Marburg mitgeprägt: Louisa Biland und 40 Jahre Gleichstellungsarbeit

Gleichstellungsarbeit in Marburg war Thema der Ausstellungseröffnung mit Werken von Louisa Biland. Die Künstlerin hat den Einsatz für gleiche Chancen nachhaltig geprägt.
Seit 40 Jahren gibt es die Gleichstellungskommission in Marburg. Vieles, was mittlerweile selbstverständlich scheint, ist das Ergebnis langjähriger Gleichstellungsarbeit. Zahlreiche Frauen haben sich jahrzehntelang dafür engagiert. Eine von ihnen war Louisa Biland. Mit der Ausstellung ihrer Werke soll eine weitere Frau sichtbar werden – als Stellvertreterin für all jene, die sich für Gleichberechtigung einsetzen.
„Man darf nicht nur von der Emanzipation reden, man muss sie auch leben“, soll Biland einst gesagt haben. Genau das hat sie getan: Die Marburger Künstlerin und Politikerin war maßgeblich daran beteiligt, dass vor 40 Jahren die städtische Gleichstellungskommission gegründet und eine kommunale Frauenbeauftragte ernannt wurde.
Allerdings war das nicht erst der Beginn der Gleichstellungsarbeit in Marburg – den Grundstein dafür hatten Biland und ihre Mitstreiterinnen bereits viele Jahre zuvor durch ihr Engagement für Gleichberechtigung gelegt. So feiert zwar die städtische Gleichstellungskommission ihr 40-jähriges Bestehen mit der Ausstellung von Bilands Kunstwerken im Erwin-Piscator-Haus (EPH). Biland ist dabei aber als Stellvertreterin für all jene Frauen zu verstehen, die sich über Jahrzehnte hinweg für die Gleichstellung in Marburg eingesetzt haben.
Doch warum war dieser Einsatz so nötig? Das war unter anderem Thema während der Ausstellungseröffnung am Mittwoch (30. September). Vieles, das jetzt selbstverständlich scheint, musste vor 40 Jahren erst noch errungen werden.
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies nannte in seiner Begrüßungsrede dafür einige Beispiele. So haben Frauen erst seit 1994 die Möglichkeit, ihren Nachnamen bei der Eheschließung zu behalten. Auf den ersten Blick mag das nicht als bahnbrechende Errungenschaft wirken. Auf den zweiten Blick geht es aber doch um etwas viel Maßgeblicheres: Sichtbarkeit!
Die Sichtbarkeit von Frauen beziehungsweise das Sichtbarmachen von Nachteilen aufgrund des weiblichen Geschlechts zieht sich wie ein roter Faden durch die Gleichstellungsarbeit. Deren Verdienst war es unter anderem, dass seit 1997 Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist.
„Louisa Biland hat sich nicht damit abgefunden, wie die Dinge waren“, sagte Bürgermeisterin Nadine Bernshausen. „Sie wollte, dass Frauen selbstbestimmt leben, arbeiten und mitentscheiden können. Sie hat Bilder geschaffen – und damit auch das Bild unserer Stadt verändert.“
40 Jahre Gleichstellungskommission zeigten, wie viel erreicht worden sei, aber auch, dass Gleichberechtigung kein Selbstläufer sei. „Rechte, die uns heute selbstverständlich erscheinen, mussten erkämpft werden; und sie müssen auch in Zukunft verteidigt werden“, betonte die Bürgermeisterin.
Besonders eindrucksvoll war der künstlerische Beitrag des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM) zu Simone de Beauvoirs Werk „Das andere Geschlecht“. Biland hatte das Werk der französischen Schriftstellerin, Philosophin und Feministin stets als ihre „Bibel“ bezeichnet. Die beiden HLTM-Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser-Leichtweiß stellten dazu einen unverkennbaren Bezug her, indem sie die „Zehn Gebote der Simone de Beauvoir“ in Szene rückten und ins musikalische Gespräch mit Saxophonistin Cathrin Wenzel brachten.
Die „Gebote“ der 1986 verstorbenen Schriftstellerin spiegelten Themen wider, die auch nach 40 Jahren weiterhin für die Gleichstellungsarbeit relevant sind: Das sind etwa körperliche Unversehrtheit und Schutz vor Gewalt in Beziehungen, finanzielle Unabhängigkeit sowie solidarisches und politisches Handeln von Frauen gegen Ungerechtigkeiten und für die eigenen Rechte. Dr. Christine Amend-Wegmann vom städtischen Gleichberechtigungsreferat dankte für diese gelungene Veranschaulichung, die zu weiterem unermüdlichem Engagement für Gleichstellungsarbeit in Marburg ermutigte. Mit Bilands Worten heißt das: „Frauen sollten „wachsam sein, das Selbstverständliche nicht zu verlieren!“
