Erinnerungen: Brand im Squash-Center am 28. April 1995

Im Marburger Squash-Center brach am 28. April 1995 ein Feuer aus. Es wurde zur größten Katastrophe, die die örtlichen Brandschützer bis dahin zu bewältigen hatten.
Der Brandunfall zeigte auf entsetzliche Weise, dass die vorgeschriebene Schutzausrüstung der Feuerwehr unzureichend war. 25 Jahre später sitzt der Schock immer noch tief. Mit Grauen erinnern sich beteiligte Einsatzkräfte an den verhängnisvollen Freitagnachmittag, aber auch daran, was er bewirkt hat.
Die Sicherheit der Feuerwehrleute erhielt fortan einen hohen Stellenwert. Der Schutz der Menschen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen, war für die Stadt Marburg seither eine selbstverständliche Verpflichtung.
Eine meterhohe Rauchsäule stieg damals in den Himmel; Flammen schossen aus Dach und Fenstern. Auf Tragen lagen schwerverletzte Feuerwehrmänner; ihre Hände und Haut waren verbrannt. In der Nähe setzten Rettungshubschrauber zur Landung an.
Was anfangs wie ein einfacher Zimmerbrand aussah, ausgelöst durch einen technischen Defekt, entwickelte sich innerhalb weniger Minuten zu einer Tragödie. Zwei Einsatzkräfte erlitten beim Marburger Squash-Center-Brand am 28. April 1995 schwerste Brandverletzungen – ihre Schutzanzüge hielten dem Feuer nicht stand.
Unter den Eindrücken der Brandkatastrophe wurde in der Feuerwehr der Ruf nach besserer Schutzkleidung laut. Politik, Feuerwehrverband und Kommunen zogen mit und beschleunigten die Einführung neuer Schutzanzüge.
Die Marburger Feuerwehr wurde als eine der ersten Feuerwehren in Hessen mit einer neuen Schutzausrüstung ausgestattet. Feuerwehren in ganz Deutschland sowie in Teilen Europas folgten später diesem Beispiel.
„Es war ein ganz normaler Freitag“, erinnert sich Lothar Schmidt an den 28. April vor 25 Jahren. Gegen 12 Uhr hatte der damalige hauptamtliche Gerätewart des Brandschutzamts der Stadt Marburg Feierabend, doch er entschied sich, noch ein paar Stunden dranzuhängen. Dass er um 16.53 Uhr mit schweren Verbrennungen von einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik gebracht werden musste, das ahnte der damals 43-jährige Feuerwehrmann zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Kurz bevor sich Schmidt ins Wochenende verabschieden wollte, ging gegen 15 Uhr ein Notruf auf der Leitstelle Marburg-Biedenkopf ein: „Feuer im Squash-Center“. Einsatzkräfte rückten in den Stadtteil Ockershausen aus, wo sich das Center befan.
Darunter war auch der damalige Stadtbrandinspektor und Feuerwehrchef Karlheinz Merle. „Es kam ein bisschen Rauch aus einem Fenster“, erzählt der heute 84-jährige Rentner, der zusammen mit dem damaligen Wehrführer Lars Schäfer von der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte den Einsatz am Squash-Center leitete. „Nichts deutete darauf hin, dass es zu einer Rauchgasdurchzündung – einem sogenannten Flashover – und damit zu einer meterhohen Feuerwalze kommen würde“, erinnert sich Merle.
Da man sichergehen wollte, dass keine Menschen mehr in dem Gebäude waren, schickte der Feuerwehrchef mehrere Atemschutzgeräteträger ins Squash-Center. Schmidt zählte zu ihnen. Ihr Auftrag war Menschenrettung und Brandbekämpfung. Merle selbst stieg in den Keller hinunter, um den Gashahn zuzudrehen.
Dann passierte es. Rauchgase, die sich in der gesamten Sportstätte ausgebreitet hatten, zündeten durch; es gab eine Explosion, riesige Flammen schossen durchs Gebäude. Die Zwischendecke brannte durch und stürzte hinunter.
Gutachter stellten später fest, dass beim Flashover zwischen 1.000 und 1.200 Grad Celsius im Squash-Center geherrscht haben müssen. Zwei Feuerwehrmänner, die sich in der Nähe der Fenster befanden, konnten sich unter der Feuerwalze hinwegbücken. Sie erlitten Rauchgasvergiftungen.
