Freude am Trainieren: Sicherheitstraining für Senioren kommt gut an

Das kostenlose Sicherheitstraining der Stadt Marburg kommt gut an. Mit „Krav Maga“ kommen die Teilnehmenden bewusster und sicherer durch den Alltag.
Sicherheit ist vor allem auch subjektives Empfinden. Doch wann fühlt sich etwas sicher an? Welche Situationen können eigentlich gefährlich werden und wie sollte man dann am besten reagieren?
Diesen und weiteren Fragen stellten sich die Teilnehmenden des kostenlosen Sicherheitstrainings der Universitätsstad Marburg vor Allem praktisch. „Vielen Dank für das Training, aus dem ich sehr viel für mich mitnehme“, sagte Stadträtin Kirsten Dinnebier in der Feedback-Runde. Denn die Sozialdezernentin hat selbst an der letzten Einheit des kostenlosen Sicherheitstrainings der Stadt teilgenommen.
„Die vielen positiven Rückmeldungen, die bei uns zu diesem Programm eingetroffen sind, und die lange Warteliste zeigen, dass das Angebot gut angenommen wird“, erklärte die Stadträtin. „Daher planen wir, das Sicherheitstraining in Zukunft fortzuführen.“ Das kostenlose Sicherheitstraining für Marburgerinnen und Marburger ab 50 wurde bereits in den Stadtteilen Schröck, Stadtwald und Moischt zu je drei Terminen angeboten.
Doch wie läuft so eine „Krav-Maga“-Einheit ab? Eine kurze Begrüßung, ein Blick in die Runde, dann geht es auch schon los. Trainer und Head Instructor des „I. S. D. Krav Maga Germany“ Tayfur Imprahem kündigt die erste Übung an.
„Zombie-Game“ ist kein apokalyptisches Szenario; sondern es soll mehrere Fähigkeiten auf einmal trainieren. Während die eine Hälfte die Arme nach vorne ausstreckt wie „Zombies“, legt die andere Hälfte die Arme eng an den Körper. Nun bewegen sich die Teilnehmenden in einem engen Radius umeinander und dürfen sich nicht berühren.
Ganz schön wuselig sei das. Bei der Übung geht es um Überblick und Aufmerksamkeit.
Eine Ausnahme in Sachen Berührung gibt es jedoch: Kann einem Zombie nicht ausgewichen werden, so wird er abgewehrt.
Mit welcher Technik, entscheiden die Trainer auf Zuruf. Neben der Aufmerksamkeit schult die Übung also auch die Reaktionsfähigkeit – auf akustische Signale (Zurufe der Trainer), aber auch auf die jeweilige Situation (ausweichen oder abwehren).
Die Größe einer Gruppe variiert zwischen 15 und 20 Personen. Um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Teilnehmenden eingehen zu können, unterrichten die Trainer stets zu zweit oder gar zu dritt. Dabei werden auch individuelle Probleme berücksichtigt.
Wer Knieprobleme hat, muss sich gegebenenfalls anders verteidigen, als jemand, der es im Rücken hat. Wer nicht schnell laufen kann, lernt stattdessen, welche Möglichkeiten zur Verteidigung es in der Umgebung gibt und persönlich genutzt werden können.
„Es muss realistisch sein“, sagte Tayfur Imprahem. „Viele lernen Verteidigungsmechanismen, die gar nicht zu ihrer Persönlichkeit oder ihren Möglichkeiten passen. Das ist im Ernstfall aber nicht hilfreich, da diese Reaktion dann nicht natürlich abgerufen werden kann. Im Krav Maga schulen wir Reflexe, die bereits da sind, und finden gemeinsam heraus, was für die einzelne oder den einzelnen passt.“
Das Bewusstsein für potenzielle Gefahrensituationen zu schulen, bildet einen der Schwerpunkte des Sicherheitstrainings. “ die Stadträtin.
Es geht darum, die Unversehrtheit von Leib und Seele sowie Hab und Gut zu schützen“, erläuterte Bernd Runckel. Er ist Leiter des „I. S. D. Krav Maga Germany“ in Marburg und Kirchhain.
