Kunstvoll kreiert: Mahnmal für Opfer der Marburger Jäger

Heiko Hünnerkopf gestaltet eine Dialog-Installation im Gedenken an die Opfer der „Marburger Jäger“.
Die „Marburger Jäger“ waren im 19. und 20. Jahrhundert unter anderem an der Ermordung der Herero und Nama in Namibia und an Kriegsverbrechen in Belgien beteiligt. Die Kunstinstallation „Verblendung“ von Heiko Hünnerkopf setzt daher nun im Schülerpark einen Kontrapunkt zum Jägerdenkmal – und soll zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen.
„Die Gedenkinstallation Verblendung erzeugt eine starke und auffallende Wirkung im Herzen der Stadt“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Das Kunstwerk ist ein kritischer Kommentar zum Jägerdenkmal, der sich mit der Geschichte auseinandersetzt, statt sie zu verdecken – das ist optisch von Heiko Hünnerkopf sehr gut umgesetzt.“
Dabei gehe es um die Folgen, die der europäische Kolonialismus für die Welt hatte und um die Erinnerung daran. Die Installation wird am „Weltfriedenstag“ am Mittwoch (1. September) um 17 Uhr offiziell an die Stadtgesellschaft übergeben. Die Einweihung findet statt am Denkmal im Ludwig-Schüler-Park.
Das Jägerdenkmal im Schülerpark ist ein Kriegerdenkmal von 1923. Es erinnert an das Bataillon der Marburger Jäger. Die Stadtverordnetenversammlung (StVV) hatte 2016 beschlossen, dass das Denkmal nicht aus dem Stadtbild verschwinden soll – sondern durch eine kritische künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Marburger Jäger die Mahnung gegen Militarismus und Intoleranz, sowie vor allem die Erinnerung an die Opfer ihren Platz in der Stadtgesellschaft erhalten sollen.
Das Jägerdenkmal ist eine gewaltige Säule in einem Marburger Park. Die „Verblendung“ von Künstler Heiko Hünnerkopf aus Wertheim hält Abstand, lässt das eigentliche Denkmal physisch unberührt – greift aber optisch ein: Winkelprofile sind in zwei Halbkreisen vor der Säule installiert.
Je nach Blickwinkel verblenden sie das Jägerdenkmal teilweise oder sogar komplett. An den Winkelprofilen sind Erinnerungstafeln angebracht. Sie informieren über die Opfer des Hessischen Jägerbataillons Nr. 11 und umfassen fünf Themen.
Ihr Unwesen trieb die Einheit im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 mit der Niederschlagung der Pariser Kommune, bei den Kolonialkriegen in China 1900/01 mit Niederschlagung des Boxeraufstands; Einsätze in Südwestafrika von 1904 bis 1907 mit der Ermordung der Herero und Nama in Namibia. 1914 war die Einheit an Kriegsverbrechen in Dinant in Belgien beteiligt und 1919 am Massaker an Arbeitern in Königshütte in Polen.
Den Titel „Verblendung“ meint Künstler Hünnerkopf durchaus doppeldeutig: Einerseits bezeichnet es die optische (Teil)Verblendung und andererseits die ideologische Verblendung der Marburger Jäger als angesehene Akteure der Stadtgesellschaft in einem militaristischen Kaiserreich.
„Ich möchte mit meiner Arbeit zum Diskurs beitragen, um einerseits die Erinnerung wachzuhalten und andererseits die Unfähigkeit zur Einsicht zu überwinden“, erklärte der Künstler . „Gerade die Demokratie lebt vom Diskurs, von Meinungsvielfalt und der Beteiligung daran.“
Der Umgang mit der Geschichte der Marburger Jäger bis hin zur heutigen Gedenkinstallation war ein langer, diskursiver und vorbildlicher Erinnerungsprozess der Stadtgesellschaft. Bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts begann die Aufarbeitung der Geschichte: Angestoßen wurde der Prozess dadurch, dass 2011 in einem Marburger Stadtteil privat ein weiteres und sehr umstrittenes Denkmal für die Marburger Jäger errichtet wurde.
Die Nachricht drang bis Namibia. Stammesoberhäupter der Herero und Nama schickten Protestbriefe nach Marburg, die deren Vertreterin Dr. Olga Kamoruao an den damaligen Oberbürgermeister Egon Vaupel übergab.
Im Auftrag des Stadtparlaments hat die Marburger Geschichtswerkstatt eine Studie zur Geschichte der Marburger Jäger erarbeitet, die 2013 im Rathaus-Verlag veröffentlicht wurde. 2016 folgte der politische Beschluss, dem Gedenken an die Opfer „einen sichtbaren, materiell fassbaren, künstlerischen Ausdruck“ zu geben. Die Stadt hat daraufhin einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben.
Bis zum Bewerbungsschluss im Dezember 2017 waren 55 Bewerbungen aus Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und Namibia eingegangen. Eine neunköpfige Jury traf eine Vorauswahl. Acht Künstler*innen stellten dann ihre Entwürfe persönlich vor. Am meisten überzeugt hat schließlich die Konzeption von Heiko Hünnerkopf, die nun im Schülerpark umgesetzt ist.

* pm: Stadt Marburg

Kommentare sind abgeschaltet.