon so genügend Anfeindungen, weil er sehr früh angefangen hat, ab zwölf Jahre zu impfen und dafür sehr hartnäckig plädiert. „Als Wissenschaftler stehe ich zur Impfung. Es ist die einzige wirksame Waffe, die wir gegen das Virus haben und um jemals wieder aus dieser Pandemie heraus zu kommen. Aber mit Leuten, die mir Morddrohungen schicken und mich vor ein Krieggericht wünschen…Wie soll ich mit denen denn sachlich diskutieren?! Nein, vielen Dank!“ Wahrscheinlich könnte er strafrechtlich belangt werden, wenn ans Licht käme, wer er ist. Seit Mai 2021 habe er bereits 124 Kinder unter 12 Jahren aus ganz Hessen geimpft. Er erkundige sich auch weiterhin regelmäßig nach ihrem Befinden. Bis jetzt geht es Allen prima.
„Ich denke, die Zeit wird es zeigen, ob Vorreiter wie er später als Helden gefeiert werden oder ob es Menschen gibt, die die Impfung bereuen falls doch unerwartete Schäden auftreten sollten. Wir wissen es nicht. Wir können alle nur versuchen, unser Bestes zu tun, um unsere Familien in der Pandemie vor Schaden zu bewahren. Dazu stehe ich und daran glaube ich weiterhin.“ Britta trinkt aus und stellt ihre Tasse ab. Wir vereinbaren für eine Fortsetzung ihrer Corona Familiengeschichte im Frühjahr 2022 in Kontakt zu bleiben.

* Anna Katharina Kelzenberg

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