Eine Alarmübung in Kirchhain hatSchutzmaßnahmen bei einer Ebola-Infektion simuliert. Der Kreis hat den entsprechenden Notfallplan in der Praxis getestet.
Ein Notfall mit einem an Ebola erkrankten Patienten ist für Einsatzkräfte eine besondere Herausforderung. Um zu testen, ob bestehende Pläne auch in der Praxis funktionieren, hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf am Samstag (28. Juni) mit Mitarbeitenden des Gesundheitsamtes sowie Einsatzkräften des Rettungsdienstes, der Feuerwehr und anderen Institutionen in Kirchhain einen solchen Fall geprobt. Verantwortlich für die Planung und Durchführung der Übung war das Regierungspräsidium (RP) Gießen als hessische Gentechnikbehörde. Das Ziel war, Abläufe und Schnittstellen nach dem Gentechnik-Notfallplan zu überprüfen, denn im Ernstfall steht der Schutz der Bevölkerung vor hochansteckenden und gefährlichen Erregern im Fokus.
Das Drehbuch der Übung sah vor, dass eine mit einem gentechnisch veränderten Ebola-Virus infizierte Person in einem Regionalzug plötzlich akute Krankheitssymptome zeigt. Der Zugbegleiter lässt den Zug im Kirchhainer Bahnhof stoppen und informiert die Rettungskräfte. Zwei Begleiter des schwer Erkrankten Reisenden zeigen ebenfalls leichte Symptome. Auch der Zugbegleiter und andere Kontaktpersonen gelten als potenziell infiziert.
„Entscheidend ist, dass die Brisanz einer solchen Situation frühzeitig erkannt wird, um Schutzmaßnahmen in die Wege zu leiten“, erläuterte Kreisbrandinspektor Lars Schäfer. „Die Weichen werden in den ersten Minuten gestellt.“
Daher sei die Übung auch als Alarmübung geplant worden. Die Einsatzkräfte seien also von der Lage überrascht worden wie im realen Leben. „Nur so können wir sehen, ob die Abläufe funktionieren“, sagte Schäfer.
Die Aufgabe der Rettungskräfte war, den schwer kranken Patienten unter Beachtung der erforderlichen Schutzmaßnahmen zu versorgen und ins Krankenhaus zu transportieren. Gleichzeitig mussten mögliche Kontaktpersonen gefunden und isoliert werden, um eine weitere Ausbreitung des Erregers zu verhindern. Wird ein entsprechender Fall gemeldet, ist besondere Schutzausrüstung für Notarzt und Rettungsdienst erforderlich.
Dabei handelt es sich um Schutzanzüge und Atemfilter, die dann an den Ort des Geschehens gebracht werden müssen. Dafür hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf Vorkehrungen getroffen, die ebenfalls erfolgreich getestet wurden. Zu den Maßnahmen, eine weitere Ausbreitung der Infektion zu verhindern, gehört auch, beteiligte Einsatzkräfte und Gerätschaften, die Kontakt zu dem Erkrankten hatten, zu desinfizieren.
Diese Aufgabe haben noch vor Ort besonders ausgerüstete Einsatzkräfte der Feuerwehren aus Kirchhain und dem Ebsdorfergrund übernommen. Um das Szenario in realistischer Umgebung abzubilden, hatte die Deutsche Bahn AG eigens einen Zug am Kirchhainer Bahnhof zur Verfügung gestellt. Auch Bundes- und Landespolizei waren beteiligt.
„Ob ein Plan tatsächlich funktioniert, weiß man immer erst, wenn man ihn in der Praxis anwendet“, äuterte Landrat Jens Womelsdorf. Das gelte insbesondere für spezielle Situationen, die nicht alltäglich sind, wozu der Gentechnik-Notfallplan gehöre. „Wir setzen dabei nicht auf das Prinzip Hoffnung als strategisches Konzept. Vielmehr bereiten wir uns mit Notfallplänen und Übungen möglichst umfassend auf mögliche Krisensituationen vor“, betonte der Landrat. Er dankte dem Vorbereitungsteam und den Einsatzkräften für ihren Einsatz.
