Zwei neue Zugänge: Kinder- und Jugendhilfe online und telefonisch

Der Druck auf die Familien wächst. Die Nerven liegen blank, je länger Eltern und Kinder auf die Öffnung von Schulen und Kitas warten müssen.
Trotz aller Beschränkungen des öffentlichen Lebens hält der Fachbereich Kinder, Jugend und Familie der Universitätsstadt Marburg regelmäßig aktiv Kontakt zu den Familien. Außerdem sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich für alle Eltern und Kinder ansprechbar. Und sie machen weiter Hausbesuche, wenn es der Kinderschutz erfordert.
„Unser Kontakt und die Beziehung zu den Kindern und Eltern geht auch während der Corona-Krise weiter“, erläuterte Stadträtin Kirsten Dinnebier. „Weil die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe aber auf dem unmittelbaren persönlichen Kontakt beruht, haben wir zusammen neue Formen dafür gefunden.“
Eltern in der Krise sind unter Druck, weiß Stefanie Lambrecht. Sie ist die Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie.
Weil Kinderbetreuung und Schulen, Jugend- und Familienzentren geschlossen sind, Sportanlagen nicht betreten und Großeltern nicht besucht werden dürfen, sind die Eltern mit der Betreuung ihrer Kinder auf sich allein gestellt. Oft fehlen die familiären und sozialen Netzwerke. Viele befürchten einen Jobverlust und haben Sorgen wegen ihrer finanziellen Situation.
„Wir sehen und hören an vielen Stellen, dass die Familien es insgesamt sehr gut machen in dieser schwierigen Zeit“, berichtete Lambrecht. Trotzdem sind die Belastungen für Eltern und Kinder hoch. Das ist für alle Familien schwierig.
Diejenigen, die schon vor Corona belastet waren, weniger Ressourcen oder Widerstandskräfte haben, sind nun in Gefahr, überlastet zu werden. „Wir stellen in Marburg wie bundesweit auch fest, dass die psychischen und emotionalen Sorgen in vielen Familien gewachsen sind“, berichtete Lambrecht. „Mit Ärger oder Angst können Überforderungshandlungen zunehmen.“
Überforderung kann sich auf vielfältige Weise äußern – sei es durch Vernachlässigung, häufigem Streit oder gar Handgreiflichkeiten. Kinder und Jugendliche sind derzeit stärker gefährdet, davon betroffen zu sein, da ihr Aufenthaltsort auf das eigene Zuhause beschränkt ist. „Die Frage ist: Haben wir ausreichend niedrigschwellige Zugänge, wenn Eltern merken, dass sie mit der Versorgung der Kinder überlastet sind“, sagte Stadträtin Dinnebier.
Die Antwort in Marburg liegt in der engen Kooperation von Stadt und den freien Trägern der Jugendhilfe. „Von den eingespielten Strukturen und der vertrauensvollen Zusammenarbeit profitieren wir im Moment sehr“, erklärte Dinnebier. „Die Priorisierung des Kinderschutzes wird von allen Trägern vorbildlich mitgetragen; und auf die neue Situation haben alle sehr schnell mit kreativen und der Situation angepassten Maßnahmen reagiert“,
Der Kinderschutz ist für die Stadt Marburg ein Kernprozess in der Corona-Krise. Die Sicherstellung durch qualifiziertes Personal hat oberste Priorität. Der Allgemeine Soziale Dienst arbeitet in zwei Einheiten an unterschiedlichen Orten – um auch dann noch handlungsfähig zu sein, wenn ein Team wegen einer Infizierung ausfallen sollte.
Weitere qualifizierte Fachkräfte für den Kinderschutz stehen als Backup auf Abruf. Der Allgemeine Soziale Dienst ist durchgehend telefonisch erreichbar, außerhalb der Öffnungszeiten im Rahmen von Bereitschaftsdiensten über die Polizei.
Auch wenn die persönlichen Hilfeplangespräche und Beratungstermine zwischen Jugendamt und den Familien derzeit nicht oder nur digital stattfinden, reagieren die Beschäftigten bei einer Gefährdungsmeldung unmittelbar und besuchen die Familie persönlich. Denn: Kinderschutz ist auch in Zeiten der Krise nicht ausgesetzt, die rechtlichen Vorgaben haben weiterhin Bestand. Die Schutzpläne bei (Verdacht auf) Kindeswohlgefährdung, die gemeinsam mit den Familien ausgearbeitet wurden, gelten weiter.
