Anfassen zur Ansicht: Tastmodell er Lutherischen pfarrkirche enthüllt

Tastmodell

Tastmodell der Lutherischen Pfarrkirche für Blinde (Foto: Luca Mittelstaedt)

Das ist ein Kunstwerk“, sagte Dr. Theresia Jacobi vom Verein „Marburg für Alle“. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies enthüllte sie am Mittwoch (22. Mai) ein Bronze-Tastmodell der Lutherischen Pfarrkirche.
Nach derartigen Tastmodellen des Marktplatzes mit dem Rathaus vom Jahr 2003 und der Elisabethkirche ein Jahr darauf sowie Bronzemodellen vom „Garten des Gedenkens“, der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) und des Landgrafenschlosses können Interessierte auf dem Lutherischen Kirchplatz nun auch die Lutherische Pfarrkirche St. Marien ertasten Wenngleich sich die tastbaren Modelle mit Erklärungen in Brailleschrift zuförderst an blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen richten, sind sie doch auch eine beliebte Attraktion für alle anderen Personen.
„Ich bin in dieser Kirche konfirmiert worden“, berichtete Oberbürgermeister Spies. „Doch ihr genaues Aussehen erkenne ich erst jetzt mit diesem Modell in allen Details. Sie ist sehr lang und schmal.“
Den kleinen Hintereingang zur Schlosstreppe für die Landgrafen kann man an dem bronzenen Gussmodell ebenso ertasten wie den repräsentativen Hautpeingang, der in der Regel ebenfalls den Landgrafen für besonders feierliche Anlässe vorbehalten blieb, während der Zugang für alle anderen normalerweise durch die Tür unterhalb des Hauptturms erfolgt. Alle Details einschließlich kleinerer Ziertürmchen und Dachluken hat die metallgießerei Pfeiffer in liebevoller Kleinarbeit nachgebildet. Der schiefe Turm der Kirche ist ebenso auch optisch zu erkennen wie die abgerundete Rückseite des gotischen Gotteshauses.
An der Stelle eines romanischen Vorgängerbaus wurde die Pfarrkirche St. Marien zwischen 1227 und 1447 errichtet. Baumeister Tyle von Frankenberg stellte den gotischen Langbau mit der Empore und seiner hervorragenden Akustik 1395 fertig. Von der einstigen Kanzel der Kirche predigten 1529 die Reformatoren Martin Luther und Ulrich Zwingli.
Direkt vor dem Kirchenbau ist das Tastmodell nun in einen Sandsteinsockel eingelassen. Damit besitzt Marburg als „das soziale Herz Deutschlands“ – wie Oberbürgermeister Spies seinen Amtsvorgänger Egon Vaupel zitierte – nun eine weitere barrierefreie Tourismusattraktion. Drei Jahre intensiver Vorbereitung des Projekts durch Ehrenamtliche des Vereins „Marburg für Alle“ wurden damit von einem erfreulichen Erfolg gekrönt.
Barrierefreier Tourismus in Marburg ist das Ziel des 2013 gegründeten Vereins. Stadtrundgänge für Blinde gehören ebenso zu seinen bisherigen Aktivitäten wie die Ausbildung gehörloser Fremdenführer und die Erstellung von Besichtigungsrouten für Rollstuhlfahrende oder in Leichter Sprache. Wie die Tastmodelle kommen die meisten dieser Projekte aber nicht nur den jeweiligen Zielgruppen zugute, sondern allen Interessierten, die oftmals auf die Erläuterungen in Leichter Sprache oder barrierefreie Wege für den Stadtrundgang mit einem Kinderwagen zurückgreifen.

* Franz-Josef Hanke

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