Provokant: „Die Barbaren“ von Nino Haratischwili

Marusja putzt im Flüchtlingsheim. Vor vielen Jahren kam sie selber nach Deutschland. Doch jetzt schimpft sie auf die Flüchtlinge.
„Die Barbaren“ oder „die Gottlosen“ nennt Marusja die Araber. „Die Barbaren“ ist auch der Titel eines Theaterstücks von Nino Haratischwili. Unter der Regie von Twyla Zuschneid feierte es am Samstag (17. November) Premiere im Theater am Schwanhof (TaSch).
Marusja verachtet die Bewohner des Heims. Dreckig seien sie; und es stinke dort immer. Die Bewohner gäben sich gar keine Mühe um ihr Gastland, sondern wollten sich immr nur alles vorne und hinten reinschieben lassen.
Die arabische Bewohnerin wiederum verachtet Marusja. Sie ist ja nur eine „Putze“.
Marusja hingegen ist unzufrieden damit, dass sie nach all den Jahren nun in diesem Flüchtlingsheim putzen muss. Dabei habe sie sich doch so viel Mühe gegeben, die Sprach der Eingeborenen zu erlernen. Selbst schwierige Wörter habe sie sich rasch angeeignet.
Witzige Einsprengsel sorgen immer wieder für die Erheiterung des Publikums. Zwischendurch wird die Geschichte mitunter auch sehr berührend oder gar bedrückend.
Doch vor Allem Klischees und Hassreden prägen den Bühnentext der georgischen Autorin. Dabei wird Marusja ebenso klischeehaft dargestellt wie die Flüchtlinge im Heim, auf die sie schimpft. Wer hat Marusja und ihren Sohn mit Wolldecken und Orangensaft am Bahnhof erwartet, als sie hierherkam?
All das setzt Anna Rausch geradezu grandios in Szene. Eindringlich und berührend bringt sie die unglückliche Marusja auf die Bühne. Souverän interagiert sie mit dem Publikum, das bei dieser Inszenierung auf unbequemen Sitzflächen ohne Lehne ringsum um das Geschehen postiert ist.
Zwischendurch tritt Rausch zwischen die Zuschauenden oder wendet sich direkt an Einzelne. Dabei zieht sie gekonnt alle Register der großen Schauspielkunst und vermeidet so, dass die Klischees als solche rüberkommen.
Problematisch ist jedoch Haratischwilis Text. Mit ihrem Stück räumt sie dem Hass auf Geflüchtete ebenso Raum ein wie dem Neid von Geflüchteten untereinander. Gebrochen wird diese Haltung zwar schon, jedoch außer zum Schluss nicht in ausreichendem Maße.
Ohne Diskussion sollten verantwortliche Theaterleute dieses Stück nicht auf die Bühne bringen. Das Hessische Landestheater Marburg (HLTM) hat die Inszenierung als „Klassenzimmerstück“ ausgearbeitet. Eine nachherige Diskussion gehört damit also zwangsläufig mit zu jeder Aufführung.
Der Autorin sei jedoch empfohlen, ihr Stück noch einmal zu überarbeiten und eine klarere Brechung der Hassreden bereits in den Text einzufügen. In Zeiten, wo Hetze und Hass auf Geflüchtete um sich greifen, sollte sie dergleichen nicht indirekt und ungewollt weitertragen. Lobenswert ist jedoch Haratischwilis Ansatz, die Mechanismen von Angst, Neid und Hass bloßzustellen und damit auch auf der Bühne sichbar zu machen.

* Franz-Josef Hanke

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