„Aufgabe des Rettungsdienstes war es, an den Symptomen und der Vorgeschichte zu erkennen, dass es sich um einen Patienten handelt, der an einem hämorrhagischen Fieber erkrankt sein könnte, um dann gemeinsam mit dem Gesundheitsamt die weiteren notwendigen Schritte einzuleiten“, erläuterte Kreisbrandinspektor Schäfer. Dazu gehöre auch, die dann erforderliche und in Plänen festgeschriebene Alarmkette in Gang zu setzen. „Normalerweise würde ein entsprechender Patient, wenn er stabil und nicht in Lebensgefahr ist, mit einem Spezialtransport in das Kompetenzzentrum am Frankfurter Uni-Klinikum transportiert“, erklärte Schäfer.
Dieses Vorgehen würde auch bei potenziell infizierten Kontaktpersonen angewendet. „Da sich der schwer erkrankte Patient bei der Übung nach den Vorgaben des Drehbuchs aber bereits in Lebensgefahr befinden sollte, hat der Rettungsdienst ihn direkt ins Marburger Uni-Klinikum transportiert, das wiederum eigene Pläne zu Schutz- und Sicherheitsmaßmaßnahmen umsetzt“, erklärte Schäfer weiter. Die Herausforderung bestünde in einem solchen Fall darin, den Patienten möglichst schnell ins Krankenhaus zu bringen, aber auch eine Ausbreitung des Erregers und die Infektion weiterer Menschen zu verhindern.
Inhalt der Übung war auch, die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt zu üben. Dessen Aufgabe in einem solchen Fall ist zum Beispiel, Kontaktpersonen zu finden oder eine mögliche Infektionsquelle zu ermitteln. „Gerade in einem derart speziellen Fall müssen Rettungsdienst, Gefahrenabwehr, Gesundheitsamt, Regierungspräsidium und Polizei Hand in Hand arbeiten“, unterstrich Schäfer.
In einer ersten Betrachtung zogen die Verantwortlichen ein positives Fazit: „Die Schnittstellen haben funktioniert, die Abläufe haben geklappt und auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen lief reibungslos“, resümierte Kreisbrandinspektor Schäfer. Nur wenige Details müssten jetzt im Nachgang genauer unter die Lupe genommen werden.
„Das überaus realitätsnahe Übungsszenario – ein Infektionsgeschehen mit hochpathogenen gentechnisch veränderten Ebolaviren in einem Zug – war für die Übungsteilnehmer eine Herausforderung, die aber erfolgreich gemeistert wurde“, erklärte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. „Der Lerneffekt war für alle sehr hoch und hat wieder einmal gezeigt, wie wertvoll aber auch wie notwendig regelmäßige Übungen sind. Ich bin meinem Gentechnikdezernat daher sehr dankbar, dass diese Übung initiiert und erfolgreich begleitet wurde.“
Die Übung war aus Sicht der Übungsleitung und des Regierungspräsidiums Gießen ein voller Erfolg. „Insbesondere hat die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Behörden und den eingesetzten Kräften sehr gut funktioniert“, sagte Dr. Jens Gerlach, der beim Gießener Regierungspräsidium das Dezernat Gentechnik und Strahlenschutz leitet. „Die Übung hat aber auch wertvolle Erkenntnisse gebracht, wie die Zusammenarbeit und die Bewältigung vergleichbarer Gefahrenlagen zukünftig noch besser gelingen kann.“
Grundlage für die Übung war der Gentechnik-Notfallplan für den Landkreis-Marburg-Biedenkopf. Dieser Notfallplan, der der Gentechnik-Notfallverordnung folgt, greift dann, wenn sich ein entsprechender Notfall im Kreis Marburg-Biedenkopf ereignet hat. Der Plan regelt die behördliche Zusammenarbeit in Reaktion auf ein Infektionsgeschehen mit hochansteckenden gentechnisch veränderten Organismen.
Er ist Grundlage, um schnelle und effektive Reaktionen auf den Notfall sicherzustellen. Er legt die erforderlichen Maßnahmen fest, die zur Bewältigung notwendig sind. Zuständig für die Erstellung und Fortführung und Aktualisierung sowie für die Sicherstellung der Beachtung dieses Notfallplans ist als hessische Gentechnikbehörde das Regierungspräsidium Gießen.
* pm: Landkreis Marburg-Biedenkopf