Auch Hilfen zur Erziehung finden weiterhin statt – unter Corona-Verordnungen. Die Stadt hat mit den freien Trägern vereinbart, dass der Kontakt zu den Familien unbedingt sichergestellt ist – durch regelmäßige Telefonate oder digitale Kontakte.
In einer akuten Risikosituation für Kinder müssen die freien Träger in Absprache mit dem Jugendamt auch persönlich in die Familien gehen. Der Kinderschutz hat absolute Priorität.
Die Universitätsstadt Marburg fördert eine Vielzahl an Beratungsleistungen, die zum Beispiel durch die Erziehungsberatungsstellen, Schwangeren- und Konfliktberatung, Angebote der Frühen Hilfen oder andere sichergestellt werden. Diese niedrigschwelligen Leistungen gibt es auch in der Zeit der Corona-Krise.
Alle Beratungsstellen haben ihre Arbeit auf Telefon oder Mail umgestellt und sind so erreichbar. Bereits vereinbarte Kontakte werden durch die Mitarbeitenden der Beratungsstelle aktiv weitergeführt.
Zusätzlich haben die Jugendämter von Stadt und Landkreis gemeinsam mit den Beratungsstellen ein neues Gesprächsangebot ins Leben gerufen. Die „Beratung am Abend“ ist an sieben Tagen die Woche abends zwischen 19 und 22 Uhr für alle Eltern oder Familien telefonisch unter 06421/4806170 erreichbar. Auf Wunsch können auch konkrete Unterstützungsleistungen vermittelt werden.
Kitas, Schulen und Horte sind wesentliche Systeme zur Entlastung der Familien. Mit ihrer Schließung am Montag (16. März) sind diese Anlaufstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern weggefallen. Das ist für die Sicherstellung des Kinderschutzes eine große Herausforderung.
Derzeit werden in Marburg in den Kitas und in der Tagespflege rund 600 Kinder aus so genannten systemrelevanten Berufen und von berufstätigen Alleinerziehenden notbetreut. Damit sind rund 20 Prozent aller regulären Kita-, Krippen- und Tagespflegeplätze belegt. Marburg als bedeutender Klinik- und Pharmastandort hat damit eine der höchsten Quoten für Notbetreuung in ganz Hessen.
In Absprache mit dem Jugendamt können außerdem noch Kinder in die Betreuung aufgenommen werden, für die ein Schutzplan zur Sicherung des Kindeswohls gilt. Betreut wird derzeit noch in Gruppen bis zu 5 Kindern. Die pädagogischen Fachkräfte, die nicht in der Notbetreuung eingesetzt werden, halten den kontinuierlichen Kontakt mit den Familien ihrer Kita, die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen – durch persönliche Post, durch regelmäßige Telefonate, Osternester am Gartenzaun, Podcasts mit Lieder und Geschichten, digitale Newsletter, die hundertfach verschickt werden, und dergleichen mehr.
Alle ortsnahen Unterstützungssysteme stehen den Familien weiter zur Verfügung. Die Kindertageseinrichtungen sind telefonisch und per E-Mail erreichbar. Sie können in der Krise eine erste Entlastung sein.
Die Gemeinwesensprojekte am Richtsberg, im Waldtal und im Stadtwald sind ebenfalls durchgehend telefonisch erreichbar und leisten Unterstützungsarbeit. Beratungsstellen und Familienzentren können während der regulären Öffnungszeiten auf telefonischem oder digitalem Wege per Mail kontaktiert werden.
Das Jugendamt ist telefonisch erreichbar über 06421/2010 und per Mail unter jugend@marburg-stadt.de. Außerhalb der Öffnungszeiten kann jederzeit über die Polizei die Rufbereitschaft des Jugendamtes erreicht werden. Weitere Informationen zur Kinderbetreuung und Beratung für Eltern gibt es auch auf der städtischen Homepage unter www.marburg.de/corona.

* pm: Stadt Marburg

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