Teure Erfahrungen: „Tigermilch“ zwischen Freundschaft, Liebe und Abschiebung

„Auf der Bühne stehen Kühlschränke und Kühltruhen.“ So beschrieb Franz Burkhard am Mittwoch (14. März) das Bühnenbild von „Tigermilch“.
In einer Inszenierung des Comedia Theaters Köln war der Jugendroman von Stefanie de Velasco im Rahmen des 23. KUSS-Festivals auf der „Bühne“ des Hessischen Landestheaters Marburg zu sehen. Nadja Duesterberg und Sibel Polat verkörperten die beiden Freundinnen Nini und Jameelah dabei eindringlich und überzeugend. Der Marburger Chefdramaturg Burkhard erklärte die Szenerie per Audiodeskription auch einem guten Dutzend junger Zuschauerinnen und Zuschauer mit Sehbeeinträchtigung.
Die beiden Freundinnen mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft. Dieses Getränk nennen sie „Tigermilch“.
Nini und Jameelah interessieren sich fürJungs und wollen es endlich mal erleben. Die Siedlung, in der sie wohnen, ist multikulturell geprägt wie auch die Freundschaft der beiden Protagonistinnen.
Drastisch und Pointenreich beschreiben die Mädchen ihre Erlebnisse. Dabei schlüpfen Duesterberg und Polat mal in die Rollen von Nini und Jameelah und dann wieder in die einer Erzählerin. Zwischendurch gibt es auch Musik und Einblendungen auf einer Leinwand hinter den Kühlschränken.
Mal dienen diese Kühlschränke als Aufbewahrungsort für die Zutaten der „Tigermilch“ oder von Zigarretten, dann wieder als erhöhte Fläche für einen Auftritt auf einem der Kühlschränke und schließlich sogar als Versteck. In den Kühlschränken können sich die Mädchen verstecken oder darauf Graffitis anbringen.
Jameelahs Mutter hat einen Brief von der Ausländerbehörde bekommen. Die Familie soll abgeschoben werden. Doch ein Leben ohne Jameelah kann Nini sich nicht vorstellen.
Aber sie bleiben cool und trinken ihre „Tigermilch“. Dann gehen sie auf die Suche nach dem Abenteuer in die Stadt. Mit 14 Jahren fühlen sie sich erwachsen genug für die ersten Erfahrungen mit einem Mann.
Eines Nachts werden Nini und Jameelah Zeuginnen eines furchtbaren Vorfalls. Ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Dann droht Jameelah die Abschiebung. Nini trifft sie ein letztes Mal.
Die Geschichte von Nini und Jameelah ist eine mitreißende Story über das Erwachsenwerden, Liebe und Freundschaft. Zugleich ist es aber auch eine Geschichte über ein Land, das Menschen eiskalt abschiebt ins Nichts.
Vor Allem das packende Spiel der beiden Darstellerinnen, die allein mit der Hilfe eines Musikers alle Rollen beschrieben oder verkörpert haben, hat das meist jugendliche Publikum überzeugt. Am Ende erhielten sie langanhaltenden Applaus. „Tigermilch“ ist eine zeitgemäße Darstellung eines aktuellen Problems innerhalb des Rahmens einer uralten Menschheitsgeschichte von Pubertät und dem Drang nach Freiheit auf der Suche nach der eigenen Identität.

* Franz-Josef Hanke

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