So setzt die Gleichstellungsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen die Bestrebungen Bilands fort, echte Freiheit für Frauen zu erreichen und ihre Nachteile zu verringern. „Es wurde schon viel in den vergangenen Jahren erreicht, aber längst noch nicht alles“, sagte Amend-Wegmann. „Wir sind von echter Gleichstellung auch heute noch weit entfernt.“
Sie leitet das Referat führt die Geschäfte der Gleichstellungskommission. Die Gleichstellungskommission in Marburg setzt sich weiterhin für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ein. Das war auch schon Thema zu Zeiten Bilands, als das Marburger Frauenhaus, der Frauennotruf Marburg oder Wildwasser Marburg gegründet wurden, – und ist heute nötiger denn je. 2022 wurde im Zuge einer Bestandsaufnahme zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Marburg deutlich, dass die bestehenden Hilfestrukturen bei geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt noch nicht ausreichen.
Solche Bestandsaufnahmen oder auch konkrete Angebote, um Benachteiligungen zu verringern, gehören zu den Kernaufgaben der Gleichstellungsarbeit in Marburg. Mit der Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene hat eine wirksame Struktur und stärkere Vernetzung in die Zivilgesellschaft gewonnen. In der EU-Charta steht, in welchen Bereichen sich Städte und Landkreise dafür einsetzen können, dass alle Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht – gleiche Chancen haben.
In den dazugehörigen Aktionsplänen wird festgehalten, in welchen Bereichen sich für mehr Gleichberechtigung eingesetzt wird. Dabei gehören zu den Haupt-Zielgruppen der Marburger Gleichstellungsarbeit damals wie heute besonders Alleinerziehende, Frauen in Altersarmut, Frauen mit Behinderungen oder Frauen mit Migrationshintergrund. Ein Anliegen Bilands war es schon damals, die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum zu erhöhen und ihre politische Teilhabe zu stärken. Die Gleichstellungsarbeit setzt dieses Bestreben fort.
Bürgermeisterin Nadine Bernshausen sprach mit Marianne Wölk, Brigitte Görg-Kramß und Ursula Schulze-Stampe – früheren Weggefährtinnen Bilands –
unter anderem darüber, wie gering der Frauen-Anteil damals noch in der Kommunalpolitik war. Auch wurde betont, wie wichtig die übergreifende Zusammenarbeit, aber auch Auseinandersetzung, zwischen Frauen aus Parteien, Frauengruppen und institutionalisierter Gleichstellungsarbeit war, um Forderungen der Frauenbewegung tatsächlich umzusetzen. Einen Beitrag dazu leistete die gezielte Förderung und Ermutigung für politische Ämter und Vernetzung von Frauen.
Mittlerweile bietet das Gleichberechtigungsreferat Frauen unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu politischer Teilhabe. Das geschieht zum Beispiel mit Mentoring-Programmen oder Kursen an der Volkshochschule (vhs). Auch setzt sich die Gleichstellungsarbeit dafür ein, dass Frauen bei der Benennung von Straßen mehr berücksichtigt werden und in der Stadtgeschichte größere Beachtung finden.
„Es war uns ein besonderes Anliegen, dass Louisa Bilands künstlerische Werke sichtbar bleiben“, erklärte Amend-Wegmann. „Ohne das herausragende Engagement von Barbara Amend wäre das nicht zustande gekommen. Sie ist Ideengeberin und auch Motor gewesen.“
So sind die Bilder der Ausstellung „Kunst. Politik. Feminismus. 100 Jahre Louisa Biland. 40 Jahre Gleichstellungskommission“ noch eine Weile im zweiten Obergeschoss des EPH zu sehen. Dabei handelt es sich um Leihgaben von Dr. Jürgen Gohde, Gisela Gohde, Prof. Dr. Hans See und Hildegard Waltemate. Die Bilder können noch bis Donnerstag (29. Oktober) während der Öffnungszeiten besichtigt werden. Das EPH ist in der Regel montags bis freitags zwischen 9 und 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Darüber hinaus ermöglicht die Schenkung des Ehepaars Gohde, dass insgesamt sechs Bilder von Louisa Biland in Marburg bleiben. Vier Bilder finden ihren neuen Platz bei Dr. Christoph Otterbeck im Kunstmuseum. Ein Bild ist künftig über die Artothek des Marburger Kunstvereins ausleihbar. Dabei handelt es sich um eine Sammlung zeitgenössischer Kunst. Wer Mitglied im Marburger Kunstverein ist, hat demnächst die Möglichkeit, aus dieser Sammlung ein Bild von Louisa Biland auszuleihen. Zusätzlich erhält die KunstWerkStatt Marburg ein Bild Bilands für ihre neuen Räume – als Erinnerung an ihre Gründerin.

* pm: Stadt Marburg

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