Ein Fachtag zum Thema Integration sollte Erkenntnisse aus Theorie und Praxis zusammenbringen. Stattgefunden hat er im Historischen Saal des Rathauses.
Was ist Integration? Wann ist sie gescheitert und aus welchen Gründen? Was macht Integration erfolgreich; und was braucht es, damit sie gelingen kann?
Diese und weitere Fragen hat der Fachtag „Was ist Integration? Perspektiven aus der Praxis und der psychologischen Forschung“ behandelt. Veranstaltet wurde er vom Fachnetzwerk Sozialpsychologie zu Flucht und Integration in Kooperation mit der Universitätsstadt Marburg im Rathaus.
Wer als Geflüchteter Mensch oder mit Migrationshintergrund in eine andere Gesellschaft dazu kommt, muss alles im Alltag neu lernen. Dazu gehören unter anderem die Sprache, kulturelle Unterschiede, die Regeln und Formen. Die Menschen stehen vor der großen Herausforderung, erst einmal wirklich anzukommen.
„Daher ist es umso wichtiger, dass zunächst die Aufnahmegesellschaft etwas leistet, und nicht nur die Menschen, von denen verlangt wird, dass sie sich integrieren müssen“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies zur Bedeutung von Integration. Als Schirmherr der Veranstaltung „Was ist Integration? Perspektiven aus der Praxis und der psychologischen Forschung“ begrüßte er rund 50 ehrenamtlich Engagierte und Vertreter*innen verschiedener Institutionen aus der Integrationsarbeit, Mitarbeitenden von Stadt und Landkreis sowie Wissenschaftler*innen aus Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland. Den Fachtag hatten die Lenkungsgruppe für Integration der Stadt Marburg sowie Vertreter*innen des Fachnetzwerks Sozialpsychologie zu Flucht und Integration organisiert.
Das Fachnetzwerk setzt sich aus Forschenden der Sozialpsychologie zusammen, die sich beispielsweise mit Fragen dazu beschäftigen, wie Vorurteile entstehen und wie sie abgebaut werden können. Für den Fachtag stand im Vordergrund, Theorie und Praxis zusammenzubringen und die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis nutzbar zu machen. „Das ist ein ganz außergewöhnliches Format“, sagte Dr. Helen Landmann vom Fachnetzwerk in Bezug auf den Praxistag.
Vier Impulsvorträge beleuchteten das Thema Integration aus verschiedenen Perspektiven: Die städtische Integrationsbeauftragte Xiaotian Tangbetrachtete das Thema ganz persönlich: An ihrem eigenen Ankommen in Marburg und in der deutschen Gesellschaft veranschaulichte sie, wie allein ihr chinesischer Name eine Barriere darstellte. Alltagskommunikation könne bereits durch Probleme bei der Aussprache des Vornamens behindert werden.
Über das Ausländerrecht sprach Janneke Daub von der Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werks Marburg-Biedenkopf und Freiwilligenmanagerin beim Kirchenkreis Kirchhain. Sie erläuterte, was geglückte Integration nach dem Gesetzestext bedeutet und warum Integration aufgrund gesetzlicher Vorgaben scheitern könne.
Dass das Alltagsverständnis von Integration eher dem einer Anpassung (Assimilation) entspreche, berichtete der Wissenschaftler Dr. Jens Hellmann vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Das bedeute unter anderem aber das Aufgeben der Herkunftskultur von zugewanderten Menschen.
Referatsleiterin Wiebke Schindel vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) gab Einblicke in die Integrationspolitik in Hessen. Demnach werde Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe mit einer positiven Bewertung der Vielfalt verstanden. Die „Bringschuld“ läge dabei auf beiden Seiten – der aufnehmenden Gesellschaft und der aufgenommenen Menschen. Im Anschluss ging es in die Diskussion zum Thema „Was ist Integration? –
Dimensionen und Konzepte aus praktischer und disziplinärer Perspektive“. Die Moderation übernahm Dr. Stefanie Hechler vom Cluster „Daten – Methoden –
Monitoring“ am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin. Die Teilnehmenden setzten sie sich mit unterschiedlichen Herausforderungen von Integration auseinander, die die Aufnahme von Menschen aus unterschiedlichen Regionen der Welt mit sich bringt.
Der Fokus lag dabei auf der Situation von Geflüchteten. Es ging um die Grundsatzfrage, was Integration überhaupt bedeutet; an welchen Zielen sie ausgerichtet ist; welche Bedingungen für eine gelingende Integration erfüllt sein müssen; und woran sich erfolgreiche Integrationsarbeit erkennen lässt.
Drei Workshops wurden ebenfalls angeboten. Franco Clemens vom Streetworkertreff Rheinflanke gGmbH behandelte das Thema „Sozialarbeit mit Geflüchteten“, beim Workshop von und mit Stadträtin und Sozialdezernentin Kirsten Dinnebier ging es um „Integration in der Kommune“ und Jens Lauer von der ALBATROS gGmbH legte den Schwerpunkt auf das Thema „Würdevoller Umgang“.
Der Fachtag brachte für die Teilnehmenden aus Praxis und Verwaltung und die Mitglieder des Fachnetzwerks eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema, was Integration eigentlich bedeutet und wie sie von unterschiedlichen Seiten aus gefördert werden kann. Aus den Diskussionen konnten viele Beteiligte anschauliche Beispiele und weitere Inspiration für ihre künftige Arbeit zum Thema mitnehmen; auch wurde ein weiterer Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis vereinbart, von dem auch künftig hoffentlich beide Seiten profitieren werden.
Weitere Infos zum Fachnetzwerk Sozialpsychologie zu Flucht und Integration gibt es unter www.fachnetzflucht.de.
* pm: Stadt Marburg