Bürgerinnen und Bürger können sich aktiv gegen das Insektensterben engagieren. ‚Ein Projekt zur „Citizen Science“ macht Nachtfalter sichtbar.
Während die Menschen nachts zur Ruhe kommen, wachen viele Insekten erst auf – so auch Nachtfalter, die eine entscheidende Rolle im Ökosystem spielen. Passend zum Internationalen Tag der Biodiversität am Freitag (22. Mai) startet der Fachbereich Biologie der Philipps-Universität Marburg im Rahmen des Forschungsprojekts „LEPMON“ ein bundesweites Citizen-Science-Projekt für Nachtfalter, das auf automatisierter Kameratechnologie und Methoden der künstlichen Intelligenz basiert. Ziel ist dabei, Verbreitung, Vielfalt und Bestandsveränderungen dieser häufig unterschätzten Insektengruppe systematisch zu erfassen.
Nachtfalter übernehmen zentrale ökologische Funktionen: Sie sind wichtige Bestäuber, dienen zahlreichen Vogel- und Fledermausarten als Nahrungsquelle und gelten als sensible Indikatoren für Umweltveränderungen. In Deutschland sind mehr als 1.100 Arten nachtaktiver Großschmetterlinge bekannt – und dazu kommen noch mehr als 2.500 Arten nachtaktiver Kleinschmetterlinge, die oft übersehen werden.
Viele Arten sind zunehmend unter Druck: Intensive Landwirtschaft, Flächenversiegelung, Lichtverschmutzung, Habitatverlust sowie der generelle Rückgang geeigneter Futterpflanzen tragen zur Gefährdung bei. Weltweit gilt die Entwicklung der Insektenbestände insgesamt als alarmierend.
„LEPMON – Erfassung der Biodiversität von Nachtfaltern“ (Lepidoptera) mit automatisierten Kamerafallen und künstlicher Intelligenz“ wird von der Friedrich-Schiller-Universität Jena gemeinsam mit der Philipps-Universität Marburg, dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und dem Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) umgesetzt. Es wird durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit rund 1.8 Millionen Euro gefördert.
Kern des Projekts ist ein Netzwerk aus kompakten, automatisierten Kamerasystemen (ARNI-Systeme), die Nachtfalter in unterschiedlichen Lebensräumen erfassen. Die so gewonnenen Bilddaten werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet und kontinuierlich verbessert.
Der Marburger Projektteil setzt auf „Citizen Science“. Darunter versteht er die Mitwirkung freiwilliger Bürgerinnen und Bürger, die die Forschung auf zwei Wegen unterstützen können. Eine ist die Installation eines bereitgestellten ARNI-Kamerasystems am Wohn- oder Arbeitsort: Besonders geeignete Standorte sind Wälder, Grünland, landwirtschaftliche Flächen sowie Stadt- oder Dorfgärten. Die technische Ausstattung sowie Anleitung und Betreuung werden durch das Projektteam gestellt. Die erfassten Bilddaten sollten in regelmäßigen Abständen (alle zwei Wochen) in ein Bildportal hochgeladen werden.
Die andere Möglichkeit ist digitale Bildauswertung: Unterstützung bei der Sichtung und Bestimmung bereits erfasster Insektenbilder über eine Online-Plattform. Dabei stehen bereits über 1 Million Fotos zur Auswertung bereit. Die so erzeugten Klassifikationen dienen zugleich dem Training der KI zur Verbesserung der automatisierten Artbestimmung.
Vorkenntnisse sind für beide Beteiligungsformen nicht erforderlich. „Egal ob Anfänger oder erfahrene Nachtfalter-Experten – jedes hochgeladene Bild und jeder identifizierte Nachtfalter bringt uns einen Schritt näher an das Ziel, die Entwicklung der Nachtfalterpopulationen in Deutschland umfassender zu verstehen“, sagte Dr. Julie Koch Sheard von der Philipps-Universität Marburg, die das Citizen-Science-Projekt leitet.
Durch die Verbindung von Citizen Science und KI-gestützter Bildauswertung entsteht eine neuartige Datengrundlage zur Bewertung von Biodiversitätsveränderungen in Deutschland. LEPMON soll damit auch einen Beitrag zur nationalen Biodiversitätsstrategie sowie zu europäischen Zielen leisten, den Rückgang von Bestäubern bis 2030 zu stoppen und umzukehren. Gleichzeitig verfolgt das Projekt den Aufbau einer langfristigen Forschungs-
und Wissensgemeinschaft rund um nachtaktive Insekten und deren Schutz. „Über die reine Datenerhebung hinaus möchte LEPMON eine lebendige Gemeinschaft von Nachtfalter-Begeisterten aufbauen“, erklärte Koch Sheard. „Gemeinsam können wir voneinander lernen, uns austauschen und eine starke Stimme für den Schutz dieser faszinierenden Tiere bilden.“
Die Beteiligungsmöglichkeiten zur Mitwirkung sind bereits angelaufen: Die Beteiligung an der Bildannotation ist ab sofort möglich. Interessierte Freiwillige können sich direkt auf lepmon.de/annot8/ registrieren und dabei helfen, Bilder auszuwerten. Die Anfrage für ein ARNI-Kamerasystem kann über das Kontaktformular auf der Website gestellt werden.
* pm: Philipps-Universität Marburg