Doch Schmidt und sein Feuerwehrkamerad Michael Hagenbring wurden auf der Galerie oberhalb der Centre-Courts von dem Feuer überrascht. „Erst war es totenstill“, berichtet der heute 68-jährige Schmidt. „Der Rauch war so schwarz, dass man nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall.“
Das Feuer ist über ihn hinweggerollt. „Ich sah überall Flammen“, beschreibt er die Feuerwalze. Er habe vor Schmerzen nur noch schreien können.
Ähnlich erging es Hagenbring. Auch er war dem Feuer ausgeliefert. Während Schmidt es selbst zum Fenster schaffte, die Steckleiter hinunterkletterte und sichtlich im Schockzustand zum Rettungswagen ging, konnte sich Hagenbring kaum bewegen.
„In dem Moment hatte ich mit dem Leben abgeschlossen“, erzählt Hagenbring. Herbeigeeilte Feuerwehrmänner zogen ihn aus einem Fenster in den Korb der Drehleiter. Von der nahegelegenen Tankstelle wurden Wasserkannen geholt, um seine und Schmidts Brandwunden zu kühlen.
Die Bilder von den beiden Schwerverletzten habe er noch heute vor Augen, erinnert sich Marburgs Altoberbürgermeister und späterer Brandschutzdezernent Dietrich Möller, der ebenfalls am Einsatzort war. Er sei von ihrem Anblick und der Schwere der Verletzungen schockiert gewesen.
Während es vor dem Squash-Center zu dramatischen Szenen kam, ging es auch auf der Rückseite des Gebäudes um Leben und Tod. Feuerwehrmann Holger Berdux konnte sich während der Explosion in ein kleines Räumchen im Obergeschoss retten. Der Raum, der als Kopierraum genutzt wurde, hatte jedoch ein vergittertes Fenster.
Der Funk zu seinen Kameraden war abgerissen. Durch die Tür konnte der damals 31-jährige Feuerwehrmann nicht wieder hinaus. Er wwar gefangen.
„Ich hatte pures Glück, dass in der Nähe Dachdecker arbeiteten, die zu Hilfe geeilt sind“, erinnert sich Berdux. Dachdeckerseile wurden um die Gitterstäbe und an einen Drehleiterwagen befestigt. Als das Fahrzeug Vollgas gab, wurden die Stäbe aus ihrer Verankerung gerissen.
Berdux rettete sich mit einem Sprung aufs Vordach. Kurz darauf schoss eine Stichflamme aus dem Fenster.
„Fünf Minuten später war der Raum komplett ausgebrannt“, erinnert sich Feuerwehrmann Michael Czyrzewski, der für die Wasserversorgung und den Sicherheitstrupp am Einsatzort zuständig war. „Wäre Holger im Raum geblieben, wäre er bei lebendigem Leib verbrannt“, fügt der damals 29 Jahre alte Czyrzewski mit belegter Stimme hinzu. Wie durch ein Wunder blieb Berdux jedoch unverletzt.
In der Zwischenzeit waren die Rettungshubschrauber Christoph 25 und 28 angefordert worden, die die beiden Feuerwehrmänner Hagenbring und Schmidt in Spezialkliniken nach Aachen und Köln-Merheim brachten. Hagenbring, der kurz vor dem Abitur stand, hat der Flashover besonders stark getroffen. Seine Hautoberfläche war zu 63 Prozent verbrannt.
Auch seine Hände haben schwere Schäden davongetragen. Die Ärzte prognostizierten eine geringe Überlebenschance.
Schmidts Hautoberfläche war zu 40 Prozent verbrannt und seine Hände „verkocht“, wie er es beschreibt. Aufgrund seines Alters wurden aber auch ihm nur geringe Chancen eingeräumt. „In den ersten drei Tagen nach dem Unfall stand meine Überlebenschance bei 50/50“, erzählt er heute nüchtern.
Dass Hagenbring und Schmidt trotz Schutzanzügen so schwer verletzt wurden, sorgte in den Tagen nach dem Unfall innerhalb der Feuerwehr sowie in der gesamten Bevölkerung für Entsetzen. Einige Feuerwehrleute quittierten ihren Dienst. Manche Einsatzkräfte wurden von ihren Familien aufgefordert, die Feuerwehr zu verlassen.
„Es herrschte kaum noch Vertrauen in die vorhandene Schutzkleidung“, weiß Schäfer. Sie bestand damals entweder aus Schurwolle, wie in Schmidts Fall, oder aus schwerentflammbarer Baumwolle, wie Hagenbring sie trug. Dass eine verbesserte Schutzausrüstung nötig ist, davon war der damalige Feuerwehrchef Merle schon Jahre vor dem Squash-Center-Brand überzeugt und setze sich tatkräftig dafür ein.
