Wenn zu Hause alles zu viel wird, gibt es in Marburg Hilfen für Kinder und Jugendliche. Darauf hat die Stadt am Montag (23. März) hingewiesen.
In Marburg gibt es viele Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche, die mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwachsen. Die Stadt will die Angebote besser sichtbar und leichter zugänglich machen. Denn die Angebote erreichen bislang nicht alle Familien. Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt ist, verändert das den Alltag ganzer Familien. Viele Kinder erleben Belastungen, über die sie kaum sprechen aus Scham, Loyalität oder weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können.
Schätzungsweise rund 3.300 Minderjährige in Marburg wachsen mit einem psychisch erkrankten Elternteil auf. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es bereits zahlreiche Unterstützungsangebote. Doch bei vielen Familie kommt diese Hilfe nicht an.
Eine aktuelle Bedarfsanalyse der Stadt Marburg zeigt klar: Das Problem ist nicht das fehlende Angebot, sondern der Zugang. „Wir sehen sehr deutlich: Die Hilfen sind da – aber sie kommen zu oft nicht bei den Familien an, die sie brauchen“, sagte Bürgermeisterin Nadine Bernshausen. „Genau da setzen wir jetzt an.“
Betroffene Familien stoßen auf verschiedene Hindernisse: Das sind Unsicherheit, wo Hilfe zu finden ist, Angst vor Konsequenzen oder Stigmatisierung, komplizierte Zuständigkeiten, organisatorische oder finanzielle Belastungen. „Für Kinder bedeutet das oft, dass sie früh verantwortlich handeln müssen und mit ihren Sorgen allein bleiben“, führte Bernshausen aus.
Viele Eltern und Kinder würden aus Scham nicht über die Situation sprechen. Andere wüssten einfach nicht, an wen sie sich wenden könnten. Hinzu kämen bürokratische Hürden, unklare Zuständigkeiten oder fehlende Kapazitäten.
„Auch im Alltag stoßen Familien an Grenzen“, erläuterte Bernshausen. „Termine müssen koordiniert, Wege organisiert und Kosten getragen werden – für viele eine zusätzliche Belastung.“
Diese Erkenntnisse stammen aus einer Online-Befragung der Fachstelle Kinder psychisch erkrankter Eltern der Stadt Marburg. Dort wurde kürzlich untersucht, wie betroffene Minderjährige besser erreicht werden können. Dafür wurden annähernd 40 Menschen interviewt und die Antworten einer Online-Befragung ausgewertet. Daran teilgenommen hatten rund 250 betroffene Jugendliche, Eltern, Angehörige und Partner*innen aus Marburg sowie Mitarbeitende aus dem Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen.
Die Stadt will die bestehenden Angebote besser sichtbar und leichter zugänglich machen. Geplant sind unter anderem: mehr Information durch Öffentlichkeitsarbeit und gezielte Ansprache von Kitas, Schulen, Hausarztpraxen und anderen Anlaufpunkten, an denen Familien erreicht werden. Zudem soll eine zentrale, benutzerfreundliche Info-Plattform entstehen, die Angebote bündelt. Die bereits bestehende digitale Plattform soll weiter ausgebaut werden.
Vor Ort in Marburg ist die Erziehungsberatungsstelle der Stadt tätig. Sie bietet kostenlos Beratung für Familien, Eltern, Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und Pflegeeltern mit Wohnsitz in Marburg an. Nach der Anmeldung findet ein Erstgespräch statt, bei dem gemeinsam besprochen wird, wie die Beratung laufen soll.
Die Erziehungsberatungsstelle ist per E-Mail erreichbar unter erziehungsberatung@marburg-stadt.de. Zudem gibt es zahlreiche Online-Angebote wie den Krisenchat, der rund um die Uhr per WhatsApp und SMS erreichbar ist, oder beispielsweise die „Nummer gegen Kummer“ unter Telefon 116 111. Alle Angebote können eingesehen werden unter www.marburg.de/kipe.
Psychische Erkrankungen in Familien seien kein „Randthema“, sondern eines, dass viele Kinder betrifft, „oft im Verborgenen“, erklärte Bürgermeisterin Bernshausen. „Sie brauchen Erwachsene, die hinschauen – und Angebote, die sie auch wirklich erreichen.“
Weitere Informationen der Fachstelle Kinder psychisch erkrankter Eltern sind online nachzulesen unter www.marburg.de/kipe. Der Bericht mit den Ergebnissen der Bedarfserhebung zur Erreichbarkeit von Angeboten für Kinder psychisch erkrankter Eltern gibt es auf dieser Seite als Dokument zum Download sowohl im Original als auch in Kurzform. Eine Reihe neuer psychologischer Kinderbücher steht außerdem in der Stadtbücherei Marburg zum Ausleihen bereit. Die Bilderbücher zu Themen wie psychisch erkrankte Eltern, Verlust, Traumata, Gewalterfahrungen, streitende Eltern oder Mobbing richten sich an Kinder zwischen drei und zwölf Jahren. Sie lassen sich im Online-Katalog direkt aufrufen durch einen Klick auf „Psychologische Kinderbücher“ unter sb-marburg.lmscloud.net/.
* pm: Stadt Marburg