Kneipenabend: Alter Ritter wurde Sudhaus

„Alter Ritter“ steht an einer Hauswand am unteren Steinweg. 1977 konnte ich das dort selber noch lesen.
1977 beherbergte das Gebäude allerdings gar kein Restaurant. Vom Eingang an der Ketzerbach aus erreichte man damals über einige Stufen das „Amerikahaus“. Seit vielen Jahren residiert dort die Stadtbücherei.
Die Speisegaststätte „Alter Ritter“ wurde nach längerer Pause irgendwann in den 80er Jahren in Räumen unter der Stadtbücherei wiedereröffnet. Als ich 1988 in den Marburger Regionalvorstand der Deutschen Journalisten-Union (DJU) gewählt wurde, wurde der „Alte Ritter“ bald zum DJU-Stammlokal. Dort veranstalteten wir unseren monatlichen „Journalistenstammtisch“ mit wechselnden Gästen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.
Für größere Veranstaltungen gab es hinten zur Ketzerbach hin einen abgetrennten Raum. Unsere Treffen ohne Gäste verbrachten wir meist im vorderen Gastraum gleich gegenüber der Theke. Dort saßen wir an einem großen runden Tisch auf bequemen gepolsterten Bänken.
Den Gastraum erreichte man vom Steinweg aus über zwei Stufen durch eine Glastür. Dann wandte man sich nach rechts, wo am Fenster entlang kleinere Tische standen, während sich im Raum zur Theke hin einige größere Sitzgruppen befanden. Teppichboden dämpfte das Geräusch der Schritte, während die Gäste selbst mit gedämpften Stimmen für eine angenehme Stimmung im Gastraum sorgten.
In den 90er Jahren konnte man im „Alten Ritter“ zu vertretbaren Preisen recht gut speisen. Eine gute Weinkarte lockte eher anspruchsvolle Gäste ebenso wie eine Speisekarte mit Fisch- und Fleischgerichten sowie Vegetarischem. Aber auch Bier wurde damals gut ausgeschenkt.
Das Netteste am „Alten Ritter“ waren nach meiner Erfahrung aber die meisten Kellnerinnen, die dort oft über Jahre hinweg bedienten. Sie waren aufmerksam und freundlich, ohne dass es jemals gekünstelt gewirkt hätte. Dank der freundlichen Ansprache der Bedienung konnte ich dort auch gut eine halbe Stunde lang allein auf die Kolleginnen und Kollegen warten, die erst verspätet beim „Journalistenstammtisch“ eintrudelten. Selbst wenn ich eine von ihnen in der Stadt traf, begrüßte sie mich und half mir auf die Sprünge, woher sie mich kannte.
Mit den Jahren führten wir bei „Journalistenstammtischen“ gespräche mit Polizeichefs und deren Pressesprechern, mit Parteivorsitzenden oder Oberbürgermeistern sowie Kandidaten für dieses Amt, mit Industriellen und Firmenpressesprechern, mit einer Fernsehtalkshow-Organisatorin, mit Medienwissenschaftlern und Journalisten. Gut erinnern kann ich mich beispielsweise noch an einen Abend mit dem Buchenwald-Überlebenden Emil Carlebach aus Frankfurt.
Gerade dieser Abend war aber auch der Wendepunkt in meinem Verhältnis zum „Alten Ritter“. Eine neue Kellnerin hatte den Wirt Anfang der 2000er Jahre darin bestärkt, der „Alte Ritter“ solle nun zur „Sterne-Gastronomie“ aufsteigen. Die – oft nur Bier trinkenden – Journalistinnen und Journalisten waren nicht ihre erstrebte Zielgruppe. So servierte sie die Essen schnippisch über andere Gäste hinweg und zeigte den versammelten Zuhörerinnen und Zuhörern, wie wenig sie sie wertschätzte.
Bald darauf traf sich die DJU Marburg nicht mehr im „Alten Ritter“. Erst stieg die Gaststätte tatsächlich zu einem Feinschmeckerlokal auf, bevor sie dann aber allmählich den Bogen überspannte und immer mehr Gäste verlor. Als ich im Oktober 2010 nach langer Pause wieder einmal im „Alten Ritter“ zu Mittag aß, war das Essen teuer und trotzdem schlecht.
Wenig später wurde das Speiselokal geschlossen. Es dauerte einige Jahre, bis das „Sudhaus“ in die Räume einzog, an denen neben dem neuen immer noch der alte Name prangt. Das „Sudhaus“ hatte vorher in einem urigen Fachwerkhaus am Hirschberg schräg gegenüber vom „Bistro Caveau“ residiert.
Das „Sudhaus“ bietet ein umfangreiches Sortiment an Speisen zu günstigen Preisen. Leider ist es im Inneren aber sehr laut und eher ungemütlich, während man bei schönem Wetter draußen ganz gut sitzen und essen kann. Am Ende könnte man sowohl das „Sudhaus“ an seinen beiden Standorten als auch den „Alten Ritter“ inzwischen zu den legendären Lokalen in Marburg zählen.

* Franz-Josef Hanke

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