Ausstellerischer Auftakt: Jüdisches Leben auch mit VR-Brille

Ausstellung

Die Ausstellung "Jüdisches Leben in Marburg" ist im Rathaus zu besichtigen. (Foto: Laura Schiller)

„Für Antisemitismus ist in unserer Stadt kein Millimeter Platz“, versicherte Dr. Thomas Spies. Der Oberbürgermeister eröffnete die Ausstellung „Jüdisches Leben in Marburg: Erinnern schafft Identität“ am Dienstag (24. Mai) im Rathaus.
Die Ausstellung ist in Verbindung mit dem Institut für Religionswissenschaften der Philipps-Universität entstanden. Die Kuratorinnen Dr. Susanne Rodemeier und Alisha Meininghaus, sowie Prof. Dr. Edith Franke von der Religionskundlichen Sammlung haben über mehrere Jahre Mitglieder der jüdischen Gemeinde Marburg interviewt und mit ihrem Team die Ausstellung ins Leben gerufen.
Rodemeier berichtete von den Interviews mit den insgesamt neun Gesprächspartnern. Jeder wurde gebeten, ein Objekt mitzubringen. Diese Objekte sollten „für ihr Jüdisch-Sein eine ganz besondere Rolle spielen“, ergänzte Meininghaus.
Jedes Objekt wird in einer Vitrine ausgestellt, erklärte Rodemeier. Dazu gibt es Informationen zur Lebensgeschichte der Person und des Objekts.
„Damit sammeln wir nicht nur Wissen und Erkenntnis über verschiedene Religionen, sondern wir möchten Einblick geben, was Menschen bewegt in ihren religiösen Haltungen, Entscheidungen zu treffen und zu handeln“, führte Franke aus. Die Ausstellung solle individuelle Erfahrungen und Lebenswelten zur Geltung bringen, um so ein besseres Verständnis von der Kultur zu schaffen.
Der aktuelle Leuchtfeuer-Preisträger Amnon Orbach war ein essenzieller Teil des Entstehungsprozesses. Als Gründer der jüdischen Gemeinde Marburg konnte er viel zu ihrer Geschichte berichten. „Eigentlich hätten wir Sie ausstellen sollen“, sagte Rodemeier.
Die Ausstellung gliedert sich in mehrere Themenbereiche. Zum einen wird die Geschichte der Gemeinde beleuchtet und wie Orbach eine „lebendige, vielfältige Gemeinde quasi aus dem Nichts erschaffen hat“, erläuterte Meininghaus. Der Fokus liegt dabei auf dem jüdischen Leben im Marburg der Gegenwart.
Sie beschäftigt sich auch mit den sogenannten „Kontingentflüchtlingen“. Die jüdische Gemeinde wurde ein Anlaufpunkt für die Neuankömmlinge, die in den 90er Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen.
Außerdem beinhaltet die Ausstellung den Themenbereich „Konversion zum Judentum“. Sie betrachtet das Leben einiger Konvertiten, sowie deren Beweggründe und Lernprozesse, sich in dieser neuen Kultur zurechtzufinden.
Das Leben von jüdischen Menschen in Deutschland sei in den letzten Jahren verwundbarer geworden, sagte Spies. „Mir ist es wichtig, für alle anderen deutlich zu machen, wie selbstverständlich, normal, wie gegenwärtig, wie einfach dazugehörig jüdisches Leben in unserer Stadt ist und sein sollte.“
Die Ausstellung solle vor allem in die Vielfalt jüdischer Lebenswelten Erleuchtung bringen. Sie reihe sich ein in die 500-jährige Tradition der Stadt, „als oben im Schloss Fragen des Glaubens mit Worten und nicht mit Schwertern bestritten wurden“.
Die Hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn schloss sich dieser Ansicht an. „Uns alle hier eint eine Grundüberzeugung. Eine Grundüberzeugung, dass es unsere Verantwortung ist, die Voraussetzung zu schaffen, dass sich jüdisches Leben hier entfalten kann.“
Dazu gehören die Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung jüdischer Kultur, sagte Dorn. „Am Ende wollen wir das Ziel erreichen, dass Jüdinnen und Juden heute wirklich in ihrer Vielfalt frei sind und frei von Diskriminierung leben können.“
Des Weiteren stellte Thomas Winzer von Inosoft Marburg ein besonderes Projekt vor. Die ehemalige Synagoge aus dem 14. Jahrhundert wurde mittels Virtual Reality (VR) visualisiert. Die Ausgrabung am Willy-Sage-Platz wurde ausgemessen und in eine virtuelle Darstellung übernommen.
Mit sogenannten „VR-Brillen“ kann man immersiv erfahren, wie die Synagoge damals aussah. In der Brüder-Grimm-Stube am Marktplatz und bei Inosoft in Cappel kann man dieses Erlebnis austesten.
Spies freute sich zudem, dass die Eröffnung die erste Veranstaltung war, die nach zwei Jahren Abstandsregelungen den Historischen Saal des Rathauses wieder in voller Kapazität nutzen durfte. Die Ausstellung „Jüdisches Leben in Marburg: Erinnern schafft Identität“ ist bis Mittwoch (24. August) im Rathaus zu besichtigen. Dazu werden jeden Dienstag um 12 Uhr kostenlose Führungen angeboten.

* Laura Schiller

Kommentare sind abgeschaltet.