Aufeinander hören: Selbsthilfegruppe Cochlea-Implantat

Wolfgang Kutsche ist vollständig ertaubt. Dank der Unterstützung und Bekräftigung seiner Selbsthilfegruppe sowie einem kleinen Gerät in seinem Kopf kann er seine Umwelt trotdem hören.

Von Schwerhörigkeit sind nicht nur alte Menschen betroffen. Bereits im Grundschulalter hörte Kutsche auf dem rechten Ohr immer schlechter. Gerade auf dem Schulhof, wo viele Kinder durcheinanderlaufen und -reden, war das eine Herausforderung für ihn.
Bis zur vollständigen Ertaubung seines rechten Ohres dauerte es noch bis zur Volljährigkeit. Das linke Ohr des Lahntalers konnte glücklicherweise noch normal hören. Kutsche wurde Bauingenieur und führte 30 Jahre lang ein relativ normales Leben.
Dann schlich sich auch auf dem linken Ohr die Schwerhörigkeit ein. Dieses Mal dauerte es nur halb so lange bis er auch auf diesem Ohr nichts mehr hören konnte. Ab 2007 war er auf beiden Ohren taub.
„Ich hatte massive Ängste, meinen Beruf nicht mehr ausüben zu können und aus meinem sozialen Umfeld ausgeschlossen zu werden“, erzählte der heute 68-Jährige. Baustellen besuchen, Gespräche mit Kunden führen, das Besprochene in Pläne umwandeln – Kann das ein Gehörloser?
„Ich war Ende 50 als ich komplett ertaubte. In diesem Alter noch eine Umschulung zu machen und einen neuen Job zu finden, ist schwierig, selbst für Menschen ohne Behinderung.“ Frührente kam für ihn nicht in Frage.
Kutsche wollte mit seinen Fragen und Ängsten nicht alleine bleiben. Er besuchte eine Selbsthilfegruppe von Menschen, die ein Cochlea-Implantat tragen.
Die Innenohrprothese ermöglicht hörgeschädigten Menschen das Hören wieder. Es besteht aus einem Sprachprozessor und einem Implantat.
Der Prozessor sitzt außen am Kopf und nimmt die Geräusche aus der Umgebung auf. Dann wandelt er sie in elektrische Signale um und leitet sie über eine Sendespule an das Implantat weiter. Dieses stimuliert über mehrere Elektroden unterschiedliche Hörnerven und erzeugt so verschiedene Töne.
Für das Einsetzen des Cochlea-Implantats ist ein chirurgischer Eingriff notwendig. Um damit anschließend hören zu können, ist zum einen die Feinabstimmung des Sprachprozessors nötig, zum anderen ein Lernprozess des Hörgeschädigten. Mit Cochlea-Implantat hören bedeutet anders hören.
Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe erzählten Kutsche von ihren Erfahrungen mit dem Implantat. Sie bestärkten ihn in der Überlegung, sich selbst eines einsetzen zu lassen.
Noch im Jahr 2007 ließ er sich das kleine Gerät auf der linken Seite einsetzen. Ein Jahr später folgte das Implantat auf der rechten Seite. Jetzt kann er wieder hören, allerding mit Einschränkungen.
Je mehr Menschen um ihn herum sind und sprechen, desto schwerer fällt es ihm, das Gesagte zu verstehen. Umso wichtiger ist es, dass die Teilnehmer sich gegenseitig ausreden lassen und dass immer nur einer spricht.
Hohe Stimmlagen versteht Kutsche besser als tiefe. „Mittlerweile kann ich auch recht gut Lippen lesen“, verriet er, „aber bei Schnurr- und Vollbärten ist auch das nicht immer so einfach.“
Heute bereitet Kutsches Schwerhörigkeit ihm keine Ängste mehr. „Als Bauingenieur bin ich weiterhin selbstständig tätig. Ich habe gelernt, meine Schwerhörigkeit zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Allerdings wünsche ich mir manchmal mehr Verständnis für Hörgeschädigte in akustisch schwierigen Situationen.“
In der Selbsthilfegruppe ist Kutsche mittlerweile als Leiter der Erwachsenengruppe aktiv. Denn auch mit Cochlea-Implantat gibt es noch genug Probleme und Geschehnisse im Alltag, über die er sich mit den Gruppenmitgliedern austauschen möchte.
Die Gruppe trifft sich etwa alle zwei Monate – die Erwachsenengruppe im Universitätsklinikum auf den Lahnbergen, die Eltern-Kind-Gruppe in Goßfelden. Termine werden auf der Internetseite der Selbsthilfegruppe angekündigt.

*pm: Saskia Rößner

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