Begeisterte Beifallsstürme: Momo verband Philosophie mit Phantasie und Poesie

Begeisterte Beifallsstürme erntete „Momo“ am Sonntag (13. November) im Erwin-Piscator-Haus (EPH). Dort feierte das gleichnamige Stück des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM) Premiere.
1973 hat Michael Ende seinen Roman „Momo“ mit dem Untertitel „Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ veröffentlicht. Mittlerweile gehört die Geschichte des Mädchens, das allen gut zuhört und damit ihre Phantasie anregt, zu den Klassikern der internationalen Kinder- und Fantasy-Literatur. Trotz seines Alters von fast 50 Jahren ist das Buch immer noch – und gerade heute wieder – brandaktuell.
Intendantin Carola Unser hat das großartige Kunstmärchen in einer Bühnenbearbeitung von Vita Huber sensibel und berührend, dabei jedoch zugleich mitreißend und kurzweilig inszeniert. Nicht unwesentlich trägt zum Gelingen auch die ebenso beschwingte wie auch einfühlsame Musik von Kathrin Ost und Gregor Sonnenberg bei. Durchweg überzeugend präsentierten sich bei der Premiere aber auch alle mitwirkenden Schauspielerinnen und Schauspieler.
Rasch waren auch die kleinen Zuschauerinnen und Zuschauer mit dabei, wenn Momos Freunde ihre Fragen beantworteten. Dabei waren Erwachsene bei dieser ersten – voll ausverkauften – Premiere der Spielzeit geringfügig in der Überzahl. Doch Endes philosophische Geschichte über den Wert der Freundschaft und der Zeit sowie die Gefahren des Wachstumswahns und einer geldgierigen Arbeitsverdichtung sowie der Zerstörung des – nicht nur gesellschaftlichen – Klimas durch eiskalten Egoismus hat die großartige Kraft, mit ihren gekonnten Bildern alle mitfühlenden Menschen in ihren Bann zu ziehen.
Momo bringt alle ihre Freunde zum Reden und Erzählen, indem sie ihnen zuhört. Sie schenkt ihnen Aufmerksamkeit, Liebe und Zeit. Dadurch entsteht Freundschaft.
Die „grauen Herren“ sind gierig auf diese Zeit. Sie reden den Menschen ein, sie sollten ihre Zeit besser für „wichtige Dinge sparen“ und zu ihnen auf die „Zeitsparkasse“ bringen. Bald schon hasten alle umher und haben keine Zeit mehr für ihre Freunde.
Momo versucht, ihre Freunde zu retten. Die „grauen Herren“ wiederum wollen Momo daran hindern. Doch die Schildkröte Kassiopeia rettet das Mädchen und bringtt es zu Meister Hora.
Meister Hora verwaltet die Zeit. Er teilt den Menschen die Stundenblumen zu. Diese Stundenblumen stehlen die „grauen Herren“ und zünden sich Zigarren aus ihren Blättern an, deren rauch das Klima vergiftet.
Momo nimmt den Kampf mit den „grauen Herren“ auf. Kassiopeia beschützt sie dabei. Das gute Ende ist bei Michael Ende natürlich unausweichlich.
Als „Momo“ bewies Silvia Schwinger ihr großes darstellerisches Talent. Besonders beeindruckte aber Charlotte Ronas in der – eher zurückgenommenen –
Rolle der weisen Schildkröte Kassiopeia. Marie Wolff begeisterte als „Gigi Fremdenführer“.
Den bedächtigen „Beppo Straßenkehrer“ brachte Christian Simon gekonnt auf die Bühne des EPH. Als „Masterin Hora“ überzeugte Saskia Boden-Dilling ebenso wie als Managerin von Gigi. Aber auch alle anderen Darsteller verkörperten ihre Rollen absolut gekonnt.
Mit „Momo“ ist dem Ensemble des HLTM ein wunderbares Theaterstück für die ganze Familie gelungen, das anrührt und anregt zum Nachdenken. Selbst das geniale Nachwort von Endes Roman hat die Bühnenfassung einigermaßen mit aufgenommen. Schnell war die Zeit von gut eineinhalb Stunden am Nachmittag vorüber, die aber ein beglücktes und begeistertes Publikum zurückgelassen hat.
Kleinen und großen Kindern sei dieses wunderbare Theatererlebnis wärmstens ans Herz gelegt. Vielleicht mögen manche danach auch noch einmal Endes faszinierenden Roman aufschlagen und sich Zeit nehmen fürpoetische Philosophie über die Zeit, das Geld, das Glück, die Freundschaft und die Zuwendung. Gerade in Zeiten der drohenden Klimakatastrophe hält das Nachwort im Buch gleichzeitig Hoffnung und Ansporn bereit.

* Franz-Josef Hanke

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