Zum schwarzen Walfisch: Dummheit frisst, Intelligenz säuft

Jahrzehntelang war „der wal“ eine der berühmtesten Kneipen Marburgs. Berüchtigt war er vor Allem wegen der politischen Orientierung seiner Gäste.
Genau genommen hieß die Kneipe „Zum schwarzen Walfisch“. Genannt wurde das Lokal jedoch immer nur „der Wal“ Diese Kneipe befand sich am Rudolphsplatz bei der Einmündung des Pilgrimstein unmittelbar neben der Mühltreppe hinauf zum Kornmarkt.
Nachdem es zwischenzeitlich ein indisches Restaurant gewesen war, trägt das Lokal heute den Namen „Mocca“. Mit dem legendären „Schwarzen Walfisch“ kann man die Nachfolger aber in keinster Weise auch nur annähernd vergleichen.
Zwischen 1903 und 1911 war in dem Haus Pilgrimstein 31 der Schlachthof mit Gastwirtschaft gewesen. Später wurde der „Wal“ für viele Jahre zur Stammkneipe der orthodoxen Stalinisten und Leninisten von der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und ihrer „Bündnisorganisationen“.
Im „Wal“ wurde debattiert, politisiert und polemisiert. Nach der alten Redensart „Dummheit frisst, Intelligenz säuft“ war dort fast allabendlich Marburgs Intelligenz versammelt.
Für Spontis wie mich war es an und ab ein herrliches Vergnügen, mit den „Spacken“ vom Marxistischen Studentenbund „Spartakus“ (MSB) zu diskutieren. Manche Jungsozialisten oder Grüne gingen gelegentlich dorthin, um ihre Argumente an den „real existierenden“ Anhängern der DDR zu schärfen. Andere hatten auch weltanschauungsübergreifende Freundschaften mit „Wal“-Gängern geknüpft.
„Narben-Pit“ erzählte dort jungen Spartakistinnen abenteuerliche Märchen über die Herkunft der Narbe in seinem Gesicht. Angeblich habe er sie bei einer Auseinandersetzung mit Nazis erworben, behauptete er einmal. Ein anderes Mal war es angeblich ein „Gefecht mit Bullen“ gewesen.
Häufig gelang es ihm, die bewundernd blickenden Studentinnen nachhause abzuschleppen. Garantiert hat er ihnen niemals die Wahrheit gestanden. Die Narbe im Gesicht des späteren Bremer Bürgerschaftsabgeordneten stammte nämlich in Wirklichkeit von einem Verkehrsunfall.
Im Wal saßen Studentinnen und Studenten, aber vereinzelt auch Professoren und – sehr selten ausnahmsweise auch – Arbeiter. Zwar behaupteten die meisten Stammgäste des „schwarzen Walfischs“ immer energisch, sie fänden die Arbeiterklasse einfach klasse, doch wenn sich ausnahmsweise einmal ein real existierender Vertreter des Prekariats in den „Wal“ verirrte, hörten viele der – an Eloquenz gewohnten – Anhänger des „real existierenden Sozialismus“ ihm nicht gerade lange zu. Reden waren sie ohnehin meist mehr gewohnt als Zuhören.
Die Atmosphäre im „Wal“ war die eines Bahnhofswartesaals mit kahlen Wänden. An langen Holztischen standen einfache Holzstühle. Der Fußboden war aus Stein. Aber das Geräusch des Geredes übertönte alles Andere und sorgte für eine lebhafte Atmosphäre.
Die überschäumenden Bierkrüge waren groß und meist sehr schnell wieder leer. Die Abende waren lang und der weltschmerz groß. Die „Genossen“ von der DKP waren natürlich in allen wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen immer auf der „richtigen Seite“ der Geschichte.
Wenn ich nach dem vierten oder fünften Bier neben einem solchen „Kommunisten“ die Stufen vor dem Wal hinabstieg zum Gehweg und dann mit ihm an der Ampel über die Straße hinüberging zum Luisabad, dann konnte es gelegentlich passieren, dass er mir gestand, er teile die offizielle Position der DKP zur Atomkraft nicht. Auch atomkraftwerke in der DDR seien nämlich gefährlich, wie ich es ohnehin immer schon gesagt hatte.
Manchmal waren die „Verbrüderungen“ mit den besoffenen „Genossen“ beinahe rührend. Oft mussten wir Spontis „die blauen Roten“ vor antikommunistischen Angriffen verteidigen und dafür die Antwort einstecken: „Geh doch rüber!“
Wir spontis wollten nie und nimmer dorthin. Die meisten Anhänger der DKP sind auch im Westen geblieben. Dennoch haben sie irgendwann nach dem Mauerfall ihre einstigen „Genossen“ und damit zugleich auch ihr Stammlokal verleugnet, was dem „Schwarzen Wal“ damit schwarze Tage und am Ende auch das endgültige Aus beschert hat.

* Franz-Josef Hanke

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