Destille, Promille und Veränderungswille: Gefängnisarzt war Wirt

Am oberen Steinweg betrieb ein Kollektiv Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre die „Destille“. Zu ihm gehörte auch ein Jurastudent, der später berühmt wurde.
Die „Destille“ war eines jener typischen „linken“ Lokale, wie sie damals in Deutschland öfter zu finden waren. Die Inneneinrichtung war möglichst billig zusammengetragen worden. Besuchende wie Bedienungen hatten lange Haare und trugen legäre Kleidung.
Als Tische dienten in der „Destille“ ausrangierte Nämaschinen. Mit dem Fuß konnten die Gäste die Pedale im Takt der eingespielten Musik treten. Auf jeder Nämaschine stand ein erleuchtetes Teelicht.
Oft bin ich damals nicht dort gewesen, weil ich andere Kneipen bevorzugte. In den Bierdunst mischte sich in der „Destille“ häufig auch der süßliche Geruch von Haschisch. Dennoch gehörte die „Destille“ schon zu den obligatorischen Einkehrmöglichkeiten bei abendlichen Zechtouren durch die Oberstadt.
An seine Zeit als Wirt der „Destille“ erinnerte sich der ehemalige Gefängnisarzt und „Tatort“-Schauspieler Joe Bausch bei der „Marburg800“-Gala am Montag (28. März) im Erwin-Piscator-Haus (EPH). Ein paar Jahre lang schmiss er Anfang der 80er Jahre hinter dem Tresen sogar den Laden. „Vom Studenten bis zum Professor trafen sich hier alle“, berichtete Bausch.
Dieses Phänomen der Vermischung der Milieus machte für ihn damals übrigens auch das besondere „Marburg-Flair“ aus. In dieser Art habe er das später nur noch im „Ratinger Hof“ in Düsseldorf kennengelernt, wo sich zu den Klängen der ersten deutschen Punkbands Punks und Banker trafen.
Nur nach Marburg indes passt Bauschs Geschichte vom „blinden Jochen“, der an seinem Stammplatz an der Bar in der „Destille“ saß und eine Zeitung verkehrt herum vor sich hielt, aber aufmerksam zu lesen schien. Ein Erstsemester-Student machte ihn darauf aufmerksam, dass er das Blatt falsch herum hielt. Jochen erwiderte daraufhin nur: „Siehst du, Alkohol macht blind.“
Ende der 70er Jahre war der theaterbegeisterte Bausch nach Marburg gekommen, um an der Philipps-Universität Jura zu studieren. Schnell schon vertauschte er wegen der reaktionären Rechtsgelehrten den Hörsaal dann mit dem Kneipentresen, um Marburg Mitte der 80er Jahre wegen eines Medizinstudiums wieder den Rücken zu kehren.
Nicht zuletzt wegen ihm zählt die „Destille“ am Übergang des Steinwegs zur Neustadt inzwischen auch zu den legendären Lokalen in Marburg.

* Franz-Josef Hanke

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