Ermittlungs-Ermittlerin: Anne Ganzert erforscht Spurensuche im Internet

Die neue Emmy-Noether-Forschungsgruppe von Anne Ganzert betrachtet die digitale Spurensuche in Kriminalfällen. Sie befasst sich damit, wie Laien im Internet ermitteln.
Die Spurensuche im Internet übt auf manche Menschen eine ganz besondere Faszination aus. Sie formieren sich in Gruppen und untersuchen detektivisch laufende Kriminalfälle oder abgeschlossene, sogenannte „Cold Cases“. Diesem auch „Web Sleuthing“ (engl. für im Web nachspüren) genannten Phänomen spürt nun ihrerseits die Medienwissenschaftlerin Dr. Anne Ganzert nach, die zum Thema „Web Sleuthing. Medienpraktiken kriminalistisch ermittelnder Amateure“ an der Philipps-Universität Marburg eine Emmy-Noether-Forschungsgruppe aufbaut und in diesem Rahmen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis zu 6 Jahre rund 1,8 Millionen Euro erhält.
„Wir wollen erforschen, wie Menschen im Internet selbst anfangen, zu ermitteln, zum Beispiel bei vermissten Personen oder ungeklärten Kriminalfällen“, erläuterte die Medienwissenschaftlerin. „Dabei schauen wir, wie soziale Medien, Foren und Plattformen genutzt werden, um Spuren zu suchen, Theorien zu entwickeln oder andere zu mobilisieren.“ Die Forschenden wollen verstehen lernen, wie es zu solchen ehrenamtlichen, digitalen Kooperationsformen kommen und wie genau die Hobbydetektive digital zusammenarbeiten. Und auch welche Rolle das beliebte „True Crime“-Genre dabei spielt, dessen Podcasts und Dokumentationen nicht erst seit der Corona-Pandemie weltweit große Verbreitung gefunden haben.
Ganzert ist fasziniert davon, wie Menschen sich einmischen, eine Position beziehen und Verantwortung übernehmen. Dabei überschreiten die Akteurinnen und Akteure allerdings auch Grenzen. Das geschieht zum Beispiel, wenn Unschuldige angeprangert werden oder sich die Community zur Selbstjustiz hinreißen lässt. Medienwirksam war das zum Beispiel im Mordfall Gabby Petito zu beobachten, bei dem nicht nur der Freund der Verstorbenen – der später bestätigte Täter – in den Fokus der Web Sleuths rückte, sondern auch dessen Familie attackiert und belästigt wurde.
Die Forschenden interessiert auch, welche Chancen und Risiken solche Online-Ermittlungen – etwa für den Schutz der Privatsphäre, den Umgang mit Falschinformationen und gewagten Theorien oder die Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen – mit sich bringen „Damit können wir als Forscher*innen auch zur Entwicklung verantwortungsvoller Medienpraktiken beitragen“, erklärte Ganzert.
„Mit Anne Ganzert verstärken wir unserer Forschung zu aktuellen Themen wie partizipativer Mediennutzung und digitalen Kulturen“, sagte Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Gert Bange. „Die Erforschung der sich rasch verändernden digitalen Öffentlichkeiten hilft uns, die politischen Transformationen unserer Zeit zu verstehen.“
Eine Emmy-Noether-Förderung verleiht die Deutsche Forschungsgemeinschaft an herausragende Forschende in frühen Karrierestufen, die mit dem Aufbau einer Arbeitsgruppe einen weiteren Schritt in ihrer akademischen Karriere machen und sich auf eine Professur vorbereiten können. „Das Format der Emmy-Noether-Gruppe der DFG gibt mir die Freiheit, ein eigenes Forschungsteam aufzubauen und ein komplexes, gesellschaftlich relevantes Thema langfristig zu untersuchen“, freute sich Ganzert. „Sie eröffnet Raum für kreative Ideen und internationale Zusammenarbeit und Nachwuchsförderung“.“
Direktor Prof. Dr. Malte Hagener vom Institut für Medienwissenschaft ergänzte: „Ich freue mich darauf, dass Anne Ganzert eine weitere Brücke zwischen dem Institut für Medienwissenschaft und dem Marburg Center for Digital Culture and Infrastructure (MCDCI) schlägt. Wir brauchen derartige Projekte, um einen detaillierten Blick darauf zu gewinnen, unter welchen Umständen und auf welche Weisen Menschen im Netz aktiv werden. Vorstellungen von Wahrheit, Demokratie und Partizipation sind derzeit umstritten und im Wandel begriffen – solche Fragen fokussiert die Emmy-Noether-Gruppe von Anne Ganzert.“
Nach Promotion und Postdoc-Zeit an der Universität Konstanz startet die Forscherin ab dem 1. September 2025 in Marburg und an seiner Universität durch. Im Jahr 2024 konnte sie dazu als „Fulbright Visiting-Scholar“ bereits erste Feldforschung starten und Vorarbeit an der Harvard Universität leisten. „Jetzt freue ich mich auf das lebendige geisteswissenschaftliche Umfeld an der Uni Marburg und den Austausch mit Kolleg*innen und Studierenden“, erklärte Ganzert. „Die inhaltlichen und methodischen Anschlussmöglichkeiten waren der Grund, Marburg als Standort der Gruppe zu wählen. Und ich freue mich auf die Stadt selbst – mit ihrer besonderen Atmosphäre, der Altstadt und allem, was meine Familie und ich noch entdecken werden.“

* pm: Philipps-Universität Marburg

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