„Fischer Fritz fängt frische Fische.“ Mit diesem abgewandelten Zungenbrecher beginnt das Theaterstück „Fischer Fritz“ von Raphaela Bardutzky.
In der Regie von Angelika Zacek feierte „Fischer Fritz“ am Samstag (24. Januar) Premiere im Großen TaSch des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM). Das mehrfach preisgekrönte Stück wird hier in einer ukrainisch-deutschen Version gezeigt, die gemeinsam mit einer Gruppe hessisch sprechender Menschen am HLTM so übersetzt wurde. Die Einsprengsel im südhessischen Dialekt sind nur eines von mehreren Elementen, die dem durchaus schwierigen Stoff für das Publikum verdaulich machen.
Leichtigkeit und Witz verleihen dem Stück vor allem aber die Zungenbrecher, die die ukrainische Pflegekraft Uljaina wieder und wieder mit zunehmender Geschwindigkeit auszusprechen versucht. Hinzu kommen Erklärungen, wie die Zunge die verschiedenen Schnalzlaute zu formen hat, sowie Erläuterungen der unzähligen Krankheiten, an denen der alte Flussfischer Fritz leidet. Nach einem Schlaganfall wollte sein Sohn Franz den Fischer Fritz in ein Pflegeheim bringen, wo Fritz aber keinesfalls hin will.
Die Lösung erscheint in Gestalt der 24-jährigen Ukrainerin Uljana, die gegen harte Devisen die 24-Stunden-Pflege des alten Mannes übernimmt. Franz kann sich um seine zwei Friseurläden in der Stadt kümmern und kommt nur montags hinaus zu seinem Vater Fritz. Uljana kocht, putzt und wäscht den alten Fischer und hilft ihm auch auf die Toilette.
Eine vorsichtige Annäherung zweier völlig verschiedener Menschen beginnt. All das erzählt die Autorin Raphaela Bardutzky gleichzeitig mit tiefem Ernst und einfühlsamen Situationsbeschreibungen wie auch mit Heiterkeit und Witz. Immer wieder wechseln sich dabei beschreibende und erläuternde Textpassagen mit kurzen Dialogen ab, in denen dann auch einzelne Sätze mit südhessischem Dialekt folgen.
Das minimalistische Bühnenbild von Gregor Sturm besteht aus einem Boot, das Fritz mitunter auch als Rollator dient und um das herum oder in dem sich alles abspielt. Aliona Marchenko brilliert dabei als Uljana, die die Situation beschreibt, Zungenbrecher übt und sich einsam fühlt. Zwischendurch übernimmt sie auch die Rolle der Ärztin, die Fritz und seinen Sohn Franz über die Krankheiten des alten Fischers aufklärt.
Jürgen Wink verkörpert den alten Fischer Fritz, während Flamur Blakaj seinen Sohn Franz darstellt und auch den größten Teil der Erzählpassagen übernimmt. Alle drei spielen, sprechen und singen im Boot und um das Boot herum. Dramatik und Tiefgang wechseln sich so mit Heierkeit und Humor ab, wodurch das ernste Thema kurzweilig und spannend auf die Bühne kommt.
Der Autorin Raphaela Bardutzky ist mit „Fischer Fritz“ eine sehenswerte und berührende Darstellung der Pflegeproblematik geglückt. Sie stellt die wichtigen Fragen rund um Alter und Tod ebenso wie um Liebe und Zuneigung oder Freundschaft und Familie sowie den Sinn eines ausgefüllten Lebens. Aktuelle Themen wie Fremdenfeindlichkeit und koloniale Vereinnahmung kommen hier ebenso auf die Bühne wie die Auswüchse einer menschen- und naturfeindlichen Wirtschaftsweise und das Problem der Einsamkeit in allen Lebensphasen.
Zu Recht erhielten alle Beteiligten einschließlich der anwesenden Autorin am Ende langanhaltenden Applaus. In Gesprächen vor der Premiere und während der Pause war schnell klar geworden, dass fast alle Anwesenden von dem Thema des Abends persönlich betroffen waren. Deshalb sei ein Besuch des Stücks allen empfohlen, die Eltern haben oder Kinder, eine Zukunft erleben möchten und ihr Leben dabei selbstbestimmt gestalten möchten.