Auch ein theoretischer Teil gehört zum Training unter anderem mit Infos, was in welcher Gefahrenlage im Rahmen der Selbstverteidigung überhaupt erlaubt ist. „Es ist schön, zu sehen, wie die Teilnehmer*innen sicherer werden und ein besseres Gefühl dafür entwickeln, was in welcher Situation angebracht ist“, berichtete Christian Scheifer vom Trainingsstandort Gießen. Neben der Verteidigung bei körperlichen Angriffen wurden auch Reaktionsmöglichkeiten bei verbalen Attacken, verwirrenden Situationen und Bedrängungen verschiedener Art geübt.
Viele unangenehme Situationen lassen sich bereits durch Mimik, Gestik, Kommunikation oder durch das Ansprechen von Passant*innen entspannen. Vor allem betonen die Trainer immer wieder, wie wichtig es ist, auf sich aufmerksam zu machen und laut zu sein. Am besten tut man das ohne komplizierte Sätze, weil dafür im Ernstfall vor Aufregung und Anstrengung die Konzentration und die Luft fehlten.
Einsilbige Äußerungen seien einfacher. Also sollte man „Halt“ oder „Stopp“ rufen oder schlicht brüllen. „Das ist laut, gibt Energie und schüchtert Gegner*innen auch noch ein, denn die rechnen nicht damit““, erklärte Imprahem.
Insgesamt wurde das Sicherheitstraining, das die Stadt Marburg organisiert hat, von den Teilnehmenden sehr gut angenommen. Alle Gruppen der Stadtteile wünschten sich weitere Termine oder gar ein vertiefendes Angebot.
„Mir hat besonders gefallen, dass es so viel Praxis gab“, berichtete ein Teilnehmer. „Das hat sehr dabei geholfen, die Hemmungen zu überwinden.“
Eine weitere Teilnehmerin erklärte: „Ich bin der Stadt sehr dankbar, dass sie dieses Training in den Stadtteilen angeboten hat und besonders auch für meine Altersgruppe, ansonsten hätte ich das wahrscheinlich nicht ausprobiert. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich mich getraut habe.“
Ein anderer Teilnehmer schloss die Feedback-Runde ab mit der Feststellung: „Die Übungen waren wirklich aus dem Leben gegriffen und sehr hilfreich.“
Dr. Petra Engel vom städtischen Fachdienst Altenplanung betonte: „Dieses Sicherheitstraining, das speziell für ältere Personen ausgerichtet ist, war uns besonders wichtig. Denn obwohl die Kriminalstatistik für 2020 zeigt, dass Personen höheren Alters im Alltag weniger Gefahren ausgesetzt sind als jüngere Menschen, gibt es bei Älteren ein größeres Unsicherheitsgefühl. Und genau dort möchten wir mit diesem Angebot ansetzen. Denn in Marburg sollen sich alle sicher fühlen.“
Das kostenlose Sicherheitstraining für Marburgerinnen und Marburger ab 50 haben der Fachdienst Altenplanung und das Ordnungsamt der Universitätsstadt Marburg in Kooperation mit dem „I. S. D. Krav Maga Germany“ ins Leben gerufen. Dabei gehen die Trainer speziell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der älteren Mitmenschen ein. Das Sicherheitstraining wird vom Projekt „Einsicht – Marburg gegen Gewalt“ begleitet und evaluiert.
Dabei handelt es sich um eine Wissenschaft-Praxis-Kooperation zur Abstimmung von Präventionsstrategien in der Stadt. Dafür werden die Teilnehmenden vor und nach dem Training zu ihrem Sicherheitsempfinden und ihrem Verhalten in Gefahrensituationen befragt. Um möglichst aussagekräftige Ergebnisse zur Wirkung des Sicherheitstrainings zu erhalten, werden zeitgleich zu den Trainingseinheiten Marburger*innen ab 50 Jahren als Kontrollgruppe zu ihrem Sicherheitsempfinden befragt.

* pm: Stadt Marburg

Kommentare sind abgeschaltet.