Sie war eine jener prägenden Persönlichkeiten, die in Deutschland nachhaltig Geschichte geschrieben haben. Am Sonntag (1. Februar) ist Prof. Dr. Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren verstorben.
Geboren wurde sie am 17. Februar 1937 in Wuppertal als Rita Kickuth. Von 1985 bis 1988 war die CDU-Politikerin Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und ab 1986 für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Von 1988 bis 1998 war Rita Süssmuth Präsidentin des Deutschen Bundestags und führte das Amt damit so lange wie niemand sonst außer Prof. Dr. Eugen erstenmaier.
Ihrer Zeit war die konservative Sozialpolitikerin immer weit voraus. Mit Anstand und Haltung hat sie die bundesdeutsche Gesellschaft vor und nach der Wiedervereinigung geprägt wie nur wenige andere Persönlichkeiten. Ihr Engagement für Frauenrechte und AIDS-Kranke sowie für Geflüchtete war vielen – auch außerhalb ihrer Partei – ein leuchtendes Vorbild. Innerhalb der Union hingegen war sie durchaus umstritten und dabei dennoch überaus respektiert.
Ohne sie wäre Deutschland wahrscheinlich nicht so offen für Schwule und Lesben und sicherlich auch nicht so liberal in Bezug auf Abtreibung. Zweimal bin ich dieser großen Frau persönlich begegnet. Beide Male hat sie mich tief beeindruckt.
Unsere erste Begegnung fand bei den Sehbehinderten-Aktionstagen am 5. Juni 1998 im Bonner Wasserwerk statt. An diesem Tag sowie dem Folgetag habe ich die Veranstaltung in den einstigen Räumen des Deutschen Bundestags moderiert. Dabei saß ich auf dem Stuhl der Bundestagspräsidentin. Eine Stunde lang saß sie hinter mir auf der Regierungsbank. und sprach zu den versammelten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung
Hinterher kam sie zu mir und bedankte sich bei mir für die Moderation.Ich wiederum dankte ihr dafür, dass sie das Parlamentsgebäude für die Behinderten zur Verfügung gestellt hatte. Zudem dankte ich den Mitarbeitenden von Parlament und Bundestagspolizei für deren solidarische Unterstützung der behinderten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Man konnte die Selbstverständlichkeit regelrecht mit Händen greifen, mit der alle im Haus einschließlich der präsidentin auf die Behinderten zugingen und ihnen Unterstützung anboten.
31 Jahre später traf ich Süssmuth wieder. Diesmal fuhr ich mit Dr. Eckart Fuchs zu ihr nach Neuß, um ihr Grußwort zur Verleihung des Marburger Leuchtfeuers an Ruby Hartbrich und Kristina Hänel auf Video aufzuzeichnen. In ihrem Garten bot sie uns selbst gepressten Saft an, bevor wir die Aufnahme in einem nahegelegenen Hotel aufzeichneten.
Als sich Süssmuth verabschiedet hatte, meinte der Barkeeper des Hotels, seine Mutter sei eine große Verehrerin von Rita Süssmuth und wegen ihr in die CDU eingetreten. „Meine Mutter war das auch, aber nie Mitglied der CDU“, antwortete ich ihm. Süssmuth hat über parteigrenzen hinweg gewirkt und dadurch großen Respekt gewonnen.
„Wir werden Angela Merkel noch vermissen“, hatte Süssmuth uns im Sommer 2019 zum Abschied gesagt. Sicherlich hatte sie Recht. Seit dem 1. Februar 2026 vermissen wir aber zunächst eine der größten und prägendsten Sozialpolitikerinnen Deutschland, ohneeren Wirken Schwule und Flüchtlinge möglicherweise in lagern interniert und Schwangerschaftsabbrüche noch jahrelang weiterhin streng bestraft worden wären.