Mit Gedenkbuch gemahnt: Geschichtswerkstatt erinnert an Deportierte aus Marburg und dem Landkreis

Den Opfern des Nationalsozialismus hat die Geschichtswerkstatt ein Forschungsprojekt gewidmet. Das Ergebnis ist ein Gedenkbuch, das die Stadt zusammen mit dem Landkreis veröffentlicht.
Die Schrift „Von der Ausgrenzung zur Deportation“ ist am Mittwoch (13. September) vor großem Publikum im Rathaus vorgestellt worden. Zum 75. Jahrestag des letzten Transports von Jüdinnen und Juden aus Marburg und dem Landkreis nach Theresienstadt erscheint das 544 Seiten starke Buch im Rathaus-Verlag der Stadt Marburg.
„Das unvergleichliche Verbrechen des Holocaust war systematisch, bürokratisch und industriell organisiert“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bei der Vorstellung des Gedenkbuchs im voll besetzten Rathaussaal vor über 130 Gästen. Zwischen Dezember 1941 und März 1943 wurden 346 Menschen aus Marburg und dem Landkreis vom Gleis 5 des Hauptbahnhofs deportiert.
„Warum noch ein Buch zu dem Thema, mögen sich manche fragen, wo doch die Fakten bekannt sind“, fuhr der Oberbürgermeister fort. Aber „wir verstehen Geschichte nicht durch eine Aneinanderreihung von abstrakten Zahlen, sondern aus dem empathischen Erlebnis, daraus, wenn hinter den Zahlen konkrete Menschen sichtbar werden und ihr Schicksal uns berührt.“
Die NS-Diktatur habe ihre Opfer auf einzigartige Weise entmenschlicht. „Das darf nie wieder passieren, deshalb das Buch, damit Vergangenheit nicht vergangen ist“, sagte das Stadtoberhaupt. „Aus dem Holocaust erwächst für uns die Pflicht, jeglichem Antisemitismus, aber auch allen anderen Formen der Menschenfeindlichkeit mit allen Mitteln des Rechts, der Bildung, der Kultur und der wehrhaften Demokratie entschieden entgegenzutreten.“
Das gelte „heute mehr denn je“, erklärte Spies. „In unserer Gesellschaft ist kein Platz für Faschisten und Menschenfeinde“, betonte er.
„75 Jahre umfassen die Dauer eines durchschnittlichen Menschenlebens“, machte Landrätin Fründt deutlich. „Viele Menschen werden auch deutlich älter. Doch einer unglaublich hohen Anzahl von Menschen war es damals nicht vergönnt, ein normales Lebensalter zu erreichen. Vor allem Menschen jüdischen Glaubens sowie Sinti und Roma wurden unter dem brutalen und unmenschlichen Naziregime ermordet.“
Die Verfolgung habe nicht weit weg stattgefunden, sondern auch in Marburg und den anderen Städten und Gemeinden im heutigen Kreisgebiet. „Insofern handelt es sich um heimische Geschichte; und sie sollte nicht in Vergessenheit geraten“, betonte die Landrätin, die das Buch an den Schulen verteilen lassen will.
Den Schmerz und das Leid der Betroffenen könne man nicht annähernd erahnen. Gerade deshalb seien die Einzelschicksale im Buch so beeindruckend, in denen auch persönliche Empfindungen, Sorgen, Ängste und Hoffnungen nachvollziehbar würden.
Die gesammelten Beiträge des Buchs, das ab sofort für 12,90 Euro erhältlich ist, gehen dem Schicksal der jüdischen Deutschen und der Sinti in Marburg und in den Kleinstädten und Dörfern der Altkreise Marburg und Biedenkopf nach, berichtete Klaus-Peter Friedrich für die Geschichtswerkstatt. Sie geben Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens bis in die 30er Jahre; und sie beschreiben den von Gewalt geprägten Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung, Vertreibung und Verschleppung von Universitätsbediensteten, kleinen Angestellten und alteingesessenen Marburger Geschäftsleuten über Vieh- und Kleinhändler oder Nebenerwerbslandwirte aus dem Umland bis zum letzten jüdischen Kind, das 1933 in Breidenbach geboren wurde.
„Der Abtransport in den Osten bedeutete für fast alle der aus Rassismus Verfolgten eine Deportation in den Tod“, erklärte Friedrich. „Aus dem zweiten Marburger Transport in die Todeslager von Lublin-Majdanek und Sobibór gab es keinen einzigen Überlebende.“
Auch die Marburger Widerstandskämpferin Marie Luise Hensel überlebte die NS-Diktatur nicht. Prof. Marita Metz-Becker widmete Hensel ein Kapitel im Buch und einen Kurzvortrag in der Veranstaltung. Die „Gerechte unter den Völkern“ bezahlte die versuchte Fluchthilfe für eine jüdische Familie 1942 mit ihrem Leben.
Der Schauspieler Frank Winterstein rezitierte im Rathaus aus dem neuen Buch. Unter anderem las er Passagen aus den Briefen der jungen Ebsdorferin Henni Höchster oder den Erinnerungen der Mombergerin Gisela Spier-Cohen, als Kind 1942 deportiert nach Theresienstadt und Anfang Mai 1945 halbverhungert von US-amerikanischen Truppen aus dem KZ Mauthausen befreit. Zwischen seinen Beiträgen sang der „Politöne“ unter anderem den „Theresienstädter Marsch“ sowie ein Lied gefangener Kinder aus dem KZ, jüdische Lieder und Gesänge von Überlebenden.
Einzelne der Deportierten kehrten – zumeist nur vorübergehend – in eine ihnen fremd gewordene Heimat zurück. „So ergaben sich nach 1945 Anknüpfungspunkte für eine kritische Erinnerungskultur vor Ort, die seit Ende der 1970er Jahre zu einer Befreiung von Denkschablonen der NS-Zeit beigetragen und einen Bewusstseinswandel in Gang gesetzt hat“, betonte Friedrich.
Der Oberbürgermeister übergab am Ende der Veranstaltung persönlich ein Exemplar des Gedenbuchs an die Amerikanerin Rachel Drucker, die mit Barbara Wagner von der Geschichtswerkstatt zur Veranstaltung gekommen war. Die junge Frau ist eine Urenkelin des Ehepaars Drucker aus Ockershausen, das nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurde. Einer der Söhn – , Rachel Druckers Großvater – konnte in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) fliehen.

* pm: Stadt Marburg

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