„Jedes Dorf braucht mindestens eine Wiltrud Thies“, meinte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Die ehemalige Schulleiterin wurde für Engagement rund um Dorfladen Ginseldorf geehrt.
Für ihr außergewöhnliches und nachhaltiges ehrenamtliches Engagement ist Wiltrud Thies am Dienstag (5. Mai) mit dem Historischen Stadtsiegel der Universitätsstadt Marburg ausgezeichnet worden. Die Stadt würdigt damit insbesondere ihren langjährigen Einsatz als treibende Kraft hinter dem Dorfladen Ginseldorf und ihre bemerkenswerten Verdienste um das gemeinschaftliche Leben in dem Marburger Stadtteil. „Wiltrud Thies zeigt uns, wie gelebte Inklusion, bürgerschaftliches Engagement und die Liebe zum eigenen Stadtteil zusammenwirken können“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bei der Verleihung. „Mit ihrem unermüdlichen Einsatz für den Dorfladen Ginseldorf hat sie einen Ort geschaffen, an dem Versorgung, Begegnung und Teilhabe für alle Menschen möglich werden – und damit weit über Ginseldorf hinaus ein leuchtendes Beispiel für solidarisches Miteinander gesetzt.“
Der Dorfladen sei ein leuchtendes Beispiel für andere Dörfer, Stadtteile und Quartiere. Thies blickt auf eine beeindruckende berufliche Laufbahn zurück. Als langjährige Schulleiterin der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Gießen prägte sie die Bildungslandschaft nachhaltig. Für ihre herausragende Entwicklungsarbeit in der inklusiven Bildung erhielt sie 2013 den Bundesverdienstorden.
Zwischen 2010 und 2014 war sie Mitglied des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission und veröffentlichte zahlreiche Fachbeiträge sowie zwei Kinderbücher zum Thema Inklusion. Seit 2015 ist Thies Mitglied des Vorstands, seit 2017 Vorsitzende des „Dorfladen Ginseldorf e.V.“ Unter ihrer Leitung wurde der Dorfladen zu einem vielfach ausgezeichneten Modellprojekt und einem zentralen Ankerpunkt des Dorflebens. Ihre Vision von Nahversorgung, Mobilität und Gemeinsinn durch Inklusion hat den Dorfladen zu einem Aushängeschild für Marburg und den Landkreis gemacht.
Unter ihrer Federführung wurde die Existenz des Dorfladens durch stetige Weiterentwicklung und Nutzerorientierung gesichert – nicht zuletzt sichtbar im Jubiläum „20 Jahre Dorfladen!“. Wiltrud Thies etablierte den Dorfladen als lebendiges Kommunikations- und Begegnungszentrum mit vielfältigen Formaten für Teilhabe und Mitmachen. Der Verein entwickelte sich zu einem Impulsgeber für das Dorf und förderte die enge Kooperation und gegenseitige Wertschätzung aller Vereine vor Ort.
Die Arbeit des Dorfladenvereins unter ihrer Leitung ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Uunter anderem geschah das mit dem Jürgen-Markus-Preis der Stadt Marburg im Jahr 2024 („Teilhabe für alle – Nutzen für alle! Inklusion im und am Dorfladen in Marburg-Ginseldorf“) sowie mit dem 2. Platz beim Hessischen Demografiepreis 2025.
„Die Verleihung des Historischen Stadtsiegels an Wiltrud Thies ist eine hochverdiente Anerkennung für ihren einzigartigen Beitrag zum Gemeinwohl“, erklärte Oberbürgermeister Spies. „Es ist herausragend, dass Sie gemeinsam eine solche lebendige Dorfstruktur geschaffen haben, in der es selbstverständlich ist, sich umeinander zu kümmern.“
Auch das sei ein inklusives Projekt – wenn auch in anderem Sinne: „Sie bringen Menschen zusammen, Sie denken im Team, Sie geben Impulse und haben dabei ein feines Gespür, wie Sie andere Menschen mitnehmen können. Das ist eine hohe Kunst“, sagte Spies. „Eigentlich braucht jedes Dorf mindestens eine Wiltrud Thies.“
Im Kreise ihrer Familie, von Freunden und Mitstreiter*innen bedankte Thies sich für die Ehrung – die eine Ehrung für das Team sei. „Wir arbeiten in Ginseldorf zusammen. Und wir werden die Auszeichnung gemeinsam nutzen um Rückenwind zu sammeln und neuen Atem zu schöpfen für weiteres Engagement“, betonte Thies.
Und sie erklärte ihren Antrieb für das Engagement: Gemeinwohl, Gemeinsinn und Teilhabe. „Wir wollen es uns gemeinsam wohl gehen lassen – daran arbeiten wir“, erklärte sie.
Dabei gehe es darum, den Gemeinsinn weiterzuentwickeln in einer Welt, in der oft das „Ich“ im Vordergrund stehe. „Wir schieben in Ginseldorf das Wir in den Fokus. Wir schauen, was wir tun, damit die Nachbarin nicht einsam bleibt!“
Und die Teilhabe sei eine Qualitätsprüfung: „Wir schauen, ob alle teilhaben können, ob wir alle erreichen oder zumindest auf dem Schirm haben.“ Thies erinnerte in ihren Dankesworten auch an den kürzlich verstorbenen Dr. Horst Wiegand, den „Vater des Dorfladens“. Von ihm habe sie den Staffelstab übernommen.
In seinem Sinne arbeite sie daran, das Engagement weiterzuentwickeln und auch weiterzugeben – damit Strukturen unabhängig von einzelnen Personen funktionieren. „Wenn man Ehrenamt so macht wie wir in Ginseldorf, dann strahlen wir Freude aus.“
Das stecke an: Kürzlich habe der Vorstand zehn Menschen gefragt, ob sie sich mit engagieren wollen. Acht ganz unterschiedliche Ginseldorfer*innen haben direkt zugesagt. „Ehrenamt braucht alle Generationen!“, betonte Thies.
* pm: Stadt Marburg