Nazi gespielt: Camil Morariu hat „viele Heimaten“

Camil Morariu

Camil Morariu (Foto: Neven Allgeier)

„Ich habe viele Heimaten“, sagt Camil Morariu. „Marburg ist für mich eine Heimat.“
Seit fünf Jahren gehört Morariu zum Ensemble des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM). An der mittelhessischen Universitätsstadt schätzt der Schauspieler ihre Offenheit und das solidarische gesellschaftliche Klima. „Es ist beruhigend, in einer Stadt zu wohnen, wo man nie überlegen muss, wohin man nachts gehen kann“, erklärt er.
Geboren wurde Morariu in Rumänien. Dort ist er zweisprachig aufgewachsen. Seine Muttersprachen sind Rumänisch und Ungarisch.
„Meine Mutter hatte ungarische Vorfahren“, erklärt er. „Deutsche gab es in unserer Familie auch.“
Als er sechs Jahre alt war, flohen Morarius Eltern nach Deutschland. Ein Dreivierteljahr blieb er bei seinen Großeltern in Rumänien zurück, bevor die Eltern ihn nachholten.
„Wir haben in einem kleinen Ort bei Passau gelebt“, erinnert sich Morariu. „Bayern ist deswegen auch eine Heimat für mich ebenso wie Rumänien.“
„An der Schule hatten wir einen sehr beliebten Lehrer, der die Theater-AG gleitet hat“, erinnert sich Morariu. „Ich musste mehrere Jahre warten, bis ein Platz frei wurde und ich endlich mitspielen durfte.“
Seine Begeisterung für das Theater weckte in dem Gymnasiasten den Entschluss, sich an einer Schauspielschule zu bewerben. Angenommen wurde Morariu im badischen Freiburg.
Dort gab es auch Lehrer, die aus Rumänien stammten. „Die gemeinsame Herkunft und das gemeinsame Schicksal waren natürlich eine besondere Verbindung“, erinnert er sich.
Nach dem Abschluss der Ausbildung erhielt Morariu sein erstes Engagement am Stadttheater Freiburg. Über das Staatstheater Karlsruhe und das Theater der Jugend Wien führte ihn sein Weg weiter nach Bruchsal.
„Als es mir in Bruchsal zu eng geworden war, habe ich mich anderswo beworben“,berichtet Morariu. „In Marburg wurde ich dann schließlich angenommen.“
An der mittelhessischen Universitätsstadt gefällt ihm ihre Weltoffenheit. „Es ist beruhigend, in einer Stadt zu leben, wo man nicht überlegen muss, wo man sich nachts hintrauen kann“, erklärt er. Außerdem genießt er den Schlossblick von seinem Balkon.
Sich selbst versteht Morariu als politischen Menschen. Allein schon wegen seiner Lebenserfahrung engagiert er sich gegen jede Form von Faschismus und Rassismus.
Diese Erfahrungen konnte er zusammen mit der Regisseurin Fanny Brunner 2016 bei der Erarbeitung des Stücks „Furcht und Ekel – das Privatleben glücklicher Leute“ von Dirk Laucke auf erfreuliche Weise einbringen. Im Hessischen Landestheater Marburg (HLTM) feierte es am 10. September 2016 Premiere. „Das war für mich einer meiner Höhepunkte“, schwärmt er noch heute.
Eine besondere Erfahrung ganz anderer Art war die Rolle, die er in der laufenden Spielzeit im Klassenzimmerstück „Deine Helden, Meine Träume“ gespielt hat. Dort mimte Morariu einen jungen Neonazi. „Sehr interessant waren die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler“, erläutert er.
Am Theater genießt er die Interaktion mit dem Publikum. „Das kann keine Online-Aufführung ersetzen“, bedauert Morariu. Wichtig ist für ihn auch die moralische Verpflichtung der Kunstschaffenden, den Menschen zu Einblicken in die Welt und Einsichten über sich selbst zu verhelfen.
„Du kannst Andere nur mit Respekt behandeln, wenn du dich selbst respektierst“, hatte ihm sein Großvater als kleiner Junge beigebracht. „Wenn ich gut zu mir bin und versuche die beste Version meiner selbst zu sein, kann ich mein Umfeld positiv beeinflussen. Dann kann ich auch für die Anderen da sein.“
Dieser Großvater war ein sehr integerer und offener Mensch. Seine Maxime war immer, sich für das Wohl der Mitmenschen einzusetzen, um das eigene Leben zu verschönern, erklärt Morariu.
Gedanken an den Großvater kommen Morariu gerade jetzt viel in den Sinn, wenn er die Gesellschaft in Zeiten von Corona betrachtet mit ihrer auferlegten Isolation: „Hoffentlich nutzen wir die Momente der Entschleunigung, um wieder bei uns Selbst anzukommen. Solidarität zeigt sich gerade in vielen Lebensbereichen, aber hoffentlich bleibt das auch über die Krise hinaus bestehen und ist nicht nur eine Momentaufnahme.“
In rechten Foren und Blogs werde die Situation schon wieder genutzt um sich für geschlossene Grenzen auszusprechen und für ein Deutschland ohne Zuwanderung zu argumentieren. „Und dass die neue Rechte versiert ist, unsere Sprache zu zersetzen, Angst in der Bevölkerung zu schüren und Rassismus salonfähig zu machen, haben die letzten Jahre gezeigt“, warnt Morariu. „Da erhoffe ich mir, dass wir nach der Corona als eine Gesellschaft auftreten werden, in der alle gleich(-wertig) behandelt werden. Menschlichkeit und Respekt müssen wir dann der Angst und der (erlebten) Isolation entgegensetzen. Offen und wach sein auch für die Belange der Anderen.“

* Franz-Josef Hanke

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