Vielfalt oder Einfalt: 1. Mai mit lautstarker Kritik an Spies

„Wir sind viele; wir sind Eins“, lautete das Motto zum 1. Mai 2017. Tatsächlich beteiligten sich am Montag (1. Mai) mehr als 1.000 Menschen an der Demonstration zum „Tag der Arbeit“ in Marburg.
Mit Parolen und Wechselgesängen heizte der „Jugenbblock“ an der Spitze des Zuges Demonstrierenden und Passanten ein. Aktive verschiedener Jugendorganisationen sorgten nicht nur für gute Stimmung, sondern auch für ein frisches Bild von einer jungen Gewerkschaftsbewegung.
Auf dem Marktplatz begrüßte der dGB-Kreisvorsitzende Pit Metz Gewerkschafter in aller Welt. Doch noch während der Begrüßung von Streikenden in Brasilien und in Detroit versagte die Tonanlage und zwang ihn zur Fortsetzung seiner Rede bei der Abschlussveranstaltung auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz.
Dort erinnerte Metz die mittlerweile über 1.200 Anwesenden daran, das Arbeitnehmerrrechte nicht vom Himmel gefallen sind, sondern in jahrzehntelangen Kämpfen hart erstritten wurden. Gleichzeitig mahnte er zur Solidarität mit Beschäftigten in Textilfabriken in Pakistan oder Bergwerken in Südafrika sowie mit verfolgten Gewerkschaftern in Indien oder der Türkei.
Aber auch in Deutschland sei nicht alles gut, auch wenn das häufig behauptet werde. Als Beispiele nannte er die prekären Arbeitsverhältnisse insbesondere von Frauen und die ungerechte Verteilung des Reichtums. Die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung besäßen hierzulande 70 Prozent des gesamten Privatvermögens, prangerte er an.
Mit der „Agenda 2010“ und „Hartz IV“ habe der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder große Teile der Bevölkerung an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wenn nun behauptet werde, diese angebliche „Reform“ sei Ursache des heutigen Wohlstands in Deutschland, dann treibe das die Abgehängten geradezu in die Arme von rechtspopulisten und Neofaschisten.
Unter lautem Beifall der Anwesenden forderte Metz eine Sozialreform, die diesen Namen wirklich verdiene. Dabei reiche es nicht aus, Hartz rosa anzustreichen; vielmehr müsse die Verteilungsgerechtigkeit vom Grund her angegangen werden.
Zudem sprach sich der DGB-Kreisvorsitzende für eine solidarische Gesellschaft aus, die nicht Flüchtlinge bekämpfe, sondern die Ursachen ihrer Flucht. Dazu gehöre der Einsatz für gerechtere Verhältnisse weltweit. Im Wahljahr müssten die Parteien diese Reformen mit Unterstützung der sechs Millionen Mitglieder des DGB notfalls auch gegen Widerstand der Unternehmer durchsetzen, forderte Metz.
Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verdeutliche auf erschreckende Weise die menschenverachtende Logik des neoliberalen Kapitalismus: Um Börsenkurse zu steigern, werde auch der Tod von Menschen in Kauf genommen. Insofern habe sich der Attentäter streng an die Logik gehalten, die auch Textilfabriken oder Atomkonzerne verfolgten.
Mit langanhaltendem Beifall wurde Metz nach seiner Rede von der Bühne entlassen. Das anschließende Grußwort des Oberbürgermeisters Dr. Thomas Spies hingegen wurde durch laute Proteste jugendlicher Gewerkschafter zunächst verzögert und dann behindert. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, skandierten sie in Anspielung auf die vom Oberbürgermeister angestrebte Große Koalition im Rathaus und den dabei geplanten Sozialabbau.
Souverän stellte sich Spies jedoch dieser Kritik. Die jungen Leute forderte er auf, ihre Transparente nicht allein nur zum Publikum hin zu zeigen, sondern auch ihn wissen zu lassen, was darauf zu lesen ist.
Ihrer Kritik an Kürzungen im Kulturbereich und bei sozialen Projekten widersprach er mit der Anmerkung, dass der Kulturetat der Universitätsstadt Marburg von 2016 auf 2017 um mehr als 2 Millionen Euro steige. Damit entkräftete er jedoch nicht die Kritik an Kürzungen von rund 600.000 Euro bei Kultur- und Sozialprojekten in der Stadt, die trotz der Steierung in anderen Bereichen vorgesehen ist.
Mit hilfe des Mikrofons konnte Spies die Sprechchöre übertönen. Seine vorbereitete Rede zur „Leitkultur“-Debatte von Innenminister Thomas de Maiziere ging inhaltlich allerdings weitgehend unter. „Leitkultur“ sei für ihn das Grundgesetz, erklärte Spies, während das Händeschütteln für ihn als Arzt eher die Verbreitung von Bakterien fördere.
Stinksauer reagierte der DGB-Kreisvorsitzende Metz auf die andauernde Störung der Rede des Oberbürgermeisters. „Damit habt Ihr den Gewerkschaften einen Bärendienst erwiesen“, meinte er und verwies auf das Motto, das die Einigkeit der Gewerkschaftsbewegung aus historischen Erfahrungen heraus nicht ohne Grund einfordere.
Ungestört konnte anschließend Landrätin Kirsten Fründt ihre Rede halten. Sie verwies darauf, dass prekäre Lebensbedingungen zuallererst in den Kommunen zu bemerken seien. Deswegen sprach auch sie sich für mehr soziale Gerechtigkeit aus.
Die letzte Rede hielt eine Vertreterin der Gewerkschaftsjugend. Sie prangerte die prekären Verhältnisse an, unter denen Auszubildende bei geringer Bezahlung und unsicheren Zukunftsaussichten ins Berufsleben einsteigen.
„In den guten alten Zeiten“ lautete der Titel des ersten Lieds, das Kai Degenhardt anschließend vortrug. Sein Vater Franz Josef Degenhardt hat diese erschütternde Schilderung des Lebens nach einem Atomkrieg vor mehr als 50 Jahren geschrieben. Doch gerade angesichts der weltpolitischen Lage nach dem Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump ist dieser poetische Text erschreckend aktuell.
Abwechselnd trug Degenhardt zur Gitarre dann eigene Lieder und Lieder seines Vaters vor, bevor er zum Schluss ein bekanntes Chanson von Georges Brassens neu übersetzte. Die alte Übertragung des „Lieds für meine revolutionären Freunde“ von Walter Mossmann indes besitzt mehr Charme und mehr Substanz als Degenhardts neue Vertonung. Insgesamt kann er gleichzeitig vom poetischen Reichtum seines Vaters profitieren und dessen große Fußstapfen kaum wirklich ausfüllen.
Unmittelbar nach Degenhardts Auftritt setzte ein Nieselregen ein, der die übrig gebliebenen Gewerkschafter dann bald auseinandertrieb. Zurück blieb die Auseinandersetzung mit der Frage, wie weit berechtigte Kritik gehen darf und soll oder ob der Respekt vor einer anderen Auffassung sowie eine demokratische Grundhaltung nicht voraussetzt, dem Anderen zuzuhören und ihn ausreden zu lassen. Rosa Luxemburg formulierte die Antwort vor fast 100 Jahren schon deutlich: „Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.“

* Franz-Josef Hanke

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