Mitmenschlichkeit macht´s möglich: Solidarität üben angesichts des Coronavirus

Vor der „Gartenlaube“ saßen am Montag (16. März) noch Menschen dicht aneinander gedrängt in der Sonne. Offenbar haben sie nichts vom Coronavirus verstanden.
Innerhalb dreier Tage sind die Fallzahlen im Landkreis Marburg-Biedenkopf zwischen Samstag (14. März) und Dienstag (17. März) von acht auf 34 angestiegen.23 Menschen sind in Deutschland bis Dienstagabend an einer Infektion mit diesem neuen Virus gestorben. Mehr als 6.000 Menschen sind infiziert.
Nach der waggonhalle, dem „Theater neben dem Turm“ (TNT, dem Hessischen Landestheater Marburg (HLTM und dem Erwin-Piscator-Haus (EPH) hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nun auch den viel kleineren Käte-Dinnebier-Saal dichtgemacht. Vereine sind aufgerufen, Zusammenkünfte abzusagen oder zu verschieben. Expertenwarnen auch vor sogenannten „Corona-Partys“, die allein die dummdreiste Ignoranz der Teilnehmenden gegenüber den Gefahren für sich und andere dokumentieren.
Angesichts des Ansteckungsrisikos insbesondere für ältere und vorerkrankte Mitmenschen sollten sich alle so verhalten, als wären sie infiziert. Nur so kann die Gesellschaft gemeinsam die Risikogruppen schützen. Wenn die Leute nicht freiwillig auf eine unnötige Gefährdung verzichten, wird die Regierung Ausgangssperren wie in Italien oder Frankreich anordnen müssen.
In den Bussen ist ein Netz hinter der ersten Sitzreihe gespannt. Fahrgäste müssen hinten einsteigen. So können sie dem Busfahrer oder der Fahrerin nicht nahe kommen.
Für Blinde ist das zwar Stress, doch für das Fahrpersonal ist das nötig. Ohnehin sollten nur noch Leute unterwegs sein, die sich fortbewegen müssen. Darum dünnen neben der Bahn auch die Stadtwerke Marburg (SWM) die Fahrpläne auf den sogenannten „Ferienfahrplan“ aus.
Geschäfte bleiben größtenteils geschlossen. Nur Supermärkte, Drogerien, Apotheken und Sanitätshäuser sowie Tankstellen bleibenoffen. Gaststätten müssen abends um 18 Uhr schließen. Alkis müssen sich nun also innerhalb ihrer vier wände besaufen.
Opel und Volkswagen stellen die Produktion ein. Weitere Firmen werden folgen, wenn sie nichtLebensmittel oder andere Waren des täglichen Gebrauchs herstellen. Wer kann, arbeitet daheim im „Home-Office“.
Jüngere und gesunde Leute gehen für ältere Nachbarneinkaufen. Besser sind Großeinkäufe einmal die Woche als der tägliche Gang zum Supermarkt. Dadurch verringert sich die Gefahr einer Ansteckung angesichts dergeringeren Zahl mötlicher Begegnungenmit potenziell Infizierten.
Der Kasseler Soziologe Prof. Dr. Heinz Bude beobachtet einen Paradigmenwechsel. Solidarität trete nun an die Stelle des neoliberal geprägten Egoismus. Die Grundhaltung „Großmaul first“ auf Kosten aller „Schwächeren“ scheitert in Zeiten gemeinsamer Bedrohung an der brutalen Realität, denn „nur gemeinsam sind wir stark“.
Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE) dürfte nun zu einer kluten Alternative zu den Hartz-IV-Gesetzen werden. Wenn alle ein Grundeinkommen vom Staat bekämen, ohne dafür bei Behörden Anträge stellen zu müssen, wären auch Freiberufler automatisch in ihrer Existenz gesichert. Die Beschäftigten bei Behörden bräuchten dann nicht um ihre Gesundheit zu bangen.
Mit ihren Ängsten und Sorgen gehen die Menschen sehr unterschiedlich um. Darum sollte niemand über „Hamsterkäufe“ lästern, solange die Waren nicht später überteuert weiterverkauft werden. Vielleicht ist der Großeinkauf ja eine solidarische Aktion für gefährdete Menschen in der Nachbarschaft des jungen Käufers?
Vorsicht und Nachsichtsind nun ebenso wichtig wie Gelassenheit und Gesundheit. Bereits am Mittwoch (11. März) hat der Podcast „Lagebesprech“ in seiner Folge 98 über das Coronavirus und die damit verbundenen Ängste und Sorgen gesprochen. In seinem Blog „Mein Wa(h)renhaus“ hat der Marburger Journalist Jens Bertrams persönliche Impressionen aus dem Corona-Alltag beschrieben.
Der Leserschaft der Onlinezeitung für Marburg gibt die marburg.news-Redaktion nun Gelegenheit, eigene Erfahrungen und Überlegungen zu übermitteln. Möglich ist das über das Kontaktformular unter marburg.news/kontakt.

* Franz-Josef Hanke

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