Zwei Stücke: „Maria Stuart“ von Schiller und „Ulrike Maria Stuart“ von Jelinek

Mit einer Doppelpremiere startete das HLTM am Freitag (21. September) in die neue Spielzeit. Gut drei Stunden lang stand dabei die Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht im Mittelpunkt.
Unmittelbar im Anschluss an die feierliche Spielzeitteröffnung begann die Premiere des Klassikers „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller im vollbesetzten Erwin-Piscator-Haus (EPH) zunächst mit Musik. Zenzi Huber sang sehr gekonnt über ihr Leid und schlüpfte dabei in die Rolle der schottischen Königin Maria Stuart. Nachdem ihr Volk sie verdächtigt hatte, den eigenen Gatten ermordet zu haben, hatte sie sich an ihre Halbschwester Elisabeth im Nachbarland Englang gewandt und um deren königlichen Schutz gebeten.
Doch Elisabeth lässt ihre Halbschwester verhaften. Ein 42-köpfiges Gericht verurteilt die schottische Königin wegen Mordes und Hochverrats zum Tode. Schließlich hatte Maria Stuart zuvor auch Ansprüche auf den englischen Thron erhoben.
Maria indes zweifelt die Rechtmäßigkeit dieses Todesurteils an. Nicht nur die Verweigerung einer Konfrontation mit den Zeugen im Verfahren erklärt sie für unrechtmäßig, sondern auch die Richter. Nach englischen Recht dürften nur Gleiche über Gleiche richten und somit über sie als Köigin nur Könige.
Heimlich überbringt Sir Mortimer ihr einen Brief ihres Onkels aus Frankreich. Der junge Mann hat sich in die schöne Königin verliebt und möchte sie befreien.
Maria schickt ihn zum Grafen von Leicester, der ebenfalls in Maria verliebt ist, aber auch um die englische Königin Elisabeth wirbt. Ihm gelingt es, ein zufälliges Treffen der beiden Königinnen zu arrangieren. Dabei kommt es jedoch nicht zum erhofften Gnadenakt, sondern zu einer Konfrontation zwischen den beiden stolzen Frauen.
Auf beiden lastet die Bürde ihres königlichen Amts. Beide würden gern nach ihrem Gewissen entscheiden, können sich der Zuneigung ihrer Verehrer aber nicht sicher sein. Was ist wahre Liebe und wer umgarnt sie nur wegen ihres Standes?
Nach der Pause führte die Inszenierung der Intendantin Eva Lange Schillers Klassiker seinem dramatischen Ende zu. Nach einer kurzen Zwischenmusik schlüpfte ein Darsteller in den österreichischen Akzent und begann mit der Aufforderung „Hosen runter“ die Inszenierung von „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek. Die Literaturnobelpreisträgerin aus Wien hat in diesem Stück die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof mit Maria Stuart verglichen und so die Debatte über Macht und Ohnmacht aus dem 17. Jahrhundert ins 20. übertragen.
„Kapitalismus ist ein Hypochonder“, heißt es da. Ihm gehe es immer schlecht. Er bedrohe die Menschenund werde deswegen bald sterben müssen.
Gudrun Ensslin und Andreas Baader sind nicht einverstanden mit einer Aktion von Meinhof gegen die BILD-Zeitung. Letztlich steht sie außerhalb der Gruppe. In der Isolationshaft von Stuttgart-Stammheim sterben die Attentäter der „Roten Armee-Fraktion“ (RAF) schließlich.
Mit mal feiner Ironie, mal deutlicher Distanzierung stellten die Schauspieler die Positionen der RAF zur Diskussion. Jelineks literarischer Text spitzt sie mitunter zu und macht sie gelegentlich auch richtig lächerlich. All diese Nuancen brachten die Darstellenden gekonnt auf die minimalistisch ausgestattete Bühne des EPH.
Vor allem Christian Simon hatte als Mortimer wiederholt mit der mangelnden Akustik im EPH zu kämpfen. Auch Huber gelang es nicht immer, ihren Text deutlich ins Publikum zu übermitteln. Dieses alte Problem des Saals ist leider auch nach dem Umbau immer noch nicht gelöst und trübte die Wahrnehmung mehrerer Premierengäste sehr stark.
Kein Problem damithatte Mechthild Grabner als Elisabeth und Gudrun Ensslin. Auch Jürgen Helmut Keuchel kennt diese Problematik schon lange genug, um ihr erfolgreich zu widerstehen. Als Baron von Burleigh beeindruckte er durch süffisante Anspielungen, feinsinnige Drohungen und – mit leisen Tönen selbst gegenüber der Königin Elisabeth hart durchgesetzte – Macht.
Insgesamt überzeugten alle Schauspieler durch darstellerische Qualitäten. Metin Turan als Graf von Leicester wirkte dabei von allen am schwächsten, war aber immer noch gut.
Auch Langes Inszenierung war durchaus gelungen. Abgesehen von ihrer Länge und dem daraus resultierenden Ausfransen gegen Ende brachte sie eine sehr zeitgemäße Auseinandersetzung mit Macht und Intrigen, der Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit von Politik sowie der Ohnmacht der scheinbar Mächtigen auf die Bühne. Die Verknüpfung der beiden Stücke zu einem Gesamtkunstwerk erwies sich dabei als durchaus sinnstiftend, weil gerade auch sie sowie die vorangegangenen Reden zur Spielzeiteröffnung Schillers Klassiker mitten in die Diskussion um die Beförderung des AfD-nahen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen rückten.

* Franz-Josef Hanke

Ein Kommentar zu “Zwei Stücke: „Maria Stuart“ von Schiller und „Ulrike Maria Stuart“ von Jelinek

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