Merle war sogar mit ihrer Entwicklung vom Landesfeuerwehrverband betraut worden. Das Tragische: Zum Zeitpunkt des Unfalls hingen bereits zwei Prototypen der neuen Einsatzkleidung in seinem Büro. Doch die Anzüge galten noch nicht als genormt, mussten weiterentwickelt werden und kamen daher nicht in Umlauf.
Das änderte sich nach dem Großbrand schnell. Mit Eifer wurde an einer zeitnahen Einführung gearbeitet. Das Land Hessen bezuschusste die Anschaffung mit 16 Millionen DM und setzte damit ein Zeichen.
„Anfangs sollten nur Atemschutzgeräteträger neu eingekleidet werden“, erinnert sich Merle. Das war dem Marburger Feuerwehrchef mit etwa 450 Feuerwehrkräften aber zu wenig. „Wir waren sogar bereit, auf unsere Galauniform zu verzichten, wenn dafür jeder einen neuen Schutzanzug bekäme“, unterstreicht der heute 84-jährige Merle die Forderung.
Der damalige Oberbürgermeister Möller unterstützte Merle bei seiner Forderung und gab die finanziellen Mittel frei. Das Stadtparlament stimmte schließlich geschlossen dafür. Ein gutes Jahr nach dem Brand, Mitte 1996, erhält die Marburger Feuerwehr als eine der ersten Feuerwehren in Hessen die neue Schutzausrüstung. Sie besteht aus einem feuerwiderstandfähigem Textilgewebe, das wärme- und hitzeisolierend wirkt. Diese Art von Schutzkleidung wird auch heute noch für Einsätze verwendet. „Wir haben aus dem schlimmen Ereignis gelernt und machen in Sachen Sicherheit bei unserer persönlichen Schutzbekleidung keine Abstriche“, erklärt Carmen Werner, Leiterin der Marburger Feuerwehr. „Es wird alles dafür getan, dass die Ausrüstung unserer Feuerwehr auf dem neuesten Stand der Technik ist“, fügt ihr Stellvertreter Andreas Brauer hinzu. Dabei hilft Marburgs Bürgermeister Wieland Stötzel: „Für mich ist es wichtig, dass unsere Marburger Feuerwehr für ihre Einsätze bestmöglich ausgestattet ist. Daher werde ich mich als zuständiger Brandschutzdezernent dafür einsetzen, dass ausreichende finanzielle Mittel für unsere Feuerwehreinsatzkräfte zur Verfügung stehen. Ein Ereignis wie vor 25 Jahren darf sich nicht wiederholen.“
„Natürlich war ich stolz darauf, dass die neue Schutzkleidung binnen eines Jahres eingeführt wurde“, erklärt Merle. Hatte er doch an ihrer Entwicklung federführend mitgewirkt. Doch richtig Freude und Erleichterung kamen bei ihm, Schäfer und Möller erst auf, als sich der Zustand der beiden schwerverletzten Feuerwehrleute Schmidt und Hagenbring verbesserte.
Die Genesung verlief anfangs schleppend, unzählige Hauttransplantationen wurden vorgenommen. Jeder Verbandswechsel fand zunächst unter Vollnarkose statt.
Die Finger wurden bei beiden Feuerwehrmännern zum Teil amputiert. Sie verbrachten viel Zeit auf Intensivstation und in der Reha. Schritt für Schritt kehrten Hagenbring und Schmidt zurück ins Leben.
„Wir hatten die beste Unterstützung, die man sich wünschen kann“, berichtet Schmidt. Die Feuerwehr Marburg stellte Besuchspläne auf und gab einen Mannschaftsbus frei, der jederzeit für Fahrten nach Aachen oder Köln genutzt werden durfte. Familie und Freunde kamen über Monate hinweg täglich vorbei.
Besonders die Möglichkeit, immer wieder darüber zu reden, half Schmidt und Hagenbring, das Erlebte zu verarbeiten. Eine große Erleichterung war, als Möller und Merle mich im Krankenhaus besuchten und mir versicherten, dass ich weiterhin eine feste Stelle im Brandschutzamt habe“, erinnert sich Schmidt.
Auch Hagenbring arbeitet bei der Universitätsstadt Marburg. Er begann 1997 eine Ausbildung in der Stadtverwaltung.
Aus allen Richtungen erreichte die beiden große Anteilnahme. Hohe Geldsummen wurden gespendet. Die Band „Screw Loose“ nahm ein Lied auf und überließ der Feuerwehr Marburg den Verkauf der CDs und damit die Einnahmen.
Benefizveranstaltungen fanden statt. Wirtschaft, Handel und Privatpersonen steuerten hochwertige Gewinne zur Tombola bei. Die Kinobetreiber Closmann veranstalteten Filmabende mit dem Feuerwehrfilm „Backdraft“.
Die Eintrittsgelder gingen an die schwerverletzten Feuerwehrmänner. Ebenso erhielten sie Gelder aus Bußgeldverfahren, die auch heute noch durch das Gericht gemeinnützigen Einrichtungen zugewiesen werden können.
Sobald es ging, kehrten Hagenbring und Schmidt wieder zur Feuerwehr zurück. Auch Berdux ist wieder im Einsatz. „Einmal Feuerwehr, immer Feuerwehr“, beschreibt Merle das einzigartige kameradschaftliche Miteinander, das die Feuerwehr ausmacht; und alle stimmen ihm zu.
Für Schmidt, der nach dem Unfall weiterhin in der Schlauchwerkstatt beim Brandschutzamt arbeitete, wurden eine automatisierte Schlauchreinigungsanlange sowie Greifwerkzeuge angeschafft. Darüber hinaus entdeckte er als neue Passion die Ausbildung der Maschinisten. Er brachte Feuerwehrmännern und -frauen das Fahren der großen Geräte bei.
„Ob Drehleiterwagen oder Löschfahrzeug, jedes Auto bei uns hatte seine Eigenart“, weiß Schmidt zu berichten. Sie gab er mit Freude an seine Kameraden weiter.
Bis zu seinem Ruhestand 2014 war Schmidt beim Brandschutzamt beschäftigt. Danach entschloss er sich, mit seiner Frau in den Norden zu ziehen.
„Bei einem Besuch im Landkreis Oldenburg – 70 Kilometer von der See entfernt – bemerkte ich, dass ich dort viel besser atmen konnte“, erinnert sich der Hobbykoch. Durch den Brandunfall habe er neben den hochgradigen Verbrennungen auch eine Rauchgasvergiftung davongetragen und damit schwere Atemwegsbeschwerden gehabt. An seinem neuen Wohnort huste er viel weniger und könne besser durchatmen.
Im Herzen sei er aber nach wie vor Marburger und lasse den Kontakt zu seinen ehemaligen Kameraden nicht abreißen. Jedes Jahr am 28. April stößt er mit seiner Frau Moni mit einem Gläschen Sekt auf seinen zweiten Geburtstag an.
Michael Hagenbring ist da anders. Der heute 45-Jährige denkt nur noch wenig an die Vergangenheit zurück. Der 28. April ist für ihn normalerweise ein Tag wie jeder andere, außer in diesem Jahr. Da ist er sich des traurigen Jubiläums durchaus bewusst. Ähnlich wie Lothar Schmidt ist er dankbar, dass die Rettungskette im Anschluss an den Unfall so gut geklappt hat. Dass gleich Rettungshubschrauber und Betten in den Spezialkliniken bereitstanden, dass Familie, Freunde und Kameraden für sie da waren und dass man ihnen immer die Möglichkeit gab, über die Ereignisse zu reden. Darüber hinaus habe die Unfallkasse Hessen sich intensiv um die beiden Verletzten gekümmert und auch ihre Familien in dieser schweren Zeit unterstützt.
„Ich war allerdings schnell der Meinung, dass mich jammern nicht weiterbringen würde“, erzählt Hagenbring. Schon während seines Krankenhausaufenthalts lässt ihm sein Physiotherapeut, mit dem er auch noch nach 25 Jahren in Kontakt steht, keine Schwäche durchgehen. „Er trieb mich an und half mir, stärker zu werden.“
Auch sein Freundeskreis und seine damalige Freundin und jetzige Ehefrau Nadja bauten ihn auf. Er kehrte zur Feuerwehr zurück, fuhr zu Alarmierungen und unterstützte dabei die Einsatzleitung. Eigens für ihn wurde ein Einsatzwagen mit Lenkradknauf versehen, damit er trotz der Beeinträchtigung der Hände das Fahrzeug steuern konnte.
Auch beruflich entwickelte sich bei dem damals 20-jährigen Feuerwehrmannalles zum Guten. Bei der Stadt begann er 1997 eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten. Heute ist er im Straßenverkehrsamt der Stadt Marburg.
„Weder Lothar noch ich hadern mit dem, was uns passiert ist“, fasst Hagenbring zusammen. Beide sind mit ihrem Leben zufrieden und glücklich, dass ihre Feuerwehrkameraden durch die verbesserte Schutzkleidung heute sicherer sind als sie es selbst damals am 28. April 1995 waren.

* pm: Stadt Marburg

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