Absage angesagt: Kreis appelliert an Vernunft

Vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen von Corona-Infektionen untersagt der Landkreis Marburg-Biedenkopf per Allgemeinverfügung Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Gästen. Diese Verfügung ist bis Freitag (10. April) gültig.
Gleichzeitig empfiehlt der Kreis, alle anderen Veranstaltungen abzusagen oder zu verschieben. Zum Verbot von Veranstaltungen sagte Landrätin Kirsten Fründt, dass die Gefahr nur schwer einzuschätzen sei, sich bei einer Menschenansammlung mit dem Coronavirus anzustecken. Grundsätzlich sei hier aber Vorsicht geboten.
Bei großen Veranstaltungen kommen viele Menschen an einem Ort zusammen, sie kommen aus unterschiedlichen Gebieten oder Regionen, haben engeren Kontakt zueinander und eine zuverlässige Rückverfolgung möglicher Kontaktpersonen ist nahezu unmöglich. Auch die Einhaltung wichtiger Hygienetipps könne nicht immer gewährleistet werden.
Das Verbot solcher Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Gästen und die dringende Empfehlung auch kleinere Veranstaltungen ausfallen zu lassen oder zu verschieben, sei daher ein angemessenes Mittel. Leitend für die Entscheidung des Kreises sind die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI und der entsprechende Erlass des Hessischen Sozialministeriums.
Veranstaltungen, die in der Verantwortung oder in der Zuständigkeit des Landkreises liegen, werden ebenfalls zunächst bis 10. April abgesagt. Das Ziel dieser Entscheidungen ist, unnötige Kontakte zu vermeiden, um eine Verbreitung des Virus zu verlangsamen.
„Wir schränken die Kür ein, damit es bei der Pflicht nicht zu Einschränkungen kommt“, sagte Landrätin Fründt. Ziel müsse sein, dass Schulen, Kindergärten oder auch der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ohne Einschränkungen in Betrieb bleiben können.
Eine flächendeckende Schließung von Schulen oder Kindertageseinrichtungen hätte weitreichende Folgen auf nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens, die so lange wie möglich vermieden werden müssen. „Wenn wir jetzt Schulen und Kitas schließen, dann betrifft das auch die Betreuungsangebote an Schulen, was Eltern vor das Problem stellt, die Betreuung ihrer Kinder zu organisieren“, erklärte die Landrätin. Da das nicht immer möglich ist, müssten die Eltern selbst zu Hause bleiben und könnten nicht zur Arbeit gehen.
„Dadurch würden wir eine Kaskade von Problemen etwa in der Krankenversorgung, im Dienstleistungssektor oder in der produzierenden Wirtschaft mit unabsehbaren Folgen auslösen“, fuhr Fründt fort. „Das kann nicht das Ziel sein.“
Außerdem sei der Unterricht an Schulen nicht mit öffentlichen Veranstaltungen zu vergleichen. In der Schule seien auch Kontakte und Kontaktpersonen jederzeit nachvollziehbar.
„Diese verschiedenen Aspekte haben wir – auch im Austausch mit dem Staatlichen Schulamt – bei unserer Entscheidung in die Waagschale geworfen“, berichtete Fründt. „Nach sehr sorgfältiger Prüfung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eine flächendeckende Schulschließung derzeit nicht erforderlich ist.“
Um unnötige Kontakte zu vermeiden, sagt der Kreis auch alle eigenen Veranstaltungen ab. Dazu gehören alle Kurse und Veranstaltungen der Volkshochschule (VHS), Lesungen, Ausstellungen, Informations- oder Schulungsveranstaltungen.
Auch die für Freitag (27. März) geplante Sitzung des Kreistags fällt aus. Das hat der Kreistagsvorsitzende Detlef Ruffert in Abstimmung und einvernehmlich mit dem Ältestenrat beschlossen. Auch die vorbereitenden Sitzungen der Ausschüsse finden nicht statt.
Wie der Kreistagsvorsitzende erläuterte, handele es sich bei der Absage um eine Vorsichtsmaßnahme, die auch darin begründet sei, dass auf der Tagesordnung keine eilbedürftigen Vorlagen oder Anträge vorgesehen seien. „Es ist vertretbar, die geplanten Tagesordnungspunkte zu einem späteren Zeitpunkt zu behandeln“, erklärteRuffert. Das politische Leben im Landkreis werde trotzdem in bewährter Weise sachgerecht fortgesetzt.
Das Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf ist derweil intensiv damit beschäftigt, Infektionsfälle früh zu erkennen und Infektionsketten schnell zu durchbrechen. Die Fachleute dort verfolgen die Hauptziele, ie Gesundheitssysteme nicht zu überlasten und Menschen mit dem Risiko für einen schweren Verlauf einer Infektion mit dem Coronavirus bestmöglich zu schützen. Dazu zählen ältere Menschen ebenso wie Personen mit relevanten Vorerkrankungen oder chronisch Kranke.
„Wir befinden uns aktuell am Anfang der Ausbreitung des Coronavirus in Hessen und im Landkreis Marburg-Biedenkopf“, erläuterte Dr. Birgit Wollenberg vom Gesundheitsamt. Sie wirbt für eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung für die Maßnahmen, die die Gesundheitsbehörden jetzt auf den Weg bringen. „Jetzt gilt es, die weitere Ausbreitung mit entschlossenen Maßnahmen zu verlangsamen.“
Die Landrätin ergänzte: „Die Situation entwickelt sich sehr dynamisch. Wir beobachten die Entwicklung sehr genau und bewerten die Lage täglich –
manchmal stündlich – neu, damit wir unsere Schritte an die jeweilige Situation laufend anpassen können.“
Fründt appellierte an die Bevölkerung: „Jetzt ist jeder und jede Einzelne von uns gefordert, sich solidarisch und verantwortungsbewusst zu verhalten. Dass die Infektionswelle auch den Landkreis Marburg-Biedenkopf erfasse, stehe außer Zweifel.
„Wir haben es aber in der Hand wie stark die Auswirkungen auf die Gesellschaft werden“, betonte Fründt. Jetzt gilt es entschlossen, überlegt und mit kühlem Kopf zu handeln. Der Kreis stehei deshalb auch in engem Austausch mit der Bürgermeisterin und den Bürgermeistern, um ein einheitliches Vorgehen zu erzielen.
Sie bat auch um Verständnis dafür, dass die Kreisverwaltung keine weiteren Details wie etwa die Wohnorte zu den bisher bekannten Infektionsfällen veröffentlicht. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen habe Vorrang, zumal diese Informationen auch vor dem Hintergrund der Mobilität moderner Menschen unerheblich seien.
„Wir möchten verhindern, dass die Betroffenen in ihren Wohnorten stigmatisiert und angefeindet werden“,begründete sie diese Vorgehensweise. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ermitteln jeden Einzelfall, recherchieren akribisch die Kontaktpersonen und leiten alle erforderlichen Maßnahmen wie beispielsweise die Isolierung, Quarantäne oder einen Test in die Wege.“

* pm: Landkreis Marburg-Biedenkopf

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