Engpässe in Europa: Lohnende Strategie gegen zu lange Lieferketten

Bei Arzneien möchte die EU unabhängig von unzuverlässigen Lieferketten werden. Deshalb will die EU-Kommission mehr Medikamente in Europa produzieren lassen.
Insbesondere bei Antibiotika, Schmerzmitteln und Hustensäften für Kinder hat es in der Vergangenheit wiederholt Lieferengpässe gegeben. Mehr als 80 Prozent dieser Pharmazeutika kommen aus Asien. Die Belieferung europäischer Apotheken ist dabei mitunter nicht im ausreichenden Maß und zum erforderlichen Zeiptunkt erfolgt.
Das möchte die EU nun ändern: Die Kommission plant eine Regelung, wonach bei Aufträgen Lieferungen aus europäischen Produktionsstätten bevorzugtt werden sollen. Zudem sollen die Mitgliedsländer auch strategische Projekte zur Gewährleistung der Arzneimittelsicherheit einfacher und schneller umsetzen können.
Für Marburg könnte eine solche Regelung positive Folgen haben: Als traditionsreicher Pharma-Standort verfügt Marburg über hochqualifiziertes Personal, eine enge Anbietung an universitäre Spitzenforschung an der Philipps-Universität sowie Anlagen und gebäude, die der Mainzer Impfstoffhersteller Biontech in Marburg aufgeben möchte. Über 500 Beschäftigte stünden hier auch für andere Aufgaben in der Arzneimittelproduktion bereit.
Auch die Firmengründer Ugur Sahin und Özlem Türeci wolllen das Biontech-Mangement verlassen. Zeitnah zur Bekanntgabe der Werksschließungen in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen erklärten sie, sie wollten „lieber forschen als managen“. Ihre Kompetenzen sehen sie in der Entwicklung neuer MRNA-Medikamente.
Vielleicht schwingt jedoch auch ein Quäntchen Unzufriedenheit mit der Geschäftspolitik des – von ihnen gegründeten – Unternehmens mit. die beiden Biontech-Pioniere wissen wohl viel besser als viele andere, dass die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit ist. Wenn dann in Windeseile ein passenderMRNA-Impfstoff gegen ein neues Virus entwickelt werden muss, dass besäßen die Biontech-Beschäftigten in Marburg wie auch die zuständigen Behörden in Mittelhessen die notwendige Erfahrung und das erforderliche Knowhow. Eine strategisch kluge und vorausschauende Alternative zu einer Werksschließung wäre deswegen der Aufbau einer strategischen Bereitschaftsproduktionvon MRNA-Impfstoffen mit dem Ziel, die Produktion im Ernstfall blitzschnell auf unbekannte Viren umzustellen. Diese Option sollte die EU vorsichtshalber einmal gründlich prüfen!

* Franz-Josef Hanke

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