Ausweichende Ausflüchte: Wie geht es dem Gehirn in Krisen

Im dritten und letzten Teil des Interviews kommt der Psychologe Dr. K. nochmals auf die seelischen Abwehrmechanismen zu sprechen, die durch Krisen wie die Corona-Pandemie aktiviert werden. Welche davon brauchen wir eigentlich?

Wie nützen die Krisen uns? Welche Bewältigungsstrateigen sollten wir lieber behutsam hinterfragen, wenn wir können.
akk: „Was haben Sie allgemein an Ihrer Patientenschaft wahrgenommen? Wie verändern uns zwei Jahre Pandemie seelisch und sozial?“
Dr. K.: „Da nun ja die Möglichkeit besteht, dass wir Ende des Jahres 2022 eine Endemie haben, werden wir lernen müssen, unter bestimmten Regeln und Gegebenheiten unser „gewohntes Leben“ mit einem abgeschwächten Virus wieder aufzunehmen. Da ist ja gewisse Hoffnung angebracht. Das entlastet schonmal Viele, denen „Das Licht am Ende des Tunnels“ abhanden gekommen war.
Wir brauchen die Illusion, uns eine positive und lebenswerte Zukunft ausmalen zu können. Das motiviert uns, jeden Tag aufzustehen und unser Tagwerk zu beginnen. Die dauernde Unischerheit der Pandemie raubt den Menschen die Energie und erzeugt dauernden Stress. Wer keine Träume mehr hegen kann, ist entweder schwer depressiv oder traumatisiert. KInder in Syrien z. B. die nur Krieg kennen, haben keine Wünsche mehr. Es hat sich nie gelohnt, welche zu haben. Das ist auf Dauer nicht gesund.
Nun aber sind wieder realistische Zukuntspläne möglich, welche über die mateirelle oder gesundheitiche Existenzsicherung für uns und unsere Lieben hinausreichen. Ich sehe auch, dass wir verlernt haben, im Gegensatz zu unseren Eltern und der Großelterngeneration, mit existenziellen Krisen gut umzugehen. Dieses kleine Virus hat unsere Sicherheit so in den Grundfesten erschüttern können, weil wir uns in einer falschen Sicherheit gewiegt haben in unserer domestizierten, durch technisierten, westlichen Welt, in der jede Abweichung von der gewohnten Routine gleich als elementare Fehlfunktion des Systems klassifiziert und unverzüglich ausgemerzt werden muss.
Für manche Menschen ist scheinbare Sicherheit und Einfachheit – auch in der digitalen Welt – ja so selbstverständlich geworden, es kränkt ihr Ego dass sie dem Virus gegenüber so hilflos und verletzlich sind, dass sie lieber einen Schuldigen im Außen suchen. Das ist dann die Regierung eine Weltverschwörung oder die Presse die sie belügt.
Offensichtlich fördert das den Stressabbau und die Verarbeitung der Situation, wenn man seine Gefühle der Wut und Ohnmacht auf eine äußere Institution richten kann. Wir haben verlernt, wie verletzlich wir als menschliche Wesen sind. Es kränkt unser Ego, uns mit unserer eigenen Endlichkeit abfinden zu müssen. Und die Vorstellung, dass wir einfach irgendwann nicht mehr existieren, ist ja die allergrößte Kränkung für das Ego überhaupt.
Um dieser Angst vor Auslöschung zu entgehen flüchtet man sich dann lieber in die abstrusesten Verschwörungstheorien. Deswegen ist es ja auch so schwierig, mit Querdenkern und Verschwörungstheoretikern zu reden. Sie müssen sich dann halt entscheiden ob, sie „Läuse oder Flöhe“ haben wollen, sozusagen Pandemie versus Weltverschwörung.
Das ist die klassische Double Bind Situation, wie Paul Watzlawick sie beschreibt: Wenn ich die Wahl habe, ist es mir lieber, von einer verrückten Regierung bedroht zu werden oder von einem Virus das mich auslöschen kann? Da ist es für Viele schwerer, sich der eigenen Angst und Ohnmacht zu stellen, denn das hieße ja auch, sich diese Empfindungen des Ausgeliefert-Seins eingestehen zu müssen.
Da ist es leichter, die Wut auf Irgendeinen da draußen zu projizieren, der einem etwas Böses will. Da hat man wenigstens noch die Illusion der Kontrolle und kann sich in Machtphantasien und gedanklichen Rache Orgien ergehen.
Unsicherheit ist aber auch eine Voraussetzung dafür, sich lebendig zu fühlen, Kreativ zu werden und Zugang zu allen meinen inneren Ressourcen zu erlangen. Nur wenn ich mir meiner eigenen Verletzlichkeit und der Unsicherheit meiner Existenz voll bewusst bin, bin ich auch rein physiologisch und sensorisch gesehen vollkommen wach und aufmerksam dann fühle ich mich wirklich lebendig, weil ich in größtmöglichen Kontakt mit meiner Umwelt sein muss, um diese Unsicherheit auf ein Minimum reduzieren zu können; und das kann ich nur, wenn ich alle Energie darauf richte, meine Umwelt zu erkunden und zu verstehen. Dafür benötige ich Vertrauen in meine Fähigkeiten.
Mich mit ihr in einem lebendigen Austausch zu fühlen, lässt mich mich als Mensch wach, Energie geladen sowie 100 % im Hier und Jetzt existieren. Sobald dies in eine Stresssituation des Kampfes oder der Abwehr kippt, handle ich nur noch stammhirndominiert, mit Instinkt und Reflexen und habe nicht mehr die Flexibilität, mich auf die bedroliche Situation kreativ einzulassen. In unserer durch geplanten automatisierten, digitalisierten und abgesicherten Welt fehlt uns, denke ich, diese Erfahrung der Lebendigkeit. Herausgefordert aber nicht per sé überfordert zu werden. Dem Säbelzahntiger in die Augen zu blicken, seinen Atem zu spüren und seine Schnurhaare beben zu sehen,,, Und dann Eben nicht stammhirndominiert zu flüchten, zu kämpfen oder zu Erstarren. Sondern kreativ die Situation unter Kontrolle bringen zu wollen. Das ist das, was uns als Menschen ausmacht und wofür wir biologisch, physiologisch und sensorisch optimal ausgestattet sind.
Auf den sogenannten Querdenkeraufmärschen sehe ich überwiegend stammhirndominierte Aggression in den wutverzerrten Gesichtern. Angst und Hass sind eben um vieles leichter  anzutriggern als konstruktive Gefühle. Auch dies ist leider evolutionär biologisch zu erklären.
Dazu kommt in den sozialen Medien noch die – wie Erich Fromm so schön sagte – Mittelbarkeit von Informationen. Was Corona angeht, sieht man das sehr schön. Wir leben in einer Welt des Hörensagens.Wir haben unsere Medien, auf die wir uns was Informationen angeht, verlassen. Und genau die Menschen, die eben selbst keinen direkten Kontakt mit Corona und seinen Folgen haben, können die mittelbaren Informationen aus verschiedenen Quellen nicht mehr richtig bewerten.
Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm illustriert das an dieser schönen Geschichte: Wenn er ans Meer fahren will und er vorher in der Zeitung liest von zu Hause, was dort steht wie das Wetter dort werden soll. Kommt er dort an und hört morgens in seinem Hotel den aktuellen Wetterbericht im lokalen Radio, ist dieser schon Etwas präziser. Dann geht er ans Meer und dort sitzt ein Fischer bei seinem Boot und wenn er den fragt, wie das Wetter wird. Der schaut an den Himmel, schaut auf die Wellen, spürt den Wind ist den ganzen Tag draußen und hat gelernt, auf das Wetter zu achten weil es für seine Arbeit wichtig ist, ist das dann eine möglichst unmittelbare Information. Damit die einzig direkte und brauchbare. Besser ginge es nur noch wenn Fromm selbst eine Wetterstation eröffnen würde, sich das Wissen eines Meteorologen aneignen und drei Jahre am Meer leben würde und jeden Tag am Strand sitzen und das Wetter beobachten dann wäre er vielleicht in der Lage eine ähnlich treffende Aussage zu machen wie der einheimische, der schon seit 50 Jahren dort lebt und aufgewachsen ist, für den die Fähigkeit, das Wetter korrekt voraussagen zu können, von elementarer Bedeutung für sein Auskommen ist.
So scheint es mir mit den Querdenkenden: Die Meisten haben nur mittelbare Information und wollen gar nicht in direkten Kontakt mit Corona-Erkrankten, LongCOVID-Betroffenen oder mit Menschen kommen, die diese Menschen pflegen, behandeln, mit ihnen leben und arbeiten – geschweige denn mit Jenen, die einen Angehörigen an Corona verloren haben. Dabei sind das die, die das selbst erlebt und aus eigener Erfahrung geprägt wurden. Eben nicht mittelbar durch Hörensagen. das ist wie fischen gehen wollen, aber Angst zu haben, in ein Boot zu steigen. Weder die Absicht noch die Intention der zwischen geschalteten Informationsverbreitern ist genau kenntlich und soll es auch nicht sein. Nachzuvollziehen ist schon gar nicht deren Legitimationm die die Internet-Vordenker auszeichnet, um Aussagen zu treffen.
Bei einem meiner Patienten musste ich da mal „selektiv authentisch“ handeln, indem ich ihn der Praxis habe verweisen müssen. Er wollte mich nur  verschwörungstheoretisch missionieren. Dafür ist eine Therapie nicht da.“
AKK: „Danke für das erkenntnisreiche Gespräch!“

* Anna Katharina Kelzenberg

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