Moliere erfasst: Bildbeschreibungen begeisterten blinde

„Am Hintern hat er ein Glöckchen, das aussieht wie ein Schweineschwänzchen.“
So beschrieb Chefdramaturg Franz Burkhard am Mittwoch (11. Januar) eines der Kostüme für die Komödie „Der eingebildete Kranke“ von Moliere. Mit diesem Theaterklassiker bot das Hessische Landestheater Marburg erstmals eine Life-Audiodeskription für Blinde an.
Eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung führte Burkhard die sehbehinderen und blinden Besucher auf die Bühne. Dort zeigte er ihnen die Matratzen an der Wand ebenso wie eines der Kostüme. Alles durften die Blinden befingern und so ihrer eigenen Vorstellungskraft einverleiben. Auf manche Fragen wie die Breite oder Tiefe der Bühne war der Chefdramaturg zwar nicht vorbereitet, beantwortete sie aber dennoch souverän mit geschätzten Maßen.
Besonderen Wert legte Burkhard auf die Beschreibung der barocken Kostüme in knalligen Farben mit Puff-Ärmeln, wallenden weiten Röcken und einem mit viel Schaumstoff ausstaffiertem Po oder Quietscheentchen an den Brüsten. Zudem beschrieb er den 1,90 Meter großen Schauspieler Karlheinz Schmitt, der sowohl Argans jüngere Tochter Louison spielte als auch den medizinisch ausgebildeten Brautwerber Thomas Diafoirus. An seinem Bein läuft ein langer Schlauch hinab, dessen Bedeutung sich später bei der Aufführung klären sollte.
Nach der etwa viertelstündigen Einfühlung begab sich Burkhard in den Raum der Lichttechnik, von wo aus er hinter einer Glasscheibe das Geschehen auf der Bühne beobachtte und kommentierte. Das halbe Dutzend blinder Besucher nahm schon einmal Platz im Zuschauerraum, bevor auch die anderen Theatergäste den Saal betraten.
„Der Verwaltungsleiter des Hessischen Landestheaters betritt die Bühne“ begann Burkhard seine Beschreibung des Bühnengeschehens. Dieter Dreßen teilte dem Publikum mit, dass der Schauspieler Jürgen Helmut Keuchel „nicht eingebildet, sondern wirklich krank“ sei und dass Regisseur Simon Meienreis seine Rollen übernehme.
Anschließend fuhr Daniel Sempf mit einem elektrischen Krankenfahrstuhl auf die Bühne. Als „der eingebildete Kranke“ Argan hatte er diverse Döschen mit Pillen und Klestiren in seinem Korb am Lenkrad des Gefährts.
Die Haushälterin Toinette hingegen lief meist mit einem Kuchenblech herum, auf dem zu Beginn Kekse lagen. Später trug sie darauf auch Pillen für Argan herum.
Argan möchte seine Tochter Angélique mit dem Arzt Thomas Diafoirus verheiraten. Dann wäre immer ein Arzt im Haus, der ihn zudem kostenfrei behandeln würde. Sie jedoch hat sich in Cléante verliebt.
Argans Ehefrau Béline ingegen ist nur scharf auf das Erbe. Mit quäkiger Stimme biederte sie sich bei ihrem Gatten an, damit er ihr seine Reichtümer möglichst schon zu Lebzeiten vermachen solle.
Besonders diese Rolle war ausgesprochen überdreht gespielt. Dabei bewies die Schauspielerin Franziska Knetsch absolut komisches Talent, weil sie die Falsettstimme bis zum Schluss durchhielt, wo sie dann ihr wahres Gesicht und auch ihre wahre Stimme zeigte.
Burkhard als Bildbeschreiber schaffte es nahezu perfekt, das Bühnengeschehen vor dem „Inneren Auge“ der Zuhörenden erscheinen zu lassen. Nur wenige Male sprach er in Szenen hinein, was in zwei Fällen dann die Stimmen der Akteure übertönte. Wahrscheinlich müssen sich blinde Besucher in Zukunft auf den drahtlosen Kopfhörern noch die richtige Lautstärke einstellen, die dergleichen dann weitgehend verhindern würde.
Am Ende waren die blinden Theatergänger begeistert. Gerade die Inszenierung des Moliere-Stücks mit viel Slapstick-Einlagen wurde durch die Audiodeskription auch für sie lebendig.
Das Hessische Landestheater möchte die Bildbeschreibungen für Blinde künftig zweimal monatlich anbieten. Die nächste Möglichkeit zum Zuhören bietet Burkhard mit Bertolt Brechts Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui benfalls auf der „Bühne“ am Schwanhof. Im Frühjahr und Sommer folgen dann „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ und „Romeo und Julia“ im Erwin-Piscator-Haus (EPH) sowie „Luther“ auf dem Marktplatz. * Franz-Josef Hanke

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