Grenzerfahrung: Eine Nacht in Polen und der Ukraine

Polen

Das ist das erste, was Menschen sehen, die aus der Ukraine nach Polen kommen. Foto: Luca Mittelstaedt

Ich sehe eine Mutter mit ihrem acht bis neunjährigen Sohn. Ich strecke meine Hand aus, um dem Kind den viel zu schweren Koffer abzunehmen.

Sie laufen in Richtung ukrainischer Grenze. Der Sohn greift nach meiner Hand, möchte an die Hand genommen werden.
Um Fliehenden Menschen zu helfen bin ich mit den Pfadfindern an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Dort war ich von Samstag (02. April) bis Sonntag (10. April).
Ich helfe einem Mann, sein Gepäck auf die ukrainische Seite der Grenze zu transportieren. In einem Checkpunkt auf der Ukrainischen Seite kommt ein Grenzpolizist zu mir und öffnet eine kleine Tasche an seiner Hose. Darin: vier Magazine. „Do you want some?“
Auf der Ukrainischen Seite der Grenze ist eine Schlange. Ich möchte Decken nach hinten in die Schlange bringen, da vorne schon viele Menschen eine Decke haben. Wir haben nicht Decken für alle und es ist schwierig, einem Kind (auf Englisch, dass es nicht versteht) zu erklären, warum ich die Decke nach hinten bringe.
Wie soll man es da durch schaffen? Nach hinten haben es nur eine Decke und zwei Jacken geschafft. Auf der Ukrainischen Seite der Grenze spielen Kinder Fußball, um sich die Wartezeit zu verkürzen.
Ich habe einer Familie dabei geholfen, ihre Koffer von der Ukrainischen zur polnischen Grenze zu tragen. Sie hatte eine Katze dabei.
Auf der polnischen Seite gibt es ein Zelt für die Versorgung von Tieren. Dort haben sie Katzenfutter, eine größere Tansportbox, eine Katzenleine, Medizin und sogar ein Kuscheltier zum spielen bekommen.
Die Familie hat in einem Zelt geschlafen. Am nächsten Morgen wollte ich schauen, wie es der Familie geht, aber sie ist schon weiter gezogen. Weiter, zum nächsten Punkt einer langen Reise.
Nach einer lagen Reise sind inzwischen knapp 1.000 Ukrainer*innen auch in Marburg angekommen. Nach ihrer Ankunft kommen viele beim Georg-Gassmann-Stadion unter. Von den Geflohenen sind 45 Menschen inzwischen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.
Es war sehr interessant, diese Situation, die man nur aus den Medien kennt, mit eigenen Augen zu sehen. An der polnischen Grenze war die Atmosphäre freundlich und offen, jeder half jedem, Kinder bekamen Spielzeug, Menschen bekamen etwas zu essen. Und davon gab es mehr als genug.
Es gab Pizza, indisches Essen und improvisiertes warmes Essen, Sandwiches, Tee, Kaffee, alles, was man sich vorstellen kann. Sogar in der Nacht, rund um die Uhr.
Auf der ukrainischen Seite war die Stimmung sehr traurig und viele Menschen weinten. Es waren ihre letzten Schritte auf der ukrainischen Seite der Grenze.
Auf der polnischen Seite der Grenze wussten einige Freiwillige nicht, was sie tun sollten, weil wir zu viele waren. Auf der ukrainischen Seite wurden die Menschen gebraucht. Ich kann völlig verstehen, wenn Menschen nicht auf die ukrainische Seite gehen wollen.
Es ist auch eine persönliche Grenze, die man überschreitet, wenn man auf die ukrainische Seite geht. Auch wenn es sicher ist, das Adrenalin in deinem Körper lässt dich ausflippen. Für deinen Kopf ist das eine Gefahrenzone.
Ich habe viele freundliche Freiwillige aus Belgien, Italien, den USA, Mexiko und sogar Australien getroffen. Sie waren zwischen zwei Tagen und drei Wochen dort.
Jeder hat sich um jeden gekümmert, es war wie ein großes Pfadfinderlager. Ich vermisse die Atmosphäre ein bisschen. Außerdem habe ich viele freundliche Pfadfinder getroffen und wir waren wie eine große Familie. Wir folgen uns jetzt gegenseitig auf Instagram.
Von den Pfadfindern, die nur eine Weile geblieben sind, war ich, abgesehen von den Leitern, der einzige, der sieben Tage geblieben ist. Es war hart, 12 Stunden am Stück da zu sein.
Es gab zwei Schichten: von 10 bis 22 Uhr und von 22 bis 10 Uhr. Ich hatte die Aufgabe, mich um die flüchtenden Menschen zu kümmern, die in den Zelten waren, die die Pfadfinder gebaut hatten. Dort gab es Betten, in denen die Menschen schlafen und sich beruhigen konnten.
Tagsüber waren keine Leute da, also ging ich zum Anfang der Grenze und half den Leuten beim Tragen ihrer Koffer. Nachts waren viele Leute da, das Zelt war voll, und ich sah nach, ob es ihnen gut ging. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas brauchen oder etwas trinken/essen wollen.
Ich habe so viel gemacht, dass mir die sieben Tage wie ein Monat vorkamen. Es war eine aufreibende Erfahrung und ich würde es wieder tun, wenn ich könnte. Aber zuerst muss ich meine Gefühle verarbeiten.

* Luca Mittelstaedt

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