Die Stadt erweitert ihre Schulsozialarbeit. Das hat sie am Dienstag (22. Appril) mitgeteilt.
Kinder und Jugendliche ganzheitlich zu fördern und zu unterstützen, ist ein wichtiger Teil der sozialpädagogischen Arbeit an Schulen. Daher hat die Stadt Marburg das Programm der städtisch geförderten Schulsozialarbeit um vier Schulstandorte erweitert.
„Mit der Aufnahme der vier neuen Schulen unterstreicht die Stadt Marburg ihr Engagement für Bildung und soziale Teilhabe“, sagte Bürgermeisterin Nadine Bernshausen. „Die Schulsozialarbeit stellt eine wichtige Ergänzung dar, um Schüler*innen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Von den präventiven Angeboten profitieren alle Schüler*innen. Zugleich kann sehr gezielt Einzelfallhilfe angeboten werden.“
Das Ziel der Schulsozialarbeit ist, Kinder und Jugendliche in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen – sei es in ihrem sozialen Miteinander, in ihrer persönlichen Entfaltung oder bei der Orientierung für die Zeit nach der Schule. Die sozialpädagogischen Fachkräfte gestalten den Schulalltag mit, fördern ein unterstützendes Lernumfeld und setzen sich für Chancengerechtigkeit ein. Themen wie psychische Gesundheit, demokratische Werte, Inklusion, digitale Bildung und Nachhaltigkeit sind dabei wichtige Schwerpunkte ihrer Arbeit. Sie sind vertrauensvolle Ansprechpersonen für Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte.
Das Rahmenkonzept zum „Sozialpädagogischen Handeln an Marburger Schulen (SPHS)“ ist bereits seit 2008 an zehn Marburger Schulen etabliert. Es trägt zur systematischen Weiterentwicklung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule bei. 2024 hat die Universitätsstadt das Konzept aktualisiert.
Seit dem Sommer 2024 profitieren nun auch das Gymnasium Philippinum, die Elisabethschule, die Gerhart-Hauptmann-Schule und die Otto-Ubbelohde-Schule von der städtisch finanzierten Schulsozialarbeit. Die vier Schulen hatten bereits Anfang 2023 Anträge auf Teilnahme an diesem Programm gestellt. Dabei haben sich die Schulen für eine Zusammenarbeit mit dem Träger bsj Marburg entschieden.
Seit der Einführung des Konzepts verfügt der bsj über umfangreiche Expertise in der Schulsozialarbeit.
bsj-Geschäftsführerin Monika Stein und Simona Lison vom bsj haben maßgeblich zur Umsetzung beigetragen. Für die neuen Schulstandorte wurden vier erfahrene pädagogische Fachkräfte gewonnen: Das sind Anja Kühnert (Gymnasium Philippinum), Martina Trogrlic (Gerhard Hauptmann Schule), Stella Lossy (Otto Ubbelohde Schule) und Christoph Ibold (Elisabethschule). Die Steuerung und damit auch die übergeordnete Begleitung der kommunalen Schulsozialarbeit liegt bei der Fachstelle der Jugendberufshilfe/Jugendhilfe-Schule des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie der Stadt Marburg.
Die Schulsozialarbeit wird durch das Jugendamt gesteuert und durch freie Träger in Kooperation mit Schulen umgesetzt. Die pädagogischen Fachkräfte begleiten die Schülerinnen und Schüler bei Übergängen, bieten individuelle Unterstützung an und leisten Familienarbeit. Die Formate können dabei ganz unterschiedlich sein: Ob es sich um Gruppenangebote, Einzelberatung, Netzwerkarbeit oder Impulse für und Unterstützung bei der Schulentwicklung handelt, wichtig ist, dass sich das Angebot an der Lebenswelt und den vorhandenen Ressourcen der Beteiligten orientiert.
Die Angebote sind freiwillig, dienen der Prävention und sollen die Teilhabe sowie die Kooperation aller fördern. Um die Qualität der Schulsozialarbeit zu überprüfen und weiterzuentwickeln finden regelmäßige Evaluationen und Austausch in Netzwerken statt. „Die Themen, die uns immer wieder begegnen, sind auch Themen der psychischen Gesundheit – unabhängig von der Schulform oder dem Alter“, sagte Fachbereichsleiterin Simona Lison vom bsj.
Daneben spielen auch der Schulabsentismus und das Klassenklima eine Rolle. Stress und Überforderung resultieren jedoch nicht nur aus dem schulischen Kontext, vielmehr bezieht das sozialpädagogische Handeln an Schulen die gesamte Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen mit ein.
„Bei der Schulsozialarbeit geht es darum, Kinder und Jugendliche nicht nur als Schüler*innen zu betrachten und zu beraten, sondern die als ganzheitlichen jungen Menschen zu sehen. Denn neben der Schule haben sie auch ein privates Umfeld, das sie genauso wie die weltpolitische Lage ebenfalls beeinflusst und beschäftigt. Dieser ganzheitliche Betrachtungs-
und Beratungsansatz ist das Gute und Wichtige an der Schulsozialarbeit“, so Anne Leibfried, Koordinatorin der Fachstelle Jugendberufshilfe/Jugendhilfe. So haben die Kinder und Jugendlichen besonders in den vergangenen Jahren verschiedene Krisen erlebt, die sowohl den Schulalltag als auch gerade den persönlichen belastet haben. Selbstwirksamkeit und Begegnung stärken
„Was sich die Kinder und Jugendlichen vor allem wünschen, ist Selbstwirksamkeit zu erfahren. Es ist für ihre Entwicklung und ihren Selbstwert wichtig zu merken, dass sie etwas bewirken können, dass sie Ideen, die sie haben, umsetzen können“, so Anja Kühnert, Schulsozialarbeiterin am Gymnasium Philippinum. „Es geht nicht darum, die Lösungen für jedes Problem parat zu haben. Unsere Aufgabe ist es, zu unterstützen und gegebenenfalls an andere Stellen, mit denen wir gut vernetzt sind, zu verweisen. Wir werden gebraucht, um grundsätzlich die Eigenständigkeit und Beteiligung von jungen Menschen zu unterstützen“, ergänzte Kühnert.
Auch die Schulen und das Lehrpersonal profitieren von der Schulsozialarbeit. So haben sich die Schulen beworben, um Unterstützung und Impulse für unterschiedliche Projekte und Themen zu erhalten. Beispielsweise, um das erlebnispädagogische Angebot auszubauen, die Schulen gut für die Zukunft aufzustellen sowie zu schauen, wie sich die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten gut mit den realen Bedingungen in Einklang bringen lassen.
Besonders großes Interesse zeigen die Schüler*innen an gemeinsamen Projekten. „Der Wunsch, mit Gleichaltrigen zusammenzukommen und gemeinsam etwas zu gestalten, ist unheimlich groß. Bei den meisten Ideen, mit denen die Schüler*innen zu uns kommen, geht es letztlich um Begegnung – auch gerne über den Schulkontext hinaus“, sagte Christoph Ibold, Schulsozialarbeiter an der Elisabethschule. Auch die Lust an Bewegungsformaten sei deutlich spürbar. Bei allen Fragen und Themen ist vor allem die Schüler*innenvertretung ein wertvoller Ansprechpartner für die Schulsozialarbeit.
Die Gesprächsangebote der pädagogischen Fachkräfte werden bisher sowohl seitens der Schüler*innen als auch vom Lehrpersonal und Eltern sehr gut angenommen. „Wir können uns die Schulsozialarbeit selbst nach der kurzen Zeit gar nicht mehr wegdenken oder uns zurückdenken, wie wir es eigentlich vorher ohne diese Unterstützung gemacht haben“, sind sich die Schulen in ihrer bisherigen Erfahrung einig.
Auch die langjährige Erfahrung der zehn Marburger Schulen, an denen die Schulsozialarbeit schon seit mehreren Jahren etabliert ist, deckt sich mit denen der neuen Schulstandorte: Als besonders wertvoll hat sich die ganzheitliche Betrachtung der Kinder und Jugendlichen mit all ihren Lebenswelten erwiesen entgegen der isolierten Betrachtung im Schulkontext. So hat sich die Zusammenarbeit aller Beteiligten durch die Vermittlungsarbeit der Schulsozialarbeiter*innen verbessert. Zudem lassen sich Angebote und Lösungen durch den verstärkten Austausch und die ganzheitliche Betrachtung passgenauer und zielgerichteter entwickeln.
* pm: Stadt Marburg