Am Dienstag (15. September) veröffentlichte der Antidiskriminierungsverband Deutschland (advd) das neue Zivilgesellschaftliche „Lagebild Antidiskriminierung 2025“. Grundlage sind die dokumentierten Diskriminierungsfälle der Antidiskriminierungsberatungsstellen im advd, zu denen auch die Beratungsstelle von Antidiskriminierung Mittelhessen gehört.
Der Verein „Antidiskriminierung Mittelhessen“ als Mitgliedsorganisation des advd haben an der Erhebung mitgewirkt. Er berät Menschen, die Diskriminierung erfahren. Dadurch kann er die bundesweiten Ergebnisse auch aus der Perspektive seiner Arbeit und der Situation vor Ort einordnen und bestätigen.
Das neue Lagebild zeigt einen deutlichen Anstieg der dokumentierten Diskriminierungsfälle. Einen besonderen Schwerpunkt legt die diesjährige Ausgabe auf Diskriminierung in der Arbeitswelt und die Frage, wie sich Diskriminierung vom Zugang zum Arbeitsplatz über den Arbeitsalltag bis hin zur Beendigung eines Arbeitsverhältnisses zeigt. Der Beratungsbedarf bei Diskriminierung steigt weiter.
Im Jahr 2025 wurden bei den teilnehmenden Antidiskriminierungsberatungsstellen im Antidiskriminierungsverband Deutschland (advd) 4.106 neue Diskriminierungsfälle erfasst. Das entspricht durchschnittlich 142 Fällen pro Beratungsstelle. Das sind 19,0 Prozent mehr als 2024 und 35,9 Prozent mehr als 2023.
Erstmals widmet das Zivilgesellschaftliche Lagebild Antidiskriminierung einen Themenschwerpunkt der Arbeitswelt. Die Arbeitswelt ist der Bereich, in dem die meisten Diskriminierungsfälle gemeldet wurden. 2025 machen sie mehr als ein Viertel aller erfassten Fälle aus. Gegenüber 2023 ist die Zahl der Fälle pro Beratungsstelle um 54,2 Prozent gestiegen.
Knapp die Hälfte der Fälle betrifft rassistische Diskriminierung. Überdurchschnittlich häufig werden im Arbeitskontext insbesondere Diskriminierungen anhand des Geschlechts, von Behinderung oder chronischer Erkrankung sowie des Lebensalters gemeldet. Die Ergebnisse erscheinen zu einer Zeit, in der die Bedingungen von Arbeit und die Rechte von Beschäftigten verstärkt politisch verhandelt werden. Gleichzeitig zeigt die Auswertung der Beratungsfälle, dass Diskriminierung in der Arbeitswelt ernst genommen werden muss.
„Die hohe Zahl der Beratungsanfragen zeigt, dass Diskriminierung im Arbeitsleben kein Randphänomen, sondern eine strukturelle Herausforderung ist“, erklärte advd-Geschäftsführerin
Eva Maria Andrades. „Betroffene brauchen wirksame und vertrauenswürdige innerbetriebliche Beschwerdestrukturen [sowie zugängliche und dauerhaft abgesicherte zivilgesellschaftliche Antidiskriminierungsberatungsstellen], um Diskriminierung ohne Angst vor Nachteilen ansprechen zu können.“
Die insgesamt 4.106 neu erfassten Fälle entsprechen mehr als elf Fällen pro Tag – und bilden dennoch nur einen Ausschnitt der Diskriminierungserfahrungen in Deutschland ab. An der Erhebung beteiligten sich 29 der 40 Mitgliedsorganisationen des advd.
Gleichzeitig trifft der steigende Beratungsbedarf auf vielerorts stark ausgelastete Beratungsstellen. Umso wichtiger sind dauerhaft abgesicherte zivilgesellschaftliche Beratungsangebote, wirksame innerbetriebliche Beschwerdestrukturen und starke Schutzrechte für Beschäftigte.
„Steigende Diskriminierungszahlen sind ein Warnsignal“, sagte Anja Piel vom Geschäftsführenden Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). „Gewerkschaften und Betriebsräte leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Rechte der Beschäftigten: Sie beugen Diskriminierung vor, unterstützen Betroffene und setzen sich für Gleichbehandlung ein. „Gerade jetzt müssen wir den Schutz vor Diskriminierung stärken. Die Arbeitswelt muss ein Ort sein, an dem alle Menschen die gleichen Chancen haben und denselben Respekt erfahren.“
Auch rechtlich sieht der advd Reformbedarf. Andrades forderte: „Es braucht eine deutliche Verlängerung der Frist zur Geltendmachung von Ansprüchen nach dem AGG. Die zweimonatige Frist setzt Betroffene [und Beratungsstrukturen] unter enormen Zeitdruck und erschwert innerbetriebliche oder außergerichtliche Lösungen.“
* pm: Antidiskriminierung Mittelhessen e.V., Gießen