„Jakob der Lügner“ von Jurek Becker war Gegenstand einer musikalischen Lesung zum 8. Mai 1945. Schauplatz war das historische Treppenhaus des Hessischen Staatsarchivs Marburg.
Entstanden ist dieses Treppenhaus in den Jahren 1935 bis 1938. Die Deckengestaltung aus der Nazi-Zeit bot der Lesung einen passenden Rahmen: Otto Hupp hatte die Bordüre um das Dachfenster mit ornamentalen Hakenkreuzmustern gestaltet.
Die Nazi-Zeit bildet auch den Rahmen für Jurek Beckers Geschichte über Jakob Heym, die Dr. Hans Josef Schöneberger anlässlich des 81. Jahrestags der Beendigung des 2. Weltkriegs am Freitag (8. Mai) vortrug. Alle Stühle in dem oberen Foyer waren besetzt. Einige Interessierte saßen auf der Treppe und verfolgten die Lesung von dort aus.
Der hochliterarische Text von Jurek Becker schildert auf beeindruckende und mitunter beklemmende Weise, wie Jakob zufällig eine Nachricht über herannahende sowjetische Truppen aus einem Radio aufschnappt und im Ghetto verbreitet. Fortan glauben die Bewohner des Ghettos, Jakob sei als einziger dort im Besitz eines Radios. Dieser Irrtum verleitet sie dazu, ihm all seine Aussagen zu glauben. Ihn wiederum verleitet er dazu, ihnen mit Andeutungen Mut zu machen, die er sich einfach ausgedacht hat.
In seinem Text beschreibt Becker das Grauen meist nur durch sanfte Andeutungen, die die mörderische Gewalt des Nazi-Terrors gegenüber den Juden nur erahnen lassen. Deutlich schildert er aber die abgrundtiefe Angst, die alle vor ihren Bewachern haben. Dazwischen erzählt er von den unschuldigen Fragen eines Kindes und den Bäumen, deren Existenz im Ghetto verboten ist.
Einen Höhepunkt der Lesung bildete die Anekdote über ein Klohäuschen, das nur die Deutschen benutzen dürfen. Jakob sieht einen Wachmann mit einem Bündel Zeitungspapier auf das Häuschen mit dem Herz zulaufen und hofft auf aktuelle Informationen über den Krieggsverlauf. Nur mit einer List und der selbstvergessenen Hilfe eines anderen Juden gelingt es ihm, unentdeckt an das Papier zu gelangen. Aber die Schnipsel enthalten nur massenhaft Todesanzeigen sowie einige Berichte von Fußballspielen!
Mit sonorer Stimme und ausdrucksstarker Betonung las Schöneberger den Text über Jakob, der immer mehr Lügen über die herannahende Sowjetarmee verbreitet, um die Hoffnung seiner jüdischen Nachbarn am Leben zu halten. Zwischendurch sang Lilli Kirell mehrmals kurze Lieder, die entweder an „Bruder Jakob“ oder an ein hebräisches Volkslied erinnerten. Für die Inszenierung mit dem Rauschen des Windes im Hintergrund und die Auswahl der vorgelesenen Textpassagen zeichnete Kerstin Weiß verantwortlich.
Eindringlich und ausdrucksstark trug Schöneberger die Geschichte vor, der die gut 60 Anwesenden gebannt folgten. Nach 75 Minuten trat einige Sekunden Stille ein, bevor ein sehr langanhaltender lauter Applaus einsetzte. Sichtlich ergriffen bedankten sich hinterher einige Teilnehmende bei Schöneberger für seinen hervorragenden Vortrag.
Eine weitere Lesung von „Jakob der Lügner“ ist für Mittwoch (20. Mai) am gleichen Ort geplant. Wünschenswert wäre, wenn diese gelungene Darbietung auch vielen Schulklassen zugänglich gemacht würde. Schöneberger ist es am Freitag (8. Mai) gelungen, mit Beckers Text über Jakob den Lügner den Anwesenden die Schrecken der Shoa beeindruckend nahezubringen.