Preisgeld an Wendo: Hessen prämiert Selbstverteidigung für geflüchtete Frauen

Für seine Kurse in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für geflüchtete Frauen erhält Wendo Marburg den 7. Hessischen Gesundheitspreis. Er ist mit 2.000 Euro dotiert.
Diesen Preis verleiht die hessische Landesregierung an gesundheitsfördernde und präventive Projekte mit Vorbildcharakter. Die Vorstandsfrauen des gemeinnützigen Vereins haben den Preis für die Lebensphase „Gesund Bleiben – Mitten im Leben“ am Donnerstag (16. August) in Wiesbaden entgegengenommen.
„Wendo“ heißt „Women do it!“ und bedeutet: Frauen und Mädchen wehren sich gegen Gewalt, egal, ob sie damit bedroht oder direkt angegriffen werden, ob sie sexistische, sexualisierte oder rassistische Gewalt erleben. Egal ist dabei auch, ob die Gewalt ihre Seele, ihre Psyche, ihre Selbstbestimmung, ihren Körper oder ihre ganze Person verletzt.
Sich zu wehren und vorbeugend zu schützen, können Mädchen und Frauen seit über 15 Jahren in Wendo-Kursen in Marburg üben. Vor zwei Jahren organisierte Wendo die ersten Selbstbehauptungskurse für geflüchtete Frauen in Marburg. In Zusammenarbeit mit dem Bewohnernetzwerk für Soziale Fragen (BSF) am Richtsberg fanden dort 2017 zwei Wendo-Kurse für geflüchtete Frauen und Migrantinnen statt.
Insgesamt 22 Frauen nahmen teil. Mit dem Fortführungskurs haben weitere 14 Frauen ein regelmäßiges Selbstverteidigungsangebot.
Dort lernen die Frauen, Gewalt zu erkennen und sich dagegen zu wehren, ihrem Gefühl und den eigenen Stärken zu trauen. Vermittelt wird auch, welche Rechte Frauen in Deutschland haben und wie sie Hilfe holen können. All das unterstützt sie darin, einen Umgang mit erlebter Gewalt und Hilflosigkeit zu finden.
Hintergrund ist, dass geflüchtete Frauen und Mädchen häufig sexueller oder körperlicher Gewalt ausgesetzt sind oder waren: In ihren Herkunftsländern, auf der Flucht, in Einrichtungen für Geflüchtete, aber auch in ihrem neuen Alltag erleben sie immer wieder Grenzverletzungen. Mit körperorientiertem Lernen, Techniken der Selbstverteidigung und Selbstbehauptung sowie dem Entdecken der eigenen Potenziale werden sie ermutigt, sich dagegen zu wehren.
Ergänzend dazu sind kurze Vorträge zu den Rechten von Frauen und (Unterstützungs-)Möglichkeiten für Geflüchtete in den Kursverlauf eingebunden. Darunter sind auch Methoden, die ohne deutsche Sprachkenntnisse funktionieren.
„Geflüchtete Frauen und Mädchen darin zu stärken, sich selbst zu behaupten und selbst zu verteidigen, ist ein wichtiger Beitrag zur Gewaltprävention“, erklärte Doris Kroll von Wendo Marburg. „Das wirkt sich direkt auf das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit aus.“
Ein sensibler Umgang mit den Erfahrungen und Lebenssituationen der Teilnehmerinnen ist zentrales Anliegen des Kurses. Eine Dolmetscherin für Dari/Farsi, das in Afghanistan gesprochen wird, begleitet die Kurse. Sie verfügt zudem selbst über Fachwissen zum Wendo-Konzept.
Dazu gibt es eine Kinderbetreuung, um Frauen mit Kindern die Kursteilnahme zu ermöglichen. Der Wendo-Kurs für geflüchtete Frauen ist auch eine Maßnahme im Ersten Marburger Aktionsplan für die Europäische Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern.
„Schulungen und Seminare müssen auch für geflüchtete Menschen zugänglich sein“, betonte Dr. Christine Amend-Wegmann. „Das Engagement von Wendo ist ein tolles Beispiel dafür, dass Integration und Gleichberechtigung zusammengehören.“ Amend-Wegmann leitet den neuen Fachbereich Zivilgesellschaft, Stadtentwicklung, Kultur und Migration in der Marburger Stadtverwaltung.
Finanziert wurde das Projekt zunächst über „Misch Mit! Miteinander Vielfalt (er)leben“ des Vereins zur Förderung Bewegungs- und Sportorientierter Jugendsozialarbeit (BSJ) und des Büros für Integration des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Den Fortführungskurs finanzieren das städtische Gleichberechtigungsreferat, die Fachdienste Migration und Flüchtlingshilfe und Sport sowie der Verein Vielfalt Marburg.

* pm: Stadt Marburg

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