Lange Schlangen bildeten sich am Sonntag (15. März) vor den Wahllokalen in der Marburger Innenstadt. In ganz Hessen waren die Bürgerinnen und Bürger zu Kommunalwahlen aufgerufen.
„Der Wahlzettel für den Kreistag ist so groß, dass man ihn glatt als Kleid nutzen könnte“, witzelte eine Marburgerin. Das Wahlverfahren empfand sie als zu kompliziert und zeitaufwendig. Mehr als eine Stunde brachte sie mit dem Warten in der Schlange und der anschließenden Stimmabgabe zu.
Eine Gruppe Hochbetagter wandte sich hilfesuchend an einen Wahlhelfer. Offensichtlich war sie mit dem Wahlmodus überfordert. Doch auch er Wahlhelfer schien überfordert zu sein, denn er antwortete ihnen nur: „Sie haben 59 Stimmen.“
So vile kreuze können Wahlberechtigte hinter Kandidatinnen und Kandidaten zur Stadtverornetenwahl anbringen. Doch auch ein einziges Kreuz hinter einer Liste wäre ausreichend. Das jedoch erklärte den genervten Wählerinnen und Wählern an diesem Sonntagmittag niemand.
„Wenn das mit dem Kumulieren und Pannaschieren so bleibt, gehe ich bei der nächsten Kommunalwahl nicht mehr wählen“, kündigte eine verärgerte Bürgerin an. „Dass man ein so kompliziertes Wahlverfahren festsetzt und dann nicht klar erklärt, empfinde ich als Missachtung der Stimmberechtigten. Das ist schädlich für die Demokratie.“
Dabei ist Kumulieren und Pannaschieren doch wirklich ein Zugewinn an Demokratie: Die Stimmberechtigtenkönnen missliebige Kandidaten aus der Liste einer Partei streichen oder andere mit drei Kreuzen auf einen ausssichtsreicheren Platz hinaufhieven. Die Wahlberechtigten können so die kantigen Vertreterinnen und Vertreter belobigen und die allzu Aalglatten abstrafen.
Schön wäre aber, wenn die Wahlhelfer besser geschult würden und den Stimmberechtigten mehr Zeit widmen könnten. Optimal wäre auch, wenn die Stimmzettel nicht gar so gigantisch ausfielen wie bei der Kommunalwahl am 15. März 2026. Vielleicht wäre weniger mehr und den Wahlberechtigten damit geholfen, dass die Parlamente kleiner und die Kandidaturlisten kürzer würden?
In jedem Fall muss die Anleitung zur Stimmabgabe leicht verständlich mit den Wahlunterlagen an die Stimmberechtigten ausgegeben werden. „Ich möchte keinen Volkshochschulkurs buchen müssen, um wählen zu gehen“, beschwerte sich eine Wählerin. „Außerdem habe ich nach der Arbeit auch keine Zeit, mich intensiv über die Kandidatinnen und Kandidaten zu informieren.“
Letztlich ist hier ein Dilemma deutlich zu erkennen, das zwischen der Demokratie als Grundrecht des mündigen Staatsbürgers einerseits und seiner Pflicht zu Erlangung der notwenigen Informationen sowie dem Zeitdruck des Alltags auf die allermeisten Menschen entsteht. Den Menschen müsste man wenigstens mitteilen, dass ein einziges Kreuz bei jeder der drei Abstimmungen genügt. Alles Weitere mit bis zu drei Kreuzen pro Kandidatin oder Kandidat ist dannnur Kür.