„Die Zellkraftwerke – Mitochondrien – und deren Beziehung zu Metallen in der Diskussion der Forschungsgemeinde“ sind Thema eines internationalen Symposiums zur Verabschiedung des renommierten Zellbiologen Roland Lill. Stattfinden wird es am Freitag (10. Oktober).
Die Philipps-Universität Marburg und der Fachbereich Medizin verabschieden einen ihrer international renommiertesten Forschenden mit einem Forschungssymposium: Prof. Dr. Roland Lill verschrieb seine akademische Karriere der grundlegenden Untersuchung der Zellkraftwerke Mitochondrien und deren Rolle bei Stoffwechselprozessen, insbesondere bei dem von seiner Arbeitsgruppe entdeckten lebenswichtigen Prozess der Eisen-Schwefelprotein-Biogenese. Seine bahnbrechenden Forschungen wurden im Jahr 2003 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit der Vergabe des Leibnizpreises gewürdigt.
Unter dem Thema „Mitochondria Meet Metals“ würdigt die Scientific Community auch das Wirken von Lill als Forscher, Mentor und Hochschullehrer, der seit 1996 an der Philipps-Universität Marburg arbeitet. Auf dem Symposium sprechen renommierte Wegbegleitende und Kooperationspartner*innen von Lill aus Deutschland, Frankreich, Polen, Tschechien und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Dazu werden rund 100 Gäste erwartet.
Im Anschluss daran wird Lill von Dekan Prof. Dr. Michael Hertl vom Fachbereich Medizin für seine Verdienste mit der Euricius-Cordus-Medaille ausgezeichnet. Die Laudatio übernimmt Prof. Dennis R. Winge aus Salt Lake City, USA. Abschließend wird Prof. Lill seine Abschiedsvorlesung halten.
Das Symposium „Mitochondria Meet Metals“ findet am Freitag (10. Oktober) von 12.30 bis 19 Uhr im Vortragssaal der Universitätsbibliothek an der Deutschhausstraße statt.
Lill verschrieb sein Forscherleben dem mechanistischen Verständnis von molekularen Prozessen in der Zelle. Nach ersten Arbeiten zur Synthese und zum Transport von Proteinen in Bakterien widmete er sich den biochemischen Vorgängen bei der Synthese und Funktion der Mitochondrien in den Zellen. Mitochondrien gelten als Kraftwerke der Zelle, da sie das biochemische Energiemolekül ATP herstellen.
Bisher ging man davon aus, dass das die lebenswichtigste Funktion der Mitochondrien sei. Lills Arbeitsgruppe entdeckte jedoch 1999 in Marburg einen noch zentraleren Prozess, der aus Eisen und Schwefel – den sogenannten Eisen-Schwefelcluster – her und bauen ihn in Proteine ein, damit diese als Elektronentransporter oder Katalysatoren funktionsfähig werden. Die Zelle beisitzt rund 80 solcher Eisen-Schwefelproteine, die etwa für die Zellatmung, die Herstellung von Proteinen sowie die Synthese und Reparatur von DNA benötigt werden. Lills Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass ohne die Eisen-Schwefelprotein-Biogenese praktisch alle Zellkern-haltigen Organismen nicht lebensfähig sind.
Ist die Funktion dieses Prozesses beim Menschen nur teilweise, zum Beispiel als Folge von genetischen Mutationen, gehemmt, entstehen neurologische und hämatologische Erkrankungen wie zum Beispiel die Friedreich Ataxie. Lills biochemische Arbeiten haben vor kurzem zum Verständnis beigetragen, was bei dieser neurodegenerativen Erkrankung molekular schief läuft. Diese Erkenntnisse werden für die Therapieentwicklung bedeutsam sein.
„Mit seinem außergewöhnlichen wissenschaftlichen Scharfsinn und seiner unerschütterlichen Neugier hat Roland Lill unser Verständnis der zellulären Prozesse nachhaltig geprägt“, würdigte Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Naussdie außergewöhnliche Karriere von Lill. „Seine Forschung zur Eisen-Schwefelprotein-Biogenese hat die Biochemie weltweit beeinflusst und Marburg als Standort für Spitzenforschung international sichtbar gemacht. Darüber hinaus hat er Generationen von Studierenden und Nachwuchsforschenden mit seiner Leidenschaft für Wissenschaft inspiriert.“
Lill wurde 1955 geboren. Er studierte Chemie in Ulm und München, promovierte in Biochemie in München und war nach einer zweijährigen Postdoktorandenzeit an der University of California in Los Angeles wissenschaftlicher Assistent am Institut für Physiologische Chemie an der Universität München. Seit 1996 ist Lill Professor am Institut für Klinische Zytobiologie und Zytopathologie der Philipps-Universität Marburg.
2003 erhielt er mit dem Leibnizpreis. Das ist die höchste Auszeichnung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Später folgte der Feldberg-Preis und Preise der deutschen und italienischen Gesellschaften für Chemie. Er war an zahlreichen Forschungsverbünden beteiligt und leitete 12 Jahre lang einen Sonderforschungsbereich der DFG zum Thema „Intrazelluläre Kompartimentierung“.
Lill war Max-Planck-Fellow des Max-Planck-Instituts für terrestrische Mikrobiologie in Marburg und ist gewähltes Mitglied der European Molecular Biology Organisation (EMBO) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, wo er derzeit auch als Sprecher für die Lebenswissenschaften fungiert. Sein wissenschaftliches Werk umfasst über 250 Arbeiten in internationalen Fachzeitschriften. Er war Fachkollegiat und Senator der DFG, und organisierte zahlreiche internationale Konferenzen. Nach dem Erreichen der Altersgrenze sicherten sich Land Hessen und Universität die Expertise von Lill durch eine Gastprofessur.
Im Jahr 2021 zog sein Institut aus der Marburger Innenstadt auf die Lahnberge, was der passionierte Radfahrer als sportliche Herausforderung gern annahm. Auf den Lahnbergen ist sein Institut Teil des Zentrums für synthetische Mikrobiologie (SYNMIKRO), das er 2010 mitgegründet hat. Besonders am Herzen lag Lill auch die akademische Lehre, wofür er von den Studierenden mehrere Male mit dem Preis für die beste Lehre ausgezeichnet wurde.
* pm: Philipps-Universität Marburg