Gelungen: Langzeitforschung untersucht tropische Hochgebirgs-Ökosysteme

Auf 30 Jahre Ökosystemforschung in den Anden kann die Philipps-Universität inzwischen zurückblicken. Die Marburger Forschung zeigt Wege in eine resiliente Zukunft.
Wie reagieren tropische Hochgebirgsökosysteme auf den globalen Wandel – und was bedeutet das für ihre Zukunft? Seit drei Jahrzehnten liefert ein internationales Forschungsprogramm im Süden Ecuadors entscheidende Antworten. Unter Marburger Leitung seit 2006 rücken nun verstärkt die offenen Fragen in den Fokus: Wie belastbar sind diese Systeme angesichts zunehmender Klimaextreme – und welche Strategien sichern ihre Resilienz langfristig?
Tropische Bergwälder der Anden spielen eine wesentliche Rolle im globalen Wasser- und Kohlenstoffkreislauf sowie für den Erhalt der Biodiversität. Gleichzeitig werden diese Funktionen zunehmend durch Klima- und Landnutzungswandel bedroht. Lange Zeit war jedoch weitgehend unbekannt, wie resilient diese Ökosysteme gegenüber Umweltveränderungen sind. Dieses Wissen ist essenziell, um fundierte Anpassungsstrategien entwickeln und umsetzen zu können.
Vor diesem Hintergrund widmet sich ein seit 30 Jahren bestehendes Forschungsprogramm im Süden Ecuadors der Frage, wie Ökosysteme in diesem Biodiversitätshotspot auf Umweltwandel reagieren. Die Forschung wird im Rahmen interdisziplinärer Verbundprojekte kontinuierlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Seit 2006 geschieht das unter Leitung der Philipps-Universität Marburg mit Prof. Dr. Nina Farwig und Prof. Dr. Jörg Bendix. Vor Ort ist eine weltweit einzigartige Forschungsinfrastruktur für tropische Hochgebirge mit Forschungsstationen, Kronenraumtürmen und einem – für Südamerika einmaligen – Wetterradarnetz entstanden.
Im März 2026 wurde das 30-jährige Jubiläum mit einer Festveranstaltung an der Technischen Universität Loja (Süd-Ecuador) gefeiert. Teilgenommen haben eine DFG-Delegation aus Mitgliedern der Geschäftsstelle in Bonn (Senat und Fachkollegium), Vertreterinnen der DFG in Südamerika (São Paulo) sowie der deutsche Botschafter in Ecuador. Auch die Rektor*innen der langjährig kooperierenden Universitäten in Loja (UTPL, UNL) und Cuenca nahmen teil und würdigten die Zusammenarbeit in ihren Grußworten. Vor Ort verschafften sich die Gäste zudem einen Eindruck von der aufgebauten Forschungsinfrastruktur.
Die Ergebnisse aus 30 Jahren Grundlagenforschung sind eindrucksvoll: Mehr als 700 wissenschaftliche Publikationen sowie einzigartige Langzeitdatenreihen in einer Datenbank dokumentieren wichtige Erkenntnisse zur Resilienz dieser Ökosysteme. „Ein herausragender Erfolg ist zudem die Ausbildung einer neuen Generation interdisziplinär qualifizierter Nachwuchswissenschaftler*innen in der integrativen Biodiversitätsforschung“, betonte die Marburger Naturschutzbiologin, Prof. Dr. Nina Farwig. Mehr als 400 deutsche und ecuadorianische Forschende aller Karrierestufen wurden im Rahmen des Programms qualifiziert – einige von ihnen bekleiden heute führende Positionen im Wissenschaftssystem bis hin zum Rektor an Partneruniversitäten.
Darüber hinaus zeigt sich die Wirkung der Forschung im Transfer in die Anwendung: Die wissenschaftliche Begleitung trug maßgeblich zur Einrichtung von drei UNESCO-Biosphärenreservaten bei. In der aktuellen Phase der Forschungsgruppe RESPECT werden die gewonnenen Erkenntnisse und Daten genutzt, um gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität Gießen ein neues biodiversitätsinformiertes Landoberflächenmodell zu entwickeln und zu testen. „Ziel ist es, die Resilienz von Biodiversität, Ökosystemleistungen der Naturwälder sowie der eingebetteten Agrarsysteme bei zunehmenden Klimaextremen besser bewerten zu können“, erklärte der Marburger Klimageograph, Prof. Dr. Jörg Bendix. Erste erfolgreiche Tests konnten den Forschenden um Bendix vergangenes Jahr im Fachmagazin „Science oft the Total Environment“ publizieren.
Gleichzeitig wird deutlich: Trotz erheblicher Fortschritte sind die komplexen Ökosysteme noch längst nicht vollständig verstanden. Zukünftige Forschung muss insbesondere bislang vernachlässigte, aber hochrelevante Organismengruppen wie Mikroben stärker einbeziehen. Sie beeinflussen maßgeblich die Dynamik von Biodiversität und Ökosystemleistungen – etwa bei der Kohlenstoffbindung oder der Ernährungssicherheit vor Ort – und reagieren sensibel auf den fortschreitenden Klimawandel. Mit dem Zentrum für Synthetische Mikrobiologie (SYNMIKRO) ist die Philipps-Universität Marburg hervorragend aufgestellt, um genau hier anzusetzen und in den kommenden Jahren neue, wegweisende Erkenntnisse zu liefern.

* pm: Philipps-Universität Marburg

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