Sanierung macht Sorgen: 200 Interessierte bei Workshop zum Grüner Wehr

Die geplante Sanierung des „Grüner Wehrs“ lockte am Samstag (26. Mai) rund 200 Interessierte in die Kaufmännischen Schulen. Bei einem Workshop konnten sie sich informieren, diskutieren und ihre Ideen einbringen.

„Wir freuen uns über die große Resonanz und die sachliche Diskussion“, erklärten Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und Bürgermeister Wieland Stötzel zum BürgerInen-Workshop der Stadt. Die öffentliche Veranstaltung zum Grüner Wehr war am Samstagvormittag auf große Resonanz gestoßen.
„Unser aller Ziel ist, dass das Grüner Wehr auch in 100 Jahren steht – denkmalgeschützt und stadtästhetisch so schön, wie es heute ist – und wir dabei so naturerhaltend wie nur möglich vorgehen“, sagte Spies. Der Magistrat hatte im Herbst 2017 die Planung unterbrochen,um die Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen. Mit dem Workshop jetzt wolle man deshalb über den Zustand des Wehrs und die bisherigen Überlegungen, fachliche Vorgaben und rechtliche Rahmenbedingungen sowie die bisherige Entwurfsplanung informieren.
„Wir werden heute über die Vorschläge gemeinsam sprechen und schauen, wie wir sie weiterentwickeln und verbessern können“, hatte der Oberbürgermeister die Teilnehmenden der Veranstaltung begrüßt. Im zweiten Teil des Workshops wurden die Informationen entsprechend diskutiert und Anregungen gesammelt. Die Ergebnisse sollen jetzt in eine Weiterentwicklung der Planung einfließen.
Die Entwurfsvorschläge vom August 2017 stellte Dirk Meyer für das Planungsbüro „KLT-Consult GmbH“ vor. Meyer bezog sich in seinen Erläuterungen auf das Gutachten zum Wehr aus dem Jahr 2008 sowie vorausgehende Gutachten und Tauchuntersuchungen, die zurück bis in die 60er Jahre reichen.
Das Wehr steht laut Meyer auf Kies und ist auf Holzpfählen gegründet. Über die Jahre hat das Wasser das Feinmaterial aus den Fugen des vor rund 500 Jahren errichteten Wehrs gespült. „Wasser dringt in den Baukörper ein“, berichtete Meyer.
Dadurch gerate das aus Blocksteinen gebaute Wehr insgesamt in Bewegung und sei instabil. Auch die Wehrkrone habe einen Durchhänger. Hinzu komme eine ungleichmäßige Senkung im Untergrund.
Weil das Wehr vom Fluß langsam auf der Kiesschicht verschoben werde, sei es erforderlich, es durch zwei Spundwände tiefer im Kies zu verankern. Der verzogene Kern müsse durch einen Betonblock ersetzt werden. Das sei der Stand der Technik, erklärte der Planer zur vorgelegten Variante der Entwürfe.
Allerdings werde er später nicht zu sehen sein, weil das Wehr in Anschluss mit behauenen Natursteinblöcken wie jetzt versehen werde. Diese Variante ermögliche es, den eigentlichen Wehr-Untergrund in Ruhe zu lassen.
Die Sanierung erfordere einen Zugang auf allen Seiten des Wehrs. Allerdings werde dabei möglichst schonend vorgegangen, und Flora und Fauna zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen, versprach Meyer.
Die Nordseite der Baustelle erreiche man über „Am Grün“. Auf der Südseite sei eine Baustraße am Lahnufer notwendig, die im Anschluss zurückgebaut und der Bereich renaturiert werde.Für die Bauzeit bei dieser Entwurfsplanung nannte Meyer einen Zeitraum von zwei Jahren.
Dass bei egal welcher Sanierungsvariante oder einem Neubau eine Fischtreppe durch die EU-Wasserrichtlinie gesetzlich vorgeschrieben ist, erläuterte im Anschluss Fischereibiologe Dr. Dirk Hübner. Nach den vorgenommenen Untersuchungen attestierte er der Lahn unterhalb des Grüner Wehrs einen außerordentlich wertvollen und artenreichen Tierbestand mit Barben, Eschen, Hecht und fünf Großmuschelarten.
Am Wehrfuß gebe es gerade strömungsliebende Fische, wie sie eigentlich in einem Fluss vorkommen sollen, es aber selten tun. „Hinter dem Wehr tritt der Fluss aus seinem Korsett und es gibt eine sehr naturnahe Struktur“, machte er eindrücklich deutlich.
All das werde durch ein strenges gesetzliches Regelwerk auch bei Wehrsanierungen erhalten. „So muss es natürlich auch nach der Sanierung Kiesbänke geben, die flach überströmt werden“, betonte er. Das müsse jede Planung berücksichtigen. „Das ist vorgegeben und wäre sonst gar nicht genehmigungsfähig.“
Die in der bisherigen Entwurfsplanung vorgesehene Fischtreppe stehe genau dafür, zumal sie auch einen Borstenpass umfasse. Hier sorgen die einzelnen Borsten dafür, dass das Wasser verwirbelt wird und sich gerade kleine Fische beim Aufstieg in den Zonen hinter den Borsten ausruhen können.
Der Einstieg in die Fischtreppe hänge grundsätzlich von der Strömung ab, die zur Orientierung dient, erklärte Hübner. Das Finden des Einstiegs ermöglicht eine Oberwasserfischtreppe, die am Wehrfuß abschließt, wie es auch die KLT-Planung vorsieht.
In drei Arbeitsgruppen vertieften die Teilnehmenden im Anschluss die Diskussion zu den Themen Denkmalschutz, Natur- und Gewässerschutz/Tourismus sowie Gestaltung des Naherholungsbereichs in Bezug auf Sicherheit, Ordnung, Podest und Bauweg. Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Institutionen und Verbänden standen als Ansprechpartner zur Verfügung.
Die Themen der Arbeitsgruppen wurden im Anschluss kurz im Plenum zusammengetragen. So befasste sich die Gruppe Denkmalschutz insbesondere mit der Frage, ob mit oder ohne Beton saniert werden kann und ob das Wehr saniert oder erneuert werden muss. Nachfragen dazu hatte es zuvor bereits an das Planungsbüro in der großen Runde des Workshops gegeben.
Vorgetragen wurden aus der Diskussion der Gruppe „Denkmalschutz“ insbesondere der Wunsch nach einer schonenden denkmalgeschützten Sanierung und die Forderung nach einem weiteren Gutachten, das in diesem Sinne den Baukörper erneut untersucht und dessen Ergebnisse öffentlich besprochen werden sollen. Dirk Meyer vom Planungsbüro erläuterte, dass sich die gesamte Anlage derzeit in einem schleichenden Prozess verschiebe. Wer sie ohne Erneuerung erhalten wolle, müsse somit bis in zehn Meter Tiefe Beton spritzen.
Deshalb setze der KLT-Plan stattdessen darauf, den Baukörper oberhalb zu erneuern. Auch beim Unterspritzen müsse dringlich die Verteilung von Betonschlamm verhindert werden, weil er nicht in die Kiemen der Fische gelangen dürfe.
Bauwege und Spundwände seien in beiden Fällen notwendig. In jedem Fall werde laut Dr. Katharina Mohnike vom Denkmalbeirat das Gesamtbauwerk vorher akribisch dokumentiert.
Auch die Arbeitsgruppe Naherholung sprach sich dafür aus, das Wehr schonend zu erhalten. Das Gebiet sei für Marburg und auch für die Anwohnerinnen und Anwohner eine Herzensgelegenheit. Gerade vor diesem Hintergrund gaben die Bürgerinnen und Bürger die dringliche Rückmeldung an die Stadt, andere Gestaltungsmöglichkeiten für die am flussabwärts linksvorgesehenen Podeste zu suchen – statt Beton etwa auf Holz zu setzen und geringere Ausmaße zu prüfen. Bewohnerinnen und Bewohner aus Weidenhausen äußerten zudem Bedenken, dass Podeste zu zusätzlichen Treffpunkten werden könnten, die zu Konflikten mit dem Wohnen im Stadtteil führen. Aus der Gruppe erhielt die Stadt den Auftrag, auch Planungsvarianten auszuarbeiten und vorstellen zu lassen, welche eine mögliche Sanierung ohne Kanurutsche oder mit kleineren Podesten umfassen.
Die Fortsetzung des Dialogprozesses und die Vorstellung der Varianten wünscht sich auch die Arbeitsgruppe „Natur- und Gewässerschutz/Tourismus“. Hier wurde insbesondere das Für und Wider einer Kanurutsche diskutiert. Sie ist nach Auskunft von Stadt und Planern während des Workshops im Gegensatz zur Fischtreppe nicht vorgeschrieben und somit Gegenstand der weiteren politischen Entscheidungen.
Während sich Lahntal-Tourismusverband, die Marburg Stadt und Land Tourismus GmbH sowie der Marburger Kanu-Club für eine solche Kanu-Anlage aussprachen, weil so ein naturnaher Kanutourismus zu stärken sei, das Umtragen über den Damm mit Rad- und Fußverkehr sowie dem Naturschutz im Uferbereich kollidiere, zeigten sie die meisten Wortmeldungen und der Bund für Umwelt und Naturschutz kritisch. Sie bezogen sich insbesondere darauf, dass eine Wehrsanierung ohne Kanurutsche laut Planungsbüro auch anders als die vorgestellte Variante aussehen könne und so mehr Spielräume eröffne.
Fischereibiologe Dirk Hübner stellte allerdings klar, dass über die Länge der Fischtreppe gesetzlich immer die Wehrhöhe entscheide. Somit sei diese Länge nicht variabel. Allerdings könnten die hier notwendigen 70 Meter, die nach bisheriger Planung neben dem Kanupass als Gerade angelegt sind, auch „gefaltet“ werden.
Wie das Bauamt der Stadt Marburg zu bedenken gab, werde das die Treppe optisch auffälliger machen, weil die Fischtreppe dann breiter werde. In jedem Fall wünscht die Gruppe, dass diese Alternativmöglichkeiten von der Stadt nun aufgezeigt werden.
Spies und Stötzel gingen direkt auf die Diskussion des Vormittags ein und kündigten ein aktuelles Gutachten zum Baukörper des Wehrs an. Wie Spies erläuterte, sollen dabei zwei Fragen geklärt werden: Wie standfest ist das Wehr aktuell? Wibt es grundsätzlich andere Sanierungsmöglichkeiten, um den Baukörper des Wehrs mit gleicher Stabilität, Standsicherheit sowie denkmalgerecht und naturnah zu erhalten?
„Diese Fragen werden wir noch einmal überprüfen lassen“, sagte Spies. Zwar zweifle die Stadt nicht an den Ergebnissen des bisherigen Gutachtens;“da aber so viele Bürgerinnen und Bürger auch heute wieder das Gutachten von 2008 in Frage gestellt haben, werden wir uns eine weitere Meinung einholen und das Grüner Wehr noch einmal überprüfen lassen“, versprach Spies. Auch bei einer schweren Herzoperation höre man sich vorher den Rat eines zweiten Mediziners an, unterstrich Bau- und Umweltdezernent Stötzel das Vorgehen.
„Wir rechnen damit, dass das Kurzgutachten noch in diesem Jahr vorliegt“, erklärte Spies. Alle im neuen Gutachten enthaltenen Informationen werden umgehend öffentlich gemacht, versprach der Oberbürgermeister.
Zugleich wolle die Stadt die bestehenden Planungen weiterentwickeln und dabei die Anregungen und Diskussionen einarbeiten. Anschließend würden diese erneut öffentlich gemacht und zur Diskussion gestellt. Schließlich habe die Bürgerbeteiligung zum Wehr mit dem Workshop begonnen und nicht geendet.
„Marburg ist eine Stadt mit ganz viel Engagement; und das trägt erheblich zur Lebensqualität, zur Qualität unserer Stadt bei“, hatte Spies zum Auftakt des Workshops betont. Jederzeit können Interessierte aber auch zwischendurch ihre Anregungen an die Stadt richten. Ab Dienstag (29. Mai) ist das per Mail unter gruenerwehr@marburg-stadt.de möglich.
„Wir wollen das Kleinod am Grüner Wehr genau als solches auch erhalten“, machte Spies zum Abschluss deutlich. Bürgermeister Stötzel und Oberbürgermeister Spies bewerteten die Veranstaltung als Erfolg. Die vielen sachlichen Hinweise bestätigten, dass der Weg einer breiten und ergebnisoffenen Bürgerbeteiligung richtig war.

* pm: Stadt Marburg

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