Frühzeitig führend: Jochen Fischer hat die Blindenstadt Marburg mit geprägt

Jochen Fischer ist tot. Nur wenige haben Marburg so stark geprägt wie er.
Gemeinsam mit seiner Frau Beatrice Fischer und dem US-amerikanischen Ehepaar Pamela und Dennis Cory hat er ab Mitte der 70er Jahre in der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) die Grundlagen gelegt für die Nutzung des weißen Langstocks in Deutschland. Auch die erste tönende Ampel an der Einmündung der Wilhelm-Roser-Straße in den Marbacher Weg ging auf seine Initiattive zurück. Weitere Ampeln in Marburg heulten und summten für Blinde, wobei jede einzelne Gehrichtung an der großen Kreuzung der Elisabethkirche einen anderen Ton erklingenließ.
1979 verließen die beiden Ehepaare Cory und Fischer Marburg, um in Hamburd das Institut zur Rehabilitation und Integration Sehgeschädigter (IRIS) zu gründen. Von 1987 bis Ende 2012 war Fischer gut 25 Jahre lang Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenverbands Hamburg (BSVH). Auch dort hat er zahlreiche Impulse zurIntegration und Inklusion von Blinden und Sehbehinderten gesetzt. Für sein Wirken haben BliStA und DVBS ihn, seine Ehefrau Bea sowie Dennis und Pamela Cory 2016 mit der Carl-Strehl-Plakette ausgezeichnet.
Fischer wurde am 8. Dezember 1946 geboren. Ende der 60er Jahre kam er als Sportlehrer zur Carl-Strehl-Schule (CSS) in Marburg. 1973 besuchte er den ersten Lehrgang zur Ausbildung deutscher Mobilitätstrainer in Timmendorfer Strand, was sein weiteres Wirken nachhaltig prägte.
Bis in die späten 70er Jahre hinein waren Blinde in Deutschland meist mit einem weißen Stock aus Holz unterwegs. In den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) hingegen wurde zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Idee eines längeren Stocks entwickelt, der an Körpergröße und Schrittlänge der Blinden angepasst war und mit dem sie den Weg systematisch ertasten konnten. In Ermangelung eines solchen Langstocks bastelte sich Fischer ein derartiges Instrument aus den Füßen seines Kamerastativs.
1974 schickte der damalige BliStA -Direktor Hans Heinrich Schenk das Ehepaar Fischer zu einer Schulung nach Birmingham, wo Orientierung und Mobilität (O&M) für Blinde bereits systematisch unterrichtet wurde. Gleichzeitig sandte Schenk das Ehepaar Cory zu einer entsprechenden Schulung in die USA. Nach ihrer Rückkehr bauten die beiden ehepaare eine entsprechende Abteilung an der BliStA auf.
Allerdings hatten sie auch das Gedankengut der „Low-Vision-Bewegung“ mitgebracht und verschafften der Differenzierung zwischen Blindheit und Sehbehinderung Aufmerksamkeit. Von nun an wurden an der BliStA auch sehbehinderte Menschen gezielt gefördert. Bis dahin hatte man sie oft gezwungen, bei O&M- und LPF-Schulungen Augenbinden zu tragen, anstatt ihr verbliebenes Sehvermögen zu trainieren; nun gab es Trainings speziell für sie. Man arbeitete mit Bildschirmvergrößerungsgeräten und Monokularen.
Anfangs wurden Langstöcke aus England, Dänemark und Schweden importiert, da es in Deutschland keinen Hersteller gab. Bald entstanden aber auch bereits die ersten Langstöcke in Deutschland. Hinzu kam ein spezielles Hörtraining, das Fischer gemeinsam mit dem Marburger Schüler und späterden Ministerialrat Armin Kappallo entwickelte. Wenn Blinde mit einem besonders guten Hörvermögen ausgestattet waren, was trotz landläufiger Vorurteile aber nur für eine kleinere Gruppe zutrifft, dann konnten sie Schildermasten und Hauseingänge mit Hilfe ihres Gehörs erkennen.
Wenn Blinde und Sehbehinderte heute mit dem weißen Langstock durch Marburg gehen, dann wissen die wenigsten von ihnennoch etwas von dem Pioniergeist, mit dem Jochen Fischer und seine drei Mitstreitenden Ende der 70er Jahre marburg zur sprichwörtlichen „Stadt der Blinden“ gemacht haben. Heute haben alle Ampeln das gleiche Geräusch. Viele sind leider viel zu leise eingestellt, weil laute Ampeln als störend gelten, während laute Autos und Motorräder als unvermeidbar hingenommen werden. Ein wenig vom Geiste Jochen Fischers täte Marburg deswegen auch nach seinem Tod weiterhin gut.

* Franz-Josef Hanke

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