Ohne Gnade: Macbeth-Persiflage eröffnete KUSS-Festival

Mit „Herr Macbeth oder die Schule des Bösen“ eröffnete das Vorstadttheater Basel am Sonntag (19. März) das „KUSS-Festival“. Vorher mussten die Besucher in der vollbesetzten „Bühne“ jedoch sechs Redner erdulden.
Festivalleiter Jürgen Sachs erläuterte die Auswahl des Programms der 22. Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche. Theater sei der Ort für die offene gesellschaftliche Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und sozialen Fragen. Dem wolle die Auswahl der Stücke Rechnung tragen.
Theaterintendant Matthias Faltz erhob die Forderung an politische Entscheidungsträger, nicht an der Kultur zu sparen. Theater könne die Welt verändern, meinte er. Deswegen sei das Sparen an der Kultur der erste Schritt zur Unkultur, was das Beispiel der Niederlande in erschreckender Weise vor Augen führe.
Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach und Landrätin Kirsten Fründt hoben die Bedeutung des Theaterfestivals für die Universitätsstadt Marburg und den Landkreis Marburg-Biedenkopf hervor. Ulrich Müller vom Staatlichen Schulamt Marburg verwies mit Stolz auf die Urheberschaft seiner Behörde beim Workshop-Programm, das in den 22 Jahren des Festivals zu einer engen und vertrauensvollen Kooperation zwischen Schulen und Theatermachenden geführt habe.
Jürgen Bandte vom Freundeskreis des Hessischen Landestheaters schließlich verwies auf den Preis, den sein Verein bereits zum 20. Mal auslobt. Mit 2.000 Euro belohnt er die beste Produktion des Festivals. Ausgewählt wird sie von einer Jury aus Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen, die sich alle Stücke ansieht.
Allerdings betrachtete Banthe die dargebotenen Produktionen nicht als Kinder- oder Jugendtheater; vielmehr handele es sich um „Theater für Menschen“. Indes seien manche Produktionen des Kinder- und Jugendtheaters näher an der Alltagsrealität als viele Inszenierungen für Erwachsene.
Nachdem Sachs dann auch noch drei „Artists in Residence“ etwas verunglückt vorgestellt hatte, begann nach mehr als einer halben Stunde endlich das Theater. Offenbar waren die Schauspieler den Rednern unvermittelt ins Wort gefallen.
Stimmengewirr und archaische Laute ertönten zu beklemmender Musik. Schnatternd und schreiend ließen die Hexen erst einen Finger, dann eine Hand und schließlich eine Person aus einem Kessel herauskommen. Mit einer klassischen Inszenierung von „Macbeth“ hatte all das wenig gemein.
Dank seines Heerführers Macbeth hat König Duncan die Schlacht gegen die Norweger gewonnnen. Auf dem Rückweg trifft Macbeth mit seinem Freund Banquo im Heidemoor auf die Hexen. Sie begrüßen ihn als „Thane von Cawdor“ und künftigen König von Schottland.
Erst später erfährt Macbeth, dass König Duncan ihm aus Freude über den Sieg die Würde des verräterischen Thane of Cawdor übertragen hat. Nun freundet er sich allmählich mit der Vorstellung an, auch König von Schottland zu werden.
Er erzählt seiner Frau von den Hexen und ihrer Weissagung. Sie fordert ihn auf, dem Schicksal nachzuhelfen. Auf ihr Drängen hin ermordet er den König, dessen Sohn Malcolm aus Furcht vor einem weiteren Mord flüchtet.
Nach Malcolms Flucht wird Macbeth zum König gekrönt. Die Weissagung der Hexen ist erfüllt.
Doch Gewissensbisse und Angst machen sich breit. Macbeth wird zum Tyrannen. Die ehrgeizige Lady Macbeth wird schließlich verrückt.
Die gesamte Handlung des 400 Jahre alten Dramas von William Shakespeare hat das Vorstadtheater Basel in seinem Stück persifliert. Originelle Darstellungsweisen der Szenen – teils auf Englisch, teils in Schwyzer Dütsch – brachten das Publikum wieder und wieder zum Lachen.
Beim zweiten Aufeinandertreffen der Hexen mit Macbeth wirkt die Szenerie wie der hypnotisierende Gesang buddhistischer Mönche. All das haben die Schauspieler absolut brilliant umgesetzt.
Mitunter haben sie einzelne Szenen jedoch zu langatmig ausgewalzt. Manche Gags sind auch einfach nur albern.
Zudem erschließt sich die Parodie eigentlich nur Kennern des Shakespeare-Dramas. So mag sie Schüler zum Lachen bringen, die zuvor im Englischunterricht mit „Macbeth“ gequält worden sind.
Bei alledem birgt die mit skurillen Effekten überladene Aufführung ein Menschenbild von Jugendlichen, das ihre ernsthafte Auseinandersetzung mit Macbeth und seinem mörderischen Ehrgeiz in Frage stellt. Bei der Darstellung des Vorstadttheaters Basel könnte sich der Eindruck einschleichen, junge Menschen würden nur das anschauen, was mit viel Klamauk und Gags garniert ist. Diese Vorstellung wäre indes eine respektlose Geringschätzung der Jugendlichen und ihrer Interessen.
Trotz des mitunter zu langen Auswalzens der eigenen Gags sprang jedoch die extreme Spielfreude der Basler Theaterleute über. Die Darsteller waren wirklich erstklassig. Alle haben absolut bewundernswerte schauspielerische Leistungen auf die Bühne gebracht.
Die Verantwortlichen des Hessischen Landestheaters Marburg hingegen sollten das Konzept der Eröffnungsveranstaltung für das KUSS-Festival noch einmal kritisch überprüfen. Wenn Theaterinteressierte von sechs Rednern zu Geiseln für selbstdarstellerische Profilneurosen genommen und mehr als zwei Stunden lang ohne Pause festgehalten werden, dann eröffnet das der Freude am Theater wohl eher keine neuen Sympathien.

* Franz-Josef Hanke

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