Eingestanden: Zwiespältige Haltung zu Obdachlosen

Obdachlosigkeit

Ein Obdachloser füttert Tauben. (Foto: Laura Schiller)

Da sitzt ja schon wieder so ein Penner. Marburg ist echt überlaufen mit denen!

Jede Marburgerin und jeder Marburger mag schon die ein oder andere Begegnung mit den Obdachlosen der Stadt gehabt haben. Oder halt auch nicht. Stur geradeaus gucken, schnell dran vorbeigehen, bloß keinen Blickkontakt herstellen, das ist zumindest oft meine Taktik.

Als ob ich mich für was Besseres hielte, als ob ich dieser Person, die dort sitzt, bloß kein bisschen Menschlichkeit zeigen darf. Und wenn sich dann doch die Menschlichkeit durchringt, ich der Person ein Lächeln schenke, dann fühle ich mich noch schlechter. Was kann man denn bitte schon mit einem Lächeln anfangen.

Ich bin nicht immer so. Nur manchmal. In meinem ersten Studienjahr hatte ich viel Kontakt zu einem Obdachlosen, der immer an der Luisa-Häuser-Brücke hinter dem Cineplex saß.

Charlie heißt er. Auf dem Weg zur Uni bin ich oft stehen geblieben, hab mich mit ihm unterhalten, ihm ein paar Euros in die dreckige Hand gedrückt. Er hat mir von seinem Leben erzählt. Von seiner verstorbenen Ex-Frau. Von seinem Fall durchs soziale Netz.

Einmal war ich mit ihm Kaffee trinken. Er wollte mich einladen, sich bedanken. Ich hab natürlich trotzdem bezahlt. War ja klar.

Ich hätte von ihm auch nie was annehmen können. Die ganze Arbeit, die ich geleistet habe, wäre doch sonst kaputt gegangen. Die ganze Arbeit, mich selbst nicht schlecht zu fühlen, wenn ich einem anderen Obdachlosen begegne. Stur geradeaus gucken, schnell dran vorbeigehen, bloß keinen Blickkontakt herstellen. Kein Problem, ich kenne ja Charlie.

Heute kennt mich Charlie nicht mehr. Während der Pandemie habe ich ihn nicht gesehen. Als ich ihn neulich traf, wusste er nicht mehr, wer ich bin. Er saß im Rollstuhl. Noch schlimmer.

Ich fange also neu an. Wie geht man mit diesen Obdachlosen bloß um?

„In Deutschland muss niemand obdachlos sein“, hat mal eine Freundin von mir gesagt. Bullshit, dachte ich. Wer sitzt denn bitte freiwillig auf der Straße, wer erbettelt sich bitte freiwillig jede noch so kleine Mahlzeit. Ich hasse campen, jede Nacht draußen zu schlafen wäre für mich ein absoluter Albtraum.

Mit einer anderen Freundin habe ich mich mal darüber unterhalten, welchen Obdachlosen wir Geld geben, welchen nicht. „Der Frau vor dem Rossmann immer, dem Mann vorm Ahrens, nie“, waren wir uns einig.

Seine Position störe uns, sie sei so unpraktisch. Oder gerade praktisch, wenn man drüber nachdenkt. Wie viele Menschen wohl täglich an ihm vorbeigehen? Wie viele Menschen sich wohl täglich über seinen Platz ärgern, so wie wir?

Meine Freundin erwähnte außerdem den Mann mit dem Hund an der Bushaltestelle Gutenbergstraße/Hanno-Drechsler-Platz. Sie gebe ihm Geld, ich habe noch nie mit ihm ein Wort gewechselt. Es ist leichter, an ihm vorbeizugehen, dachte ich.

Manchmal ist mein Weg durch Marburg wie ein Hindernislauf. Welche Route wähle ich am besten, um bloß nicht an einem Obdachlosen vorbeigehen zu müssen?

In der Wettergasse sitzen manchmal ein paar junge Menschen. Sie haben auch einen Hund dabei. Vor ihnen stehen Becher mit verschiedenen Aufschriften. „Pizza“, „Dog“, „Weed“, „Fuck AfD“ sind dabei. Sie fragen mich nach Kleingeld. Ich schmeiße ein paar Cent in den Sammelbecher für den Hund. Ich will wissen, ob das der beliebteste Becher ist.

„Teilweise, aber Leute hassen auch einfach Nazis“, antwortet einer. Ich lache, gehe weiter.

Um die Ecke, kurz vor dem Marktplatz sitzt ein echter Obdachloser. Er ist dort öfter, den Kopf gesenkt, vor ihm eine Schale für Geld.

Ich gehe einen Umweg über die Aulgasse, um nicht dazu gezwungen zu werden, ihn zu ignorieren. Es war nicht das erste Mal, dass ich das gemacht habe, es wird nicht das letzte Mal bleiben. Echtes Leid ist für manche eben oft zu viel.

*Laura Schiller

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