Gegen Nazis: DNT Weimar überzeugte beim KUSS-Festival

„Ich bin nicht richtig da; ich bin nicht richtig hier – wie beim Koma.“ So beschreibt Mo seine Situation als Deutschtürke. Dabei ist er doch einer der „Superhelden“.
Mit „Helden! Oder warum ich einen grünen Umhang trage und gegen die Beschissenheit der Welt ankämpfe“ überzeugte das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) am Dienstag (21. März) beim KUSS-Festival im Hessischen Landestheater Marburg das jugendliche Publikum. Auf eindringliche und zugleich kurzweilige Art setzten sich die drei Darsteller unter der Regie von Sebastian Martin gekonnt mit Faschismus und Neonazis, Rassismus und sozialen Problemen von Jugendlichen auseinander.
Mohammed – kurz „Mo“ und Jonas kämpfen in einem Boxclub. Mos Vater sponsert den verein mit den Erträgen seiner gut gehenden Glaserei.
Jessica ist Mos Freundin. Ihr Bruder Heiko ist ein Neonazi. Als er durch einen eifersüchtigen Hinweis von Jonas von der Beziehung seiner Schwester zu dem Türken erfährt, schlagen Heiko und seine Kumpane die Glaserei von Mos Vater in Scherben.
Auch Mo schlagen sie derart zusammen, dass er lange im Koma liegt. Jeden Tag besucht Jessica ihn. Doch an dem Tag, als er aus dem Koma erwacht, verlässt sie ihn.
Sieben Jahre danach treffen die drei wieder aufeinander. Jonas hat einen Plan; doch vieles steht noch unausgesprochen zwischen den drei jungen Leuten.
Das Jugendstück von Karen Köhler besticht durch eine sehr frische Sprache ebenso wie durcheine klare Haltung. Dabei zeigt es jedoch keine einfachen Lösungen, sondern vermittelt eher eine differenzierte Betrachtung der angesprochenen Probleme. Das meiste ist am Ende ganz anders als auf den ersten Blick.
Im Superhelden-Umhang möchte Jonas die Nazis verprügeln. Doch dann täte er mit ihnen ja genau das Gleiche, was sie mit Mo gemacht haben. Auch hat jeder der drei es nicht so leicht, wie es zunächst scheinen mag.
Immer wieder sagt einer der Protagonisten „Rewind“, wenn die drei sich eine Szene ausmalen. Dann bewegen sich die Darsteller schnell rückwärts mit genau den Gesten, die sie zuvor ausgeführt haben. All das wird auf eine papierne Leinwand an der Rückseite der Bühne projiziert.
Chefdramaturg Franz Burkhard vom Hessischen Landestheater erläuterte blinden und sehbehinderten Achtklässlern der Carl-Strehl-Schule (CSS) im Rahmen der angebotenen Audiodeskription die Vorgänge auf der Bühne. Erstmals bot das Marburger Theater damit auch Bildbeschreibungen für Blinde zu einem Gastspiel an.
Die Weimarer Schauspieler machten sich einen Spaß daraus, ihre Herkunftsstadt mit dem Marburger Nachbarort Niederweimar oder Oberweimar zu verwechseln. Souverän griffen sie auch Äußerungen aus dem Publikum auf oder stellten ihm Fragen zum Ablauf des Geschehens auf der Bühne.
Vor allem Murat Dikenci als Mo spielte seine Rolle mit einer beeindruckenden Lockerheit und gleichzeitig großer Überzeugungskraft. Aber auch Jonas Schlagowsky in der Rolle des Jonas war großartig. Simone Müller stellte die selbstbewusste Jessica als eine emanzipierte junge Frau dar, die durchaus mit sich ringen muss.
Alle drei überzeugten absolut und gewannen dadurch die Zuschauer für sich. Am Ende erhielten sie verdientermaßen sehr langanhaltenden Applaus. Die – durchaus auch mit sich selbst und ihren eigenen Schwächen kämpfenden – „Helden“ aus Weimar sind sicherlich ein heißer Anwärter auf den 20. Kinder- und Jugendtheaterpreis des Freundeskreises des Hessischen landestheaters.

* Franz-Josef Hanke

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