Herkunft und Vergangenheit: Natascha Wodin las aus ihrem Roman

Wodin

Natascha Wodin las aus ihrem Roman. (Foto: Laura Schiller)

„Sie war nicht nur ein Mensch ohne Zukunft, aber auch ohne Vergangenheit“, las Natascha Wodin vor. Am Donnerstag (3. Juni) gab die Autorin eine Lesung aus ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“.

Wodin wurde 1945 in Fürth geboren und wuchs in einem sogenannten „Displaced Persons Lager“ auf. Nach dem Tod ihrer Mutter kamen sie und ihre Schwester in ein katholisches Mädchenheim, wo sie einander nur selten sahen. Sie hat als Russisch-Übersetzerin gearbeitet und zwischenzeitlich in Moskau gelebt.

1982 brachte sie ihren ersten Roman „Gläserne Stadt“ heraus. Weitere Bücher aus ihrer Feder heißen „Nachtgeschwister“ und „Irgendwo in diesem Dunkel“, das die Geschichte ihres Vaters erzählt. Ihr neustes Buch „Nastjas Tränen“ berichtet von der Geschichte ihrer ukrainischen Putzfrau, mit der sie mittlerweile zusammenlebt.

Für die Veranstalter „Kulturelle Aktion Marburg – Strömungen e.V.“ und das Marburger Literaturforum war Wodin schon lange eine Wunschkandidatin. Die Veranstaltung fand in der Reihe „Begegnungen mit dem Osten Europas“ statt.

In dem bewegenden Roman „Sie kam aus Mariupol“ geht es um Wodins Mutter. Sie wuchs in der Ukraine auf und wurde während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiterin nach Deutschland deportiert. Viel mehr wusste Wodin allerdings nicht über ihre Mutter. Denn sie nahm sich das Leben als Wodin gerade 10 Jahre alt war.

Von ihrer Suche nach Herkunft und Vergangenheit berichtete Wodin am Donnerstagabend im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ). Alles begann damit, als sie auf gut Glück den Namen ihrer Mutter in die Suchleiste des russischen Internets eingab.

Sie versprach sich nicht viel davon, aber stoß sofort auf ein Ergebnis. Dadurch kam eine Lawine ins Rollen, bei der Wodin auf wundersame Weise immer mehr über ihre eigene Familie erfahren durfte. „Es war als würden 100.000 Sternschnuppen auf mich fallen“, erzählte sie.

1944 wurde ihre Mutter mit 23 Jahren gemeinsam mit Wodins Vater nach Deutschland deportiert. In einem Arbeitslager in Leipzig litt das frisch vermählte Paar unter unmenschlichen Lebensumständen.

Während des Kriegs kamen täglich etwa 10.000 Zwangsarbeiter nach Deutschland. Die Reise fand am Anfang oft freiwillig statt. „Man versprach ihnen das Paradies“, berichtete Wodin. Doch bald sickerte die Wahrheit durch.

Wegen der schlechten Behandlung kehrten viele in die Ukraine zurück. Daraufhin starteten die Razzien, und aus den Verstecken gerissen wurden die Menschen in Viehwagons gepackt und millionenweise nach Deutschland gebracht.

„Zahllose verschwanden spurlos, mit nichts anderen als den Kleidern an ihrem Leib“. Das Mindestalter für die Zwangsarbeiter „Sklaven“ betrag 10 Jahre.

Mariupol – die Heimatstadt von Wodins Mutter – wurde fast komplett zerstört. Die Nazis wollten „so viel verbrannte Erde wie möglich zurücklassen“.

Über das Leben ihrer Mutter in der Zwangsarbeit konnte Wodin nicht viel herausfinden. Sie weiß bis heute nicht, ob die Deportation freiwillig geschah oder erzwungen wurde. Sie weiß nur, dass sie für den Flick-Konzern unter ständigem Bombardement die Flugzeugteile herstellen musste, die letztendlich zur Zerstörung ihrer eigenen Heimat beitragen würden.

In einer Barracke kam Natascha Wodin kurz nach Kriegsende zur Welt. Sie hatte Glück: Die meisten Babys, die in Barracken zur Welt kamen, wurden den Müttern von den Nazis weggenommen, um sie verhungern zu lassen oder um mit der Giftspritze umgebracht zu werden.

In einer Barracke wuchs Wodin auch auf. Von der Zwangsarbeit der Mutter erfuhr sie allerding erst mit 35 Jahren. Lange lag der Tag schon zurück, an dem ihre Mutter „wortlos die Wohnung verlies und nicht wiederkam“.

Außer ihrer Schwester und ihr konnte sich keiner mehr an ihre Mutter erinnern. Der Wunsch kam schnell, ihre Geschichte aufzuschreiben. Als sie anfing, eine Skizze einer fiktiven Geschichte über das Leben in der Zwangsarbeit zu schreiben, kam ihr der Einfall, den Namen ihrer Mutter im russischen Internet nachzuschlagen.

Durch Zufall taten sich für Wodin ganz neue Welten auf. Denn sie erfuhr nicht nur von der Geschichte ihrer Mutter, sondern auch von ihrer ganzen Familie.

Ihr Urgroßvater hatte sich mit Kohleexport in der Ukraine ein Vermögen verdient. In ihrer Verwandtschaft – so stellte es sich heraus – befanden sich Philosophen, Wissenschaftler, Künstler, ein Opernsänger. Der Vater ihrer Mutter war ukrainischer Landadel, und die Großmutter der Autorin eine Italienerin, so wie Wodin es sich in ihrer Kindheit immer vorgestellt hatte.

Denn ihre russische Identität leugnete Wodin in ihrer Kindheit vorzugsweise. Für sie gab es nichts schlimmeres, als russisch zu sein. Als sich „die Lüge als Wahrheit entlarvte“, war das für Wodin „wie ein Märchen“.

Wodins Mutter hatte von all dem Reichtum ihrer multikulturellen Familie jedoch vermutlich wenig mitbekommen. Vermögen zu besitzen war in der ehemaligen Sowjetunion verboten, adlig zu sein ein Verbrechen. Die Familie war also längst enteignet, und das Leben der Mutter gezeichnet von Hunger, Revolution, Bürgerkrieg, Stalin-Terror und dann Hitlers Vernichtungskrieg.

Dennoch ist Wodin dankbar, heute mehr über ihre Herkunft zu wissen. „Für mich war es ein unfassbarer Fund. Es ist für mich bis heute unfassbar, dass ich es gefunden habe.“

Als sie „Sie kam aus Mariupol“ 2014 schrieb, konnte sie im Fernsehen den Bürgerkrieg in der Ukraine mitverfolgen. Sie fand es makaber, über Mariupol in Trümmern zu schreiben, während es erneut zerstört wurde. Der Zusammenhang zur aktuellen Zeit schien so furchtbar, dass sich bei der Veranstaltung keiner traute, ihn anzusprechen.

*Laura